„Neukölln hat einen Park geschenkt bekommen“

1986, mehr als ein halbes Jahrhundert nachdem Anita Berber auf dem St. Thomas-Friedhof bestattet wurde, fand dort die letzte Beerdigung statt. Drei weitere Jahrzehnte dauerte es, bis das Gräberfeld entwidmet werden konnte, und seit gestern Mittag ist das 66.000 Quadratmeter große Gelände an der Hermann-straße offiziell ein nach Anita Berber benannter Park.

Grundlage für die Umgestaltung war ein Abkommen, das im Gegenzug für den Bau der Stadtautobahn A100 die Erschließung von Ausgleichs-grünflächen vorschreibt. Folglich wurde der Anita-Berber-Park als Gemeinschafts-projekt finanziert: Rund 2 Millionen Euro kamen für den Kauf des Grundstücks und dessen Umgestaltung vom Bund, berichtete Umweltsena-torin Regine Günther (r.) bei der Einweihung. Die Planungskosten übernahm das Land Berlin und Bänke, Spielgeräte sowie andere Installationen bezahlte der Baufonds des Quartiers-management-Programms Soziale Stadt.

Für die Anwohner aus dem Schillerkiez sei der Anita-Berber-Park weit mehr als ein Naherholungsgebiet, betonte Quartiersmanager Gunnar Zerowsky: „Der Friedhof hat das Gebiet immer getrennt.“ Wer von der Leinestraße kam und zur Warthestraße wollte oder umgekehrt, musste um das eingezäunte Areal herum laufen. Jetzt führen Wege durch den Park, der rund um die Uhr geöffnet ist; von einem Zaun umgeben ist lediglich noch das Drittel, das als Hundefreilaufzone ausgewiesen ist. Ansonsten gelte Leinenpflicht, wies Zerowsky hin: „Ich hoffe, dass sie eingehalten und der Park pfleglich behandelt wird.“ Das hätten sich einige Anwohner freilich auch bei der Umgestaltung gewünscht. Mehr als 13 Bäume, auch gesunde und solche, in denen Eulen und andere Tiere lebten, seien gefällt worden, kritisieren sie. Das weist die Pressestelle von Regine Günthers Ressort jedoch zurück: „Richtig ist: Es ist kein gesunder Baum gefällt worden. Bäume sind nur nach gutachter-licher Bewertung wegen mangelnder Standsicherheit gefällt worden. Das ist aus Sicherheitsgründen notwendig.“

Neukölln habe einen Park geschenkt bekommen, freute sich Dr. Franziska Giffey. „Und es passt“, so die Bezirksbürgermeisterin, „dass er nach einer Frau benannt wurde, die sich für die Rechte von Frauen engagiert hat.“

Wer aber war diese Anita Berber, die in den 1920er Jahren als Kultfigur der Schwulenszene galt, gerne auf ihre Skandale und Auftritte als erste Nackt-tänzerin reduziert wird, die kokste und 29-jährig an den Folgen einer Tuberkulose starb? Die Neuköllner Performancekünstlerin Bridge Markland (l.) rezitierte ein Gedicht von ihr. Vorher hatten die Schauspielerinnen Sylvia Schmid (r.) und Claudia Jakobshagen (M.), die auch im Burlesque-Theater Kleine Nachtrevue Szene aus Berbers Szenen aus Berbers Leben auf die Bühne bringen, Facetten ihrer Vita aufgeblättert. Sie sei eine Stil-Ikone gewesen: „Nicht Marlene Dietrich war die erste Frau, die Hosen und einen Smoking trug, sondern Anita Berber.“ Eine Biografie der Femme fatale hat der Autor Lothar Fischer verfasst, der ebenfalls zur Einweihung ihres Parks gekommen war, die in strömendem Regen begann.

=ensa=

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