Angst vor Mieterhöhungen und Verdrängung auch in einem Neuköllner Brennpunktviertel

„Der Fußballplatz ist hier, seitdem die Häuser stehen. Schon als Schuljunge habe ich auf dem Platz gespielt. Früher war der Boden aber nicht blau, sondern rot, und die Zuschauertribüne fehlte“, erzählte der Kontaktbereichs-beamte Wolff vom Polizei-Abschnitt 54 den Gästen, die am vergangenen Sonnabend zum Bolzplatz in der Weißen Siedlung gekommen waren: Im Beisein von Senatorin Katrin Lomp-scher und Bezirksstadtrat Jochen Biedermann wurde die neugestaltete Sportanlage mit einem Turnier eröffnet.

Ernsthafte Probleme mit Kriminalität oder Ärger mit den Anwohnern habe es am nunmehr Blauen Bolzplatz nie gegeben, erklärten die Mitarbeiter des Quartiers-managements Weiße Siedlung und der mobilen Jugendarbeit von Outreach übereinstimmend. „Wir haben den Platz unter unsere Fittiche genommen“, sagte Wilfried Eßmann, Geschäftsführer des Trägers Outreach, der seit 10 Jahren den Jugendtreff Sunshine Inn im Quartier betreibt, in dem überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendliche leben. Um Vandalismusschäden vorzubeugen, wird der umzäunte Platz nachts nicht abgeschlossen. Die Jugendlichen, so die Begründung, kämen dann gar nicht erst auf die Idee, spät abends über den Zaun zu klettern.

Der Umbau des Fußballplatzes, der wahlweise auf dem großen Spielfeld in Längsrichtung oder auf zwei quer angelegten Feldern mit kleineren Toren bespielt werden kann, wurde mit Mitteln aus dem Bund-Länder-Programm Soziale Stadt, des Eigentümers und des privaten Sponsors Nike finanziert. „Man denkt immer, es macht nicht viel Arbeit und kostet nichts, so einen Platz mit etwas Tartan, Stahl und Beton neu zu gestalten. Stimmt aber nicht!“, stellte Senatorin Lompscher klar. Gülcan Balim, Architektin im Team des Quartiersmanagements, berichtete, dass in der Siedlung zwischen Sonnenallee, Dammweg, Aronsstraße und Dieselstraße in letzter Zeit insgesamt sieben herunter-gekommene Orte für rund 790.000 Euro neu gestaltet wurden.

Die Weiße Siedlung entstand als Gebiet des sozialen Wohnungsbaus in den 1970er Jahren und ist laut Mietspiegel als einfache Wohnlage ausgewiesen. In den 29 Hochhäusern, die bis zu 18 Stockwerke haben, befinden sich insgesamt 1.678 Wohnungen, in denen über 4.300 Menschen leben. Asbestbelastungen in den Wohnungen sowie illegaler Drogenhandel und Drogenkonsum im öffentlichen Raum brachten die Weiße Siedlung zuletzt in den Fokus der Medien. Der Arbeitslosenanteil ist im Quartier etwa doppelt so hoch wie im Berliner Durchschnitt. Mehr als die Hälfte der Mieter erhalten Hilfen zum Lebensunterhalt. Viele Einwohner, von denen über zwei Drittel Migranten oder deren Nachkommen sind, haben keine oder nur niedrige Schulabschlüsse und sind ohne Berufsausbildung. Kurzum: ein Brennpunkt-quartier, das vielleicht mit dem Neuen Kreuzberger Zentrum vergleichbar ist.

Die Siedlung wurde 2006 aus dem Besitz der BeWoGe (WBM Mitte) zunächst an die Brandenburg Properties 5 S.a.r.l. verkauft. Im Dezember 2016 wurden die Mieter darüber informiert, dass die Eigentümergesellschaft künftig in ADO Sonnensiedlung S.a.r.l. umfirmiert. Zum 31. Dezember 2016 endete die Eigenschaft „öffentlich gefördert“. Verwaltet werden die Wohnungen seit 1. Januar 2017 durch die ADO Immobilien Management GmbH. Ein großes Schild an der Kreuzung Dammweg/Son-nenallee bietet – ebenso wie ein Transparent an der Fassade – Wohnungen in der Siedlung zur Vermie-tung an. An der Tür des Hauses Sonnenallee 273 werden Mieterinnen und Mieter auf die Einstellung der regelmäßigen Sprechstunde hingewiesen; seitdem besteht nur noch die Möglichkeit der telefonischen Kontaktaufnahme.

Die Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, Katrin Lompscher, und Jochen Biedermann, Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung und Soziales, standen nach der Eröffnung des Bolzplatzes noch bei einem Gespräch mit alteingesessenen Mietern zusammen. Die Angst vor Mietsteigerungen und Verdrängung wachse im Quartier. Die Leute zögen in den Wohnungen noch enger zusammen und sogar am Essen für die Kinder werde gespart. Ob in Neukölln auch daran gedacht werde, die Weiße Siedlung zum Milieuschutzgebiet zu erklären, wie es in Friedrichshain-Kreuzberg für das Neue Kreuzberger Zentrum diskutiert werde, wollte Lompscher schließlich von Biedermann wissen. Solche Überlegungen gebe es in Neukölln noch nicht, antwortete er und fügte hinzu: „Ich werde aber über die Idee mal nachdenken.“

=Christian Kölling=

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