Geschichtsträchtiger Schuss und sein Nachhall auf der Bühne der Neuköllner Oper

8. Mai, 17. Juni, 13. August oder 9. November – viele Daten im Kalender markieren Wendepunkte der deutschen Geschichte. Dass auch der 2. Juni 1967, der Tag an dem Schah Reza Pahlavi und seine Frau Farah das ehemalige West-Berlin besuchten und der Student Benno Ohnesorg abends beim Anti-Schah-Protest nahe der Deutschen Oper erschossen wurde, ein Datum ist, das die Bun-desrepublik Deutschland grundlegend veränderte, will die Neuköllner Oper mit ihrer neuen Inszenierung „Der Schuss 2. Juni 1967″ anschaulich machen.

Der in Teheran geborene Komponist Arash Safain, der in Bayreuth aufwuchs, wo er früh mit den Opern Richard Wagners in Berührung kam, der Operntexter Bernhard Glocksin sowie der Videodesigner Vincent Stefan haben deshalb unter der Regie von Fabian Gerhardt ein Musikprojekt auf die Bühne gebracht, das weder Doku-Theater noch neue Oper ist. Vielmehr handelt es sich um eine Mischung aus Sprechtheater, Schauspielszenen und Musiktheater, bei der das deutsch-isländische Ensemble Adapter für die musikalische Umsetzung sorgt.

Freitagabend – exakt 50 Jahre nach den historischen Ereignissen vor dem Rathaus Schöneberg und in der Umgebung der Deutschen Oper – fand die Uraufführung an der Karl-Marx-Straße statt. „Dieser Schuss reißt alles auf, Gesellschaft, Politik, Kultur im engeren und weiteren Sinne“, urteilte Librettist Glocksin im Programmheft. Die Neuköllner Oper könne als lebendiges Opernhaus nicht an diesem Epochenereignis vorbeisehen, sondern wolle als aktiver Mitspieler der Gegenwart subjektiv mit fiktiven Figuren und Bildern dem Nachhall des Schusses folgen.

Im Stück wartet Chris, die mit Josephine Lange besetzte Hauptfigur, eine Nacht lang vergeblich auf ihren Mann Ben, verkörpert von Martin Gerke. So wie damals im Juni 1967 die schwangere Christa vergeblich auf ihren Mann Benno Ohnesorg wartete. In dieser endlos ungewissen Nacht wird der Kopf von Chris zur Bühne einer ganzen Epoche, auf die das Publikum im klinisch weißen Bühnenraum anderthalb Stunden ohne Pause blicken kann: Hanne (Ursula Renneke) und Heinz (Alexander Tschernek), die dem Ehepaar Hannelore und Karl-Heinz Kurras ähneln, erscheinen darauf ebenso so wie Gunda (Pauline Jakob) und Alex (Kamil Ahmad/Jonas Heinrich), die auf die Mutter und spätere Terroristin Gudrun Ensslin und ihren kleinen Sohn Felix verweisen. In den Nebenrollen dieses surrealen Kopfkinos erscheinen als Fantasiegestalten zudem der in Teheran im Folter-gefängnis sitzende Schriftsteller Gholam, ein fiktiver Berliner Opern-Intendant, der die Spießigkeit seiner Zeit personifiziert, sowie zwei Spaßguerilleros, die hinter revolutionären Sprüchen ihren Sexismus nur schlecht kaschieren können.

Die Neuköllner Oper präsentierte am Premierenabend eine rhythmische Klangmischung, in der verschie-denste Gegensätze ohne verbindende Melodie aufeinanderprallen: „Bürger lasst das Glotzen sein, kommt herunter reiht euch ein!“, „Schah, Schah, Scharlatan! “ oder „Ho, Ho, Hồ Chí Minh“: Laute Parolen der aus der gesamten Bundesrepublik zugezogenen Studenten treffen aus knarrenden Megaphonen im eingemauerten West-Berlin auf eine streng antikommunistische Nachkriegsgesellschaft, die Hanne und Heinz sowie die geschlossen hinter ihnen stehende schweigende Mehrheit der Stadt bilden. Aber auch innerhalb der Studentenbewegung werden in der Aufführung Brüche sichtbar, die sich aus der Änderung der Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern ebenso wie aus den Forderungen der antiautoritären Erziehung ergeben.

Im Rückblick betrachtet kann heute der Schuss, der am 2. Juni 1967 symbolisch eine ganze Generation traf, tatsächlich als Startschuss verstanden werden, für ein Deutschland, das kaum zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg damit begann, sich aus einer von Faschismus und Preußentum negativ geprägten Gesellschaft zu einem toleranten, politisch liberalen und weltoffenen Land zu entwickeln. Am Ort, wo der tödliche Schuss fiel, ist längst eine Stele aufgestellt worden, die an die Tat erinnert, deren Motiv bis heute ungeklärt ist. Vor der Deutschen Oper steht ein Relief, das der österreichische Bildhauer Alfred Hrdlicka bereits 1971 schuf, das aber erst 1990 vor der Oper aufgestellt werden konnte. Vor zehn Jahren, 2007, ließ der damalige Polizeipräsident Dieter Glietsch dort einen Kranz am Mahnmal niederlegen.

Zum 50. Jubiläum der Anti-Schah-Proteste gab es Freitagmittag vor dem Rathaus Schöneberg, wo einst persische Geheim-dienstleute mit Latten und Stahlruten ungehindert auf Demonstranten eindroschen, eine Kundgebung, auf der sich Justizsenator Dirk Behrendt für das damalige Wegschauen der West-Berliner Bereitschaftspolizei entschuldigte. Nachmittags und abends fanden an der Deutschen Oper Gedenkveranstaltungen für den im Alter von 26 Jahren erschossenen Germanistik- und Romanistik-Studenten Ohnesorg statt, der Mitglied der evangelischen Studentengemeinde war.

Die Uraufführung in der Neuköllner Oper besuchten der 1981 geborene Kulturstadtrat Jan-Christopher Rämer (SPD) ebenso wie der frühere Sozialstadtrat Bernd Szczepanski (Grüne), Jahrgang 1948. Ein Beleg dafür, dass das Musikprojekt, das von der schwersten innenpolitischen Krise Berlins seit 1961 handelt, über Partei- und Altersgrenzen hinweg Aufmerk-samkeit verdient. Am Ende des Premierenabends gab es für alle Akteure prasselnden Applaus, der für die Musikerinnen und Musiker des Ensembles Adapter noch einmal besonders aufbrauste.

Die Inszenierung „Der Schuss 2.6.1967“ wird an folgenden weiteren Termin in der Neuköllner Oper (Karl-Marx-Str. 131 – 133) aufgeführt: 8. – 11., 15. – 18., 22. – 25. und 29. Juni sowie 6. – 8. Juli, jeweils um 20 Uhr. Karten: 16 – 25 Euro, ermäßigt 9 Euro; Vorbestellung unter 030 / 68890777 sowie unter tickets[at]neukoellneroper.de und an allen bekannten Vorverkaufs-stellen.

Speziell um die Erfahrungen der 1968er-Bewegung jüngeren Generationen näherzubringen bietet die Neuköllner Oper zwei Sonderveranstaltungen an:
Am 10. Juni um 17.30 Uhr diskutieren Hans-Christian Ströbele (MdB), Ulrich Pelzer (Schriftsteller), Lutz Taufer (ehem. RAF-Mitglied), Constanze Kurz (CCC-Sprecherin) und Anna C. Loll (freie Journalistin) moderiert von Tagesspiegel-Ressortchef Gerd Nowakowski über das Thema „Schuss & Echo. Was bringt das Erinnern an den Tod Benno Ohne-sorgs?“.
Am 18. Juni um 15 Uhr gibt es unter dem Motto „re:volte (heute?) einen von Katharina Meyer kuratierten Generationendialog in Mixed Media.

=Christian Kölling=

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