Von der Vor- bis zur Jetztzeit: Spurensuche von Christina Schwarzer und Monika Grütters im Museum Neukölln

„Sie lassen sich am besten durch die Augen lenken“, empfahl Museumsdirektor Dr. Udo Gößwald den beiden Politikerinnen, die am Anfang ihres Rundgangs durch die Dauerausstellung 99 x Neukölln, die Grundlegen-des der Bezirksgeschichte näherbringt, einen Orientierungspunkt suchten: Ein Sieben Striemer, mit dem früher Kinder an Neuköllner Schulen geschlagen wurden, liegt ebenso wie das Schach-brett, an dem einst der Maler Stanislaw Kubicki mit seinem Freund Erich Mühsam manche Partie in der Britzer Hufeisensiedlung spielte, in den Vitrinen. Die Spikes des Soziologen und Krimi-Autors Horst Bosetzky, die er bei Wettkämpfen auf der Aschenbahn trug, sind nicht weit vom über 20.000 Jahre alten Unterkiefer eines Wollhaarmammuts entfernt, der um 1900 in der Kiesgrube von Franz Körner – dem heutigen Körner-park – gefunden wurde.

Gößwald berichtete beim Rundgang über die Arbeit des früheren Museumsleiters und Heimatforschers Wilhelm Schmidt, dessen Steckenpferd die Archäo-logie war, und erinnerte vor einem Schild des Arbeitsamtes Berlin Süd an die Ölkrise 1973, die die erste schwere Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit markierte. „Das Museum soll kein ehrwürdiger, sondern lebendiger Ort sein. Gespräche sind uns wichtig“, sagte Gößwald. „Es geht darum, dass die Dinge, denen Du im Museum begegnest, Dich anregen können, sie mit Deinen eigenen Augen zu betrachten und mit Deinen Gefühlen, Empfindungen und Deinem Wissen in Verbindung zu bringen“, beschreibt Dr. Udo Gößwald (l.) sein Museumskonzept im Buch „Die Erbschaft der Dinge“, das auf der Grundlage seiner Dissertation entstand.

„Als gebürtige Neuköllnerin ist es mir außerordentlich wichtig, dass die Geschichte unseres Bezirks erforscht und erhalten bleibt. Neukölln ist über 650 Jahre alt und bietet mit seiner reichhaltigen Vergan-genheit vielen Menschen eine wichtige Identifikationsmöglichkeit“, erklärte die CDU-Bundestagsabgeordnete Christina Schwarzer  (M.) anlässlich des Besuchs von Staatsministerin Prof. Monika Grütters (r.), Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, am vergangenen Donnerstag im Museum Neukölln.

In dem fast noch leeren Raum, in dem ab Donnerstag bis zum Ende des Jahres die Ausstellung „Die Sache mit der Religion“ zu sehen sein wird, informierte sich Grütters über das Projekt zum 500. Reformationsjubiläum, für das mit Schülern aus dem Bezirk religionsbezogene Aspekte der Neuköllner Gegenwartskultur erforscht wurden. Eine Fragestellung, deren Relevanz für die Kulturstaatsministerin, die im Januar 2016 beim Diözesanempfang in Würzburg eine Rede zum Thema „Barmherzigkeit und politische Kultur“ hielt, offenkundig ist.

Anschließend führte der Rundgang in den Geschichts-speicher, das öffentlich zugängliche Archiv und Depot des Museums, im ersten Stock des Hauses. Neben vielen Exponaten, die meist von Neuköllnern gespendet wurden, ist hier auch eine Hängeregistratur mit thematisch sortierten Originaldokumenten untergebracht. Zwei Museumslehre-rinnen pflegen die Kontakte zu Schulen im Bezirk, die als Gäste des Museums immer gerne gesehen sind. Aber grundsätzlich kann jeder – nach Anmeldung – im Geschichtsspeicher Akten einsehen.

„Der Bund trägt die Verantwortung für weite Bereiche von Kultur und Medien, obwohl die Kulturförderung in der Bundesrepublik Deutschland in erster Linie Sache der Länder und Gemeinden ist“, begründete Monika Grütters auch bei diesem Besuch in Neukölln ihr Interesse, das sie u. a. an der Arbeit von Museen hat. Über 114 Millionen Besuche hätten die rund 6.700 Museen, die es flächendeckend in ganz Deutschland gebe, allein im Jahr 2015 gezählt. „Unsere Museen haben mehr Besucher als die Bundesliga“, veranschaulichte Grütters. Ausdrücklich forderte sie die Einführung eines einmal jährlich stattfindenden Museumstages für Schüler und Auszubildende: „Zwei Stunden im Museum ersparen viele Stunden trockenen Unterricht“, sagte die Staatsministerin.

Auch die Personalsituation im Museum Neukölln, das seit 120 Jahren besteht, und die Finanzierung der Museumsarbeit wurden zum Abschluss des Infor-mationsbesuches angesprochen. „Ich bin kein Mensch, der immer nach mehr Geld ruft. Ich möchte stabil die Mittel behalten“, antwortete Museumsdirektor Gößwald auf die Frage der Staatsministerin und fügte nach einer kurzen Pause an: „Eine zusätzliche Stelle für die Öffentlichkeitsarbeit würde ich aber schon gerne einrichten, bis ich in vier Jahren in den Ruhestand gehe.“

=Christian Kölling=

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