Kirchen, Moscheen, Tempel, Zentren und „Die Sache mit der Religion“ in Neukölln

Ausgerechnet beim Besuch der Ausstellung „Die Sache mit der Religion“ das Smartphone auszu-schalten oder gleich zuhause zu lassen, ist keine gute Idee. Es gebe zwar vier iPads, die Besucher sich ausleihen können, sagt ein Mitarbeiter des Museums Neukölln, wo die Ausstellung am vergangenen Donnerstag eröffnet wurde, aber „die Möglichkeit, die QR-Codes einzuscannen, haben sie nicht“. Und QR-Codes gibt es reichlich, jedes Exponat wird von einem flankiert, um online den Weg zu Hintergrundinformationen zu ebnen.

Dabei ist Wissen wichtig, wie schon Museumsleiter Dr. Udo Gößwald in seiner Rede bei der Vernissage betonte: „Die ältesten dinglichen Zeugnisse, die bei religiösen Praktiken oder Zeremonien zum Einsatz kamen, sind bis zu 9.000 Jahre alt. Wir können daraus schließen, dass die Sache mit der Religion eine tief verwurzelte Bedeutung in der Geschichte der Menschheit hat. Wenn wir etwas über die Geschichte und Kultur der Menschen, mit denen wir zusammen leben, erfahren wollen, ist es von Vorteil, etwas über ihr Verhältnis zur Religion zu wissen.“ Mit dem Ansatz, mehr erfahren zu wollen, trugen rund 130 Neuköllner Schüler maßgeblich zur Ausstellung bei. Acht Klassen konnten jeweils eine Vitrine zu der Religionsgemeinschaft gestalten, mit der sie sich befasst hatten. Außerdem, so Gößwald, entwickelten sie im Unterricht Fragen, die sie Repräsentanten der jeweiligen Religion, Kulturwissenschaftlern und praktizie-renden Laien stellten. Die dabei entstandenen Videos werden ebenfalls in der Ausstellung präsentiert.

Fast die Hälfte der Einwohner Neuköllns gehört einer Reli-gionsgemeinschaft an: dem Protestantismus, Katholizis-mus, Islam, Hinduismus oder Buddhismus. Exakte Zahlen können freilich nur die evangelische und katholische Kirche liefern; erstere hat im Bezirk 55.289, letztere 31.944 Mitglieder. Bei Schätzungen für Neukölln geht man indes von rund 60.000 Muslimen aus. Eine Zahl, die von den Atheisten weit übertroffen wird, da über die Hälfte der Neuköllner keiner Religionsgemeinschaft angehören.

Auch das hat im Bezirk Tradition, denn bereits im 19. Jahrhundert bildete sich im damaligen Rixdorf eine atheistische Bewegung. Ihr Wortführer war Bruno Bauer, nach dem in Neukölln eine Straße benannt wurde. Als der Religionsphilosoph 1842 sein in der Ausstellung präsentiertes Werk „Die gute Sache der Freiheit und meine eigene Angelegenheit“ veröffentlichte, wurde er der theologischen Fakultät der Universität Bonn verwiesen. Heutzutage sei die Toleranz gegenüber Atheisten in Berlin groß, erfuhren die Mädchen und Jungen der Klasse 8D des Albert-Einstein-Gymnasiums im Interview mit dem irischen Designer David Bonney, der 2012 das Label Atheist gründete, um in der Hauptstadt Schuhe mit atheistischer Botschaft zu kreieren. Aber: „In anderen Ländern, in denen Atheismus ein Straftatbestand ist, ist es bei der Auslieferung besser, den Namen des Labels nicht auf die Verpackung zu drucken.“

Nicht weit vom Atheismus entfernt sind – zumindest bei der Ausstellung „Die Sache mit der Religion“ – der Protestantismus und der Katholizismus. Mit Jugend-lichen der Evangelischen Schule Neukölln und der Katholischen Schule St. Marien, die in ihrer jeweiligen Komfortzone recherchierten, beschäftigten sich also quasi Experten mit den beiden Großen des Christentums. Wobei aus einer evangelischen Kirchen auch das größte Ausstellungsstück kommt: die gotische Kirchentür der Buckower Dorfkirche. Das älteste ist indes eine Bibel aus dem Jahr 1649. Erst über 200 Jahre nachdem sie gedruckt wurde, nämlich 1888, wurde in der Briesestraße mit St. Clara die älteste katholische Kirche in Neukölln gebaut.

Weitere 30 Jahre dauerte es, bis Proteste gegen den Einfluss der protestantischen und katholischen Kirche in die schulische Erziehung begannen und in der heutigen Ernst-Abbe-Schule jüdischer Religions-unterricht eingeführt wurde. Knapp 3.000 Mitglieder hatte die jüdische Gemeinde in Neukölln, die 1907 die Einweihung ihrer Synagoge in der Isarstraße feierte, seinerzeit. 1939 wurde die Gemeinde von den Nazis wieder aufgelöst, und etwa 500 Neuköllner Juden wurden deportiert und in Konzentrations-lagern ermordet. Seit den 1990er Jahren, weiß Dr. Udo Gößwald, erhöhe sich die Zahl der Menschen jüdischen Glaubens in Neukölln wieder.

Nicht nur die Geschichte des Islam in Neukölln, die 1798 mit dem Tod des osmanischen Botschafters Ali Aziz Efendi begann, sondern auch die Gegenwart standen im Mittelpunkt der Recherchen der Klasse 10 der Albrecht-Dürer-Ober-schule und der Klasse 9a des Albert-Einstein-Gymnasiums. Mit der Aufgabe „Muslimisches Leben in Neukölln – zwischen Islam und Dschihadismus“ zu erforschen, ging es vorrangig darum, mehr über die Risiken der religiösen Instrumentalisierung von Jugendlichen zu erfahren. Ihr Resümee: „Vor allen Dingen haben wir gelernt, dass es nicht einen einzigen Islam, sondern viele verschiedene Richtungen gibt, die den Glauben und unseren Bezirk bereichern. Besonders zielführend war, dass eine Gruppe das Thema Dschihadis-mus und eine das Thema Extremismus bearbeitet hat. Dadurch haben wir gelernt, die Grenzen zwischen dem Ausleben einer Religion und verbotenen und extremistischen Tendenzen zu erkennen.“

Mit dem Hinduismus und Buddhismus, den beiden jüngsten Glaubensgemeinschaften in Neukölln, beschäftigten sich derweil die Klasse 10d vom Campus Efeuweg und die Klasse 9 vom Albert-Einstein-Gymnasium. Schätzungen gingen von 300 in Neukölln lebenden Hindus aus, erfuhren sie. Wie viele Buddhisten im Bezirk wohnen, ist nicht erfasst.

„Es war uns wichtig, die Spuren der Religionsgeschichte in Neukölln herauszuarbeiten und auszustellen. Sie zeigen die historischen Dimensionen und ihre Vielfalt in unserem Bezirk“, umschreibt Museumsleiter Gößwald die Motivation, den Besuchern mit der Ausstellung anlässlich des 500. Reformationsjubiläums ein Spektrum unterschiedlicher Positionen zu vermitteln. „Wie hast du’s mit der Religion?“ fragen auch neun weitere Berliner Regionalmuseen.

Die Ausstellung „Die Sache mit der Religion“ ist noch bis zum 30. Dezem-ber im Museum Neukölln (Alt-Britz 81) zu sehen; Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 18 Uhr.

=ensa=

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