Mit einer langen Vergangenheit in die Zukunft

Heute vor genau 100 Jahren, mitten im 1. Weltkrieg, wurde die Hebammenlehranstalt und Frauenklinik am Mariendorfer Weg in Betrieb genommen. Doch schon zum 10-jährigen Bestehen erhielt der von dem Architekten Theodor Goecke entworfene Gebäude-komplex den neuen Namen Brandenburgische Landesfrauenklinik. Neben der gynäkologischen und geburtshilflichen Tätigkeit blieb auch unter dem neuen Namen die Ausbildung von Hebammen erhalten.

Eine vor 17 Jahren begleitend zur Ausstellung „Der erste Schrei oder wie man in Neukölln zur Welt kommt“ veröffentlichte Broschüre des Museums Neukölln gibt Auskunft, dass allein in den ersten 10 Jahren nach der Gründung der Klinik etwa 500 Schülerinnen zur Hebamme ausgebildet wurden.

Als der 2. Weltkrieg vorbei war, war an einen sofortigen Weiterbetrieb der Klinik nicht zu denken. Zu massiv waren die Kriegsschäden, die an den Gebäuden entstanden waren. Erst Mitte der 1950er Jahre war die Klinik wieder vollständig aufgebaut. 1957 konnte dann die Hebam-menschule wieder eröffnet werden. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Klinik kontinuierlich weiter auf den jeweiligen neuesten medizinischen Stand gebracht und ausgebaut: So entstand von 1964 bis 1969 der Erweiterungsbau der Röntgenabteilung und von 1972 bis 1978 ein Anbau für die Geburtsmedizin. Auch die Anzahl der Geburten stieg und überschritt 1987 erstmals die Marke von 3.000 Kindern.

Die Broschüre des Museums Neukölln warf aber auch einen Blick in die Zukunft, denn in ihr steht: „Die Senatsplanung sieht in den nächsten Jahren eine Verlagerung von Frauen- und Kinderklinik sowie der Hebammenschule vor.“ Dies war dann im Jahre 2005 der Fall: Die Klinik wurde geschlossen. Nachdem der Liegenschafts-fonds das gesamte Areal verkauft hatte, verwahrloste es in den folgenden Jahren immer mehr. In den Gebäuden machte sich der Vandalismus breit, und Fotografen machten Fotosessions in dem morbiden Charme der Ruinen.

Der jetzige Eigentümer, das Petruswerk, baut heute auf dem Areal den Wohnpark St. Marien, der über 600 Mietwohnungen und auch ein Familienzentrum umfassen soll. Da die alten Gebäude unter Denkmalschutz stehen, muss denkmalgerecht saniert werden. Doch diese Auflage wird offenbar nicht durchgängig mit der gebotenen Aufmerksamkeit umgesetzt: Zuletzt hatte der Bauherr Ende 2016 Probleme mit Neuköllns Unterer Denkmalschutzbehörde. Denn diese musste mit Schrecken feststellen, dass die eingebauten Fenster nicht dem denkmalgeschützen Gebäude gerecht wurden und verhängte einen vorübergehenden Baustopp.

=Reinhold Steinle=

 

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Eine Antwort

  1. Kleine Korrektur: Problem war nicht der Einbau der falschen, sondern der flächenhafte Ausbau der denkmalgeschützten Fenster.

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