Zwei Berliner Bezirke sind schon Fairtrade Towns: Wird Neukölln der nächste?

„Neukölln ist wie kaum ein anderer Bezirk dazu geeignet, Ideen für ein gerechteres Wirtschaften umzusetzen. Neben fairem Handel steht Neukölln zum Beispiel für Upcycling, faire Mode und regionales Wirtschaf-ten“, ist die Grünen-Bezirksverordnete Dr. Karin Nadrowski (M.) seit langem fest überzeugt.

Sie stellte deshalb kürzlich in der BVV den Antrag „Neukölln wird Fairtrade Town“, der das Bezirks-amt auffordert, an der Kampagne Fairtrade Towns teilzunehmen. Die SPD schloss sich als Zähl-gemeinschaftspartner dem Antrag an, ebenso die CDU-Fraktion. Der Beschluss sei einstimmig gefasst worden, erklärte der CDU-Bezirksverordnete Christopher Förster (r.) am Dienstagnachmittag auf der Sitzung des Wirtschaftsausschusses, die beim Bio-Großhändler Terra Naturkost in der Gradestraße stattfand. „Fairer Handel ist ja nichts Schlechtes!“, sagte Förster.

In Deutschland gibt es inzwischen 485 Fairtrade Towns. Zwei Berliner Bezirke sind bereits als Fairtrade Towns zertifiziert, drei weitere befinden sich in der Bewerbungsphase. Bezirksbürgermeiste-rin Dr. Franziska Giffey erklärte, dass die neue bezirkliche Koordinierungsstelle für Entwicklungszusammenarbeit, die bei der Stabsstelle für Innovation und Integration angesiedelt ist, damit beauftragt werden soll, eine Steuerungsgruppe einzusetzen. Die Einrichtung einer Steuerungsgruppe ist eine der Voraussetzungen für die Zertifizierung als Fairtrade Town. Weitere Prämissen sind ein Bezirksamtsbeschluss und faire Produkte wie z. B. Kaffee auf Sitzungen im Rathaus, faire Produkte im Einzelhandel, Produkte aus fairem Handel in öffentlichen Einrichtungen sowie Medienberichte über Aktivitäten zu fairem Handel. Das im Juni eröffnete Eine-Welt-Zentrum Berlin Global Village auf dem Kindl-Gelände dürfte außerdem eine große Unterstützung sein, um die Kriterien der Zertifizierung zu erfüllen.

„Wir beliefern Naturkostfachgeschäfte, Reformhäuser, Hof-läden, Verarbeiter, die Gastronomie und viele mehr. Unser Vollsortiment umfasst etwa 15.000 Bio-Produkte“, erläuterte Terra-Geschäftsführer Meinrad Schmitt (l.) bei einem Rundgang durch die Lagerhallen. Obwohl sein Unternehmen eindeutig auf Regionalität setzt, kooperiert es seit 1997 beim Import von Bio-Bananen aus der Dominikanischen Republik mit der BioTropic GmbH. „Als Gesellschafter der Importfirma kennen wir auch in Nord-, Mittel- und Südamerika, in Afrika, dem nahen und fernen Osten die Bio-Erzeuger vor Ort: Wir engagieren uns, iniitiieren oder unterstützen ökologische Anbauprojekte“, schreibt Terra Naturkost in einer aktuellen Broschüre.

Sowohl im Bio- wie im fairen Handel sind Label wie das Bio-Siegel, Blauer Engel oder Fairtrade-Siegel der Fairtrade Labelling Organisation längst nicht mehr wegzudenken. Nachdem Lebensmittelsiegel bereits etabliert sind, werden Textilsiegel wichtiger. Allein zwischen Bürkner Straße und Karl-Marx-Platz gibt es ein halbes Dutzend Geschäfte, die mit dem Verkauf fairer Textilien in Neukölln werben. Die Christliche Initiative Romero hat jetzt eine vollständig überarbeitete Neuauflage ihres Handbuches heraus-gegeben, das Label aus dem Lebensmittel- und Textilbereich vorstellt. Auch weniger bekannte Siegel wie der Global Organic Textile Standard (GOTS) werden dort nach Glaubwürdigkeit sowie ökologi-schen und sozialen Kriterien bewertet. Das 170-seitige „Wegweiser durch das Label-Labyrinth“ hilft, das eigene kritische Urteilsver-mögen zu schulen, und kann bei der Christlichen Initiative Romero bestellt werden.

=Christian Kölling=