Voller Leidenschaft für das Tanzen und die Etikette

Fast 70 Jahre lang gab es, über drei Generationen hinweg, die Tanzschule Meisel in der Jonasstraße 22 im Neuköllner Körnerkiez. Als Ingeborg Meisel-Karras, mittler-weile 93-jährig, vor kurzem den Wunsch äußerte, noch einmal den alten Tanzsaal zu sehen, wurde ich kontaktiert und gefragt, ob ich hierfür einen Schlüssel hätte. Den hatte ich leider nicht und konnte auch keine Auskunft über den derzeitigen Eigentümer geben. Dafür kam ein Treffen mit Frau Meisel-Karras in ihrem Wohnsitz am westlichen Rande Berlins zustande, wo sie schon seit Jahrzehnten mit ihrem vor einigen Jahren verstorbenen Mann, Günter Karras, gewohnt hat.

Sicher haben im Laufe der Zeit tausende Neuköllner in der Tanzschule Meisel ihre ersten Tanzschritte auf dem Parkett hingelegt. Um 1915 hatten Emil und Olga Meisel, die Großeltern von Ingeborg (genannt Inge) Meisel-Karras, sie eröffnet. Die Enkelin kann sich noch gut an beide erinnern. Sie waren streng, erzählt sie, denn es war schon früh klar, dass sie die Tradition der Tanzschule fortführen sollte: Bis zuletzt wachte ihre Großmutter über die Kasse, die „sie nie aus der Hand gab“. Emil und Olga Meisel hatten zwei Söhne, von denen einer – der Vater von Inge Meisel-Karras – die Tanzschule weiterführte; der andere machte eine eigene Tanzschule auf und wurde ein bekannter Komponist und Musikverleger. An ihn, Will Meisel, erinnert eine Berliner Gedenktafel am Vorder-haus der Tanzschule.

Wenn Will bei ihren Eltern zu Besuch war, „wurden immer Späße gemacht und er animierte die anderen zum Singen“. Man sieht es ihrem Gesicht an, dass sie sich gerne an ihren Onkel erinnert. Sie selbst musste, noch nicht volljährig, nach dem frühen Tod ihres Vaters die Tanzschule, unter Aufsicht durch die Großmutter weiterführen. Ihr Mann, Günter Karras, arbeitete später auch als Tanzlehrer in der Tanzschule mit: Da auch er, wie Will Meisel, immer zu Späßen aufgelegt war, unterrichtete sie gerne mit ihm zusammen. Darüber hinaus gab das Ehepaar Anfang der 1950er Jahre den ersten Tanzkurs im Fernsehen.

Frau Meisel-Karras sagt von sich selbst, dass sie „als Tanzlehrerin sehr streng gewesen“ sei. Vielleicht war das auch ein Ausdruck ihrer eigenen Erziehung. Wie sie es von den Eltern beigebracht bekommen hatte, führte sie eine akkurate Liste, welches Kleid sie an welchen Tagen zu welchem Kurs getragen hatte. So verhinderte sie den Fauxpas zweimal hintereinander gleich angezogen zu sein.

Schon früh wurde sie als Kind auch dafür eingespannt, an Neuköllner Schulen Werbezettel der Tanzschule zu verteilen. Freiraum gab ihr, in ihrem pflichterfüllten Leben, das Tanzen selbst. Sie unterrichtete mit Leidenschaft Steptanz und war eine der ersten, wenn nicht die erste Tanzlehrerin in Berlin überhaupt, die Rock’n’Roll unterrichtete. Da sie fließend englisch und französisch spricht, gab sie auch Tanzunterricht in amerikanischen Kasernen in Berlin. Und um sich dafür perfekt vorzubereiten, lernte sie extra gebräuchliche englische Wörter rund um den Tanz. Zu einem Offizier der US-Armee hielt sie eine lange Freundschaft. Es gab – nach dessen Rückkehr – Besuche in den USA, aber auch Gegenbesuche von ihm in Berlin. „Und wenn ich mit meinem Mann längere Zeit in den USA verbrachte, dann gab ich auch dort Rock’n’Roll-Tanzkurse“,  erzählt sie mir.

Als ich sie zu Neukölln befrage, meint sie: „Neukölln war keine vornehme Stadt. Neukölln war verrufen. Ich habe die Stadt nie geliebt, aber die Arbeit.“ Ihr Wunsch, in der Natur zu leben, erfüllte sich erst in Gänze, als das Ehepaar Anfang der 1980er Jahre die Tanzschule an Rita Beck, eine ehemalige Schülerin, weitergab.

Heute erfreut sich Inge Meisel-Karras, die früher Hunde und sogar mal einen Papagei hatte, an den Vögeln im Garten und nennt als weiteres Hobby ihr Nickerchen, das sie zeitlebens gemacht hat. Auch das sei eine Tradition, die sie von ihren Eltern übernommen hat.

Dass auch die Schauspielerin Inge Meysel, die 1910 in Rixdorf geboren wurde, von ihr hätte Etikette lernen können, lässt Inge Meisel-Karras nicht unerwähnt. Denn diese kam einmal mit den Worten „Du bist die andere Inge Meysel“ auf sie zu. Ein vertrauliches Du zu einer unbekannten Person. Unmöglich.

Die ehemalige Tanzschule Meisel ist auch eine der Stationen meiner Führungen durch den Körnerkiez: Die nächste findet am 21. Mai statt und beginnt um 14 Uhr an der leuchtstoff-Kaffeebar in der Siegfriedstraße 19.

=Reinhold Steinle=

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Eine Antwort

  1. Zwischenzeitlich hat sich der Wunsch von Frau Meisel-Karras erfüllen lassen und sie war jetzt, nach vielen Jahren, mal wieder in Neukölln in „ihrem Tanzsaal“.

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