Hommage an Hauswände, die zu Leinwänden wurden

MANKO steht in Großbuchstaben auf der Fassade des Hauses an der Ecke Saltykow-/Karl-Marx-Straße. Übermalt von anderen Schmierereien in Pink, Grün und Orange sind darüber die Umrisse eines Nashorns nur noch zu erahnen. Die Zeichnung zu ebener Erde ist Bestandteil eines groß-flächigen Wandbildes, das gut sichtbar in die Karl-Marx-Straße ragt.

Der Künstler Werner Brunner malte in seinem bunten Auftragswerk u. a. die Bühne des Saalbaus schräg gegenüber sowie Figuren aus dem benachbarten Puppentheater Museum. Das Nashorn mit dem „Rixdorfer Horizont“ zeichnete Brunner als Anspielung auf archäologische Funde aus der Eiszeit, die 1900 nur einen Steinwurf entfernt in Franz Körners Kiesgrube – dem heutigen Körnerpark – gemacht wurden.

„Eine profesionelle Firma entfernte die Zeichnung mit dem Nashorn vor einigen Jahren, weil man sie für eine illegale Wandmalerei hielt. Doch die Versicherung regelte den Schaden schnell. Brunner konnte 2012 das Nashorn mit einem Folgeauftrag erneut zeichnen“, berichtete Norbert Martins (l.) am vergangenen Donnerstagabend in der Neuköllner Stadtbibliothek bei einem Vortrag über die Entwicklung der Wandmalerei in Berlin von der Protest-malerei über Graffiti bis zur Street Art. Der 1947 geborene Elektroniker hat gemeinsam mit seiner Tochter Melanie Martins – einer Grundschullehrerin mit dem Hauptfach Kunst – das Buch „Hauswände statt Leinwände – Berliner Wandbilder“ veröffentlicht. Es bildet die Grundlage der aktuellen Ausstellung in der Helene-Nathan-Bibliothek in den Neukölln Arcaden.

Norbert Martins fotografiert seit 43 Jahre Wandbilder in Berlin. Sein leidenschaftliches Interesse erwachte mit dem politischen Protestbild „Weltbaum I – Grün ist Leben“ von Ben Wagin. Der Umweltkünstler und Baumpate brachte 1975 im Auftrag der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungs-wesen am Haus Siegmundshof 21 in der Nähe des S-Bahnhofs Tiergarten das erste Berliner Wandbild an. Ein Gingko und ein Nussbaum vor dem Bild waren Bestandteile des künstlerischen Ensembles.

Ein weiteres Neukölln-Motiv an einer Hausfassade ist an der Kreuzung Donau-/Erkstraße hinter dem Flachbau eines Discounters versteckt. Vom Parkdeck aus ist das Wandgemälde mit einer Szene aus der Neuen Welt, dem alten Karstadt-Haus und der historischen Gaststätte Rollkrug aber gut zu sehen. Ein großformatiges Wand-gemälde in der Flughafenstraße 71, dessen Motiv ein Rosinenbomber und winkende Kinder sind, fertigte Werner Brunner nach der Vorlage des bekannten historischen Fotos von Henry Ries aus dem Jahr 1948 an. Außerdem sind Fassadenmalereien der Künstler-gruppe Cité Création an mehreren Häusern in der Köllnischen Heide zu sehen.

Das populärste Wandgemälde des Bezirkes ist allerdings nur noch eine Legende: Das sogenannte Turnschuh-Haus, das schräg gegenüber vom Rathaus Neukölln zu sehen war, wurde 1998 abgerissen. Auf dem Grundstück stehen heute die Neukölln Arcaden mit der Neuköllner Stadtbibliothek in den oberen Stock-werken. Der Maler Gert Neuhaus (r.), der das Motiv entwarf und an die Fassade brachte, war beim Vortrag anwesend. Seine schönsten Arbeiten sind jetzt in anderen Bezirken zu besichtigen. So beispielsweise das Fassadengemälde im Mittelpunkt der Ausstellung: Ein Ozeanriese namens Phoenix, der durch die Wand eines Altbaus bricht. Die bekannteste in Neukölln noch erhaltene Arbeit von Gert Neuhaus dürften die verschraubten Häuser am Buckower Damm sein.

Wandbilder stehen nicht unter Denkmalschutz und sind Kunstwerke auf Zeit. Trotzdem können sie das Stadtbild verändern, die Bedeutung der verschönerten Häuser betonen und den Dialog in der Nachbarschaft beleben. Seit das erste Wandbild 1975 in Berlin zum Stadtgespräch wurde, sind rund 720 Wandbilder entstanden. Viele dieser Kunstwerke sind längst wieder verschwunden, verfallen oder durch neue Bilder ersetzt.

Wandmalerei wurde im vergangenen Jahrhundert in Mexiko von Diego Rivera, Frida Kalo und anderen kommunistisch orientierten Künstlern als politische Kunst- und Aktionsform entwickelt. Einzelne Woh-nungsbaugesellschaften wie die HoWoGe nutzen sie heute, um ihre Quartiere zu verschönern, die Nachbarschaft zu beleben und die Beteiligung zu fördern. Norbert Martins zeigte mit seinem Vortrag an vielen anschaulichen Beispielen, welche Potenziale für das städtische Image und die menschliche Kommunikation in der Kultur des Wandbildes stecken. Ganz nebenbei machte er damit den Unterschied zwischen Wandgemälden und egomanischen Tags deutlich. Dennoch blieb das Publikumsinteresse für sein Thema an diesem Abend leider überschaubar.

Die Ausstellung „Hauswände statt Leinwände“ ist noch bis zum 5. August in der Stadtbibliothek Neukölln (Karl-Marx-Str. 66) zu sehen. Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 11 – 20, Sa. 10 – 13 Uhr.

=Christian Kölling=

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