Starthilfe in das nicht eben leicht verdauliche Hauptwerk des Namensgebers der Karl-Marx-Straße

Die Auseinandersetzung mit theoretischen Grund-lagen der Politik und die inhaltliche Reflexion politischer Praxis sind für eine funktionierende Demokratie unentbehrlich. Das sozialdemokratisch orientierte August Bebel Institut (ABI), das vor 70 Jahren gegründet wurde, um den Wiederaufbau einer sozialen und demokratischen Gesellschaft zu unter-stützen, begleitet als politische Bildungseinrichtung deshalb verschiedenste Initiativen, wie zum Beispiel den künstlerisch-kollaborativen Prozess auf dem Albert-Schweitzer-Platz in Neukölln, um Bürgerbetei-ligung in der Demokratie zu stärken.

Im Januar startete das ABI eine Veranstaltungsreihe mit Büchern aus der Publi-kationsreihe theorie.org des in Stuttgart ansässigen Schmetterling Verlags, die mit einem Vortrag von Gisela Notz über die Theorie alter-nativen Wirtschaftens begann. Kürzlich war Michael Heinrich, Politikwissenschaftler und Autor des Buches „Kritik der politischen Ökonomie“, in der Galerie des August Bebel Instituts in der Müllerstraße zu Gast, um seine 220 Seiten starke Einführung in das dreibändige Werk „Das Kapital“ von Karl Marx vorzustellen. Heinrichs Buch, das inzwischen die 13. Auflage erreicht hat, erschien 2004 erstmals und wurde bereits in acht Sprachen übersetzt. ABI-Programmreferent Reinhard Wenzel (l.) konnte neben dem Autor auch Doro Zinke, Vorsitzende des DGB Berlin-Brandenburg, begrüßen, die aus der Perspek-tive des praktischen Engagements die Lesung kommentierte.

„Es geht bei Marx vor allem um die Produktion und die Verteilung von Reichtum“, begründete Michael Heinrich (r.), warum das vor 150 Jahren erstmals erschienene Kapital für ihn immer noch lesenswert ist. „Das Kapital“ sei nach wie vor unverzichtbar, um Wirtschaftskrisen – samt der Rolle, die Banken, Börsen und Finanzmärkte in ihnen spielen – zu erklären. Leicht verdauliche Kost ist das wissenschaftliche Hauptwerk von Karl Marx allerdings nicht: „Es gibt viele kondensierte Passagen, an die man mit viel Konzentration herangehen muss. Ich möchte die sehr nachdrückliche Empfehlung gebe, sich mit allen drei Bänden zu beschäftigen“, sagte Heinrich und fügte hinzu: „Ich versuche, über die Anfangsschwierigkeiten hinwegzuhelfen.“

Beim Kapital erschließe die Bedeutung des zweiten Bandes sich erst vollständig nach der Lektüre des dritten Bandes. „Sie sollten ‚Das Kapital‘ wie einen guten Krimi zweimal lesen!“, empfahl Heinrich: „Bei der zweiten Lektüre ist zwar die Spannung weg, aber man bekommt gut mit, wo der Autor Spuren gelegt oder Hinweise gegeben hat.“

Kritisch setzt sich der Politikwissenschaftler Heinrich mit dem von ihm sogenannten Weltanschaungsmarxismus auseinander. Er subsumiert unter diesem Begriff eine bestimmten Auslegung der marxistischen Lehre, die mit Karl Kautsky sowohl einen sozialdemokratischen, als auch mit Wladimir I. Lenin einen kommunistischen Exponenten habe. Im Gegensatz dazu ist Heinrichs Einführung das Ergebnis einer bestimmten Interpretation der Marxschen Theorie, die seit den 1970er Jahren als „neue Marx-Lektüre“ bekannt ist. Unterschiede zwischen dem Weltanschauungsmarxismus einerseits und der neuen Marx-Lektüre andererseits arbeitet Heinrich in seiner Einführung beispielsweise bei der Erörterung des Begriffes „abstrakte Arbeit“ sorgfältig heraus. „Seine Einführung gerät zur Entführung aus dem Marxismus“, kritisierte deshalb der traditionelle Marxist Wolfgang Fritz Haug die Arbeit von Michael Heinrich.

Ebenso wie das August Bebel Institut wird die Neuköllner Karl-Marx-Straße bald 70 Jahre alt. Sie erhielt am 31. Juli 1947 ihren Namen, nachdem zuvor der ehemalige Hohenzollernplatz in Karl-Marx-Platz umbe-nannt worden war, weil nach 1945 Straßennamen mit nationalsozialistischen oder wilhelminischen Namensanteilen geändert werden sollten.

Das August Bebel Institut will die Veranstaltungsreihe mit Büchern aus der Publikationsreihe theorie.org fortsetzen. Zuerst einmal veranstaltet es aber am 1. Juni um 19 Uhr im Rahmenprogramm der Ausstellung „Entschei-dungen“ eine Diskussionsrunde zur Frage „Wie ist soziale Politik möglich?“. Mit: Klaus Barthel (Mitglied des Bundestags, Vorsitzender der Arbeits-gemeinschaft für Arbeitnehmerfragen in der SPD), Diana Juneck (Künstlerin), Christophe Knoch (Sprecher der Koalition der Freien Szene Berlin). Anmeldung erbeten unter anmeldung[at]august-bebel-institut.de

=Christian Kölling=

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