Nekropole Neukölln: „Die Bilder, die wir heute aus Aleppo sehen, gleichen den Bildern aus Berlin 1945“

Eine Studentin aus dem Iran, ihr deutscher Kommilitone und eine in Berlin geborene Syrerin haben nicht nur gemeinsam, dass sie bei Prof. Dr.-Ing. Susanne Junker an der Beuth Hochschule für Technik Berlin eine der Architektur-Masterklassen absolvierten. Die Drei verbindet mehr, denn in unterschiedlichster Art und Weise lasten Kriegserlebnisse auf ihren Seelen. Der Berliner Student auf dem Foto, das für das Nekropolen-Projekt wirbt, hat diese von den Eltern und Großeltern übernommene seelische Hypothek in einem Selbstportrait dargestellt.

Letzten Dienstag wurde im Kulturstall Schloss Britz die Ausstellung „Nekropole Berlin – Neukölln 1945“ eröffnet, die Masterklassen der Beuth Hochschule in Zusammenarbeit mit tvbmedia productions sowie dem Berliner Landesverband des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. unter Leitung von Prof. Dr.-Ing. Susanne Junker erarbeiteten.

72 Jahre nach der sogenannten Schlacht um Berlin, die vom 16. April bis zum 2. Mai 1945 geführt wurde, setzt sich das multimediale Fotoprojekt von Architektur-Studierenden damit auseinander. Zwei Jahre lang fotografierten knapp 60 Studentinnen und Studenten Grabstellen der Opfer: Über 136.000 Tote, viele davon Unbekannte, liegen auf Berliner Friedhöfen; auf 16 Friedhöfen in Neukölln sind knapp 16.000 Kriegsgräber und zusätzlich auf einer Fläche von 1.600 Quadratmetern Massengräber zu finden. Die Arbeitsergebnisse, zu denen neben Fotografien auch digitale Graphiken, crossmediale Installationen und Architektur-Entwürfe gehören, werden nun bewusst nicht in einer Galerie gezeigt, sondern an authentischen Orten wie der Kapelle des Garnisonfriedhofs am Columbiadamm, dem Friedhof Buschkrugallee sowie dem Deutsch-Russischen Museum Karlshorst.

Der wesentliche Baustein der Ausstellung ist das crossmediale Triptychon in der Kapelle des Garnison-friedhofs, das – wie ein mittelalterliches Altarbild – zur emotionalen wie intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg und seiner medialen Darbietung führen soll. Eine Kombination digitaler Medien und real gebauter Entwürfe lässt eine ambivalente Wechselwirkung zwischen Wirklich-keitstreue, Imagination und Assoziationen entstehen.

„Wir müssen dafür arbeiten, dass es keine neuen Kriegsgräber mehr gibt“, mahnte der Neuköllner Bundestagsabgeordnete Dr. Fritz Felgentreu als Lan-desvorsitzender des Volksbunds der Deutschen Kriegsgräberfürsorge Berlin bei der Vernissage, durch die der Journalist und Ausstellungsunterstützer Tim van Beveren führte. In der Berliner Stadtlandschaft, wo heute wie selbstverständlich Frieden herrscht, fänden sich immer noch Spuren des gewaltsamen Todes vieler Menschen.

Der Schauspieler Günter Lamprecht las aus seinem Buch „Erinnerungen“, in dem er u. a. beschreibt, wie er als 15-Jähriger die letzten Kriegstage in Berlin erlebte: Unmittelbar nach dem Kriegsende im Mai 1945 musste er mithelfen, die Leichen sowjetischer Soldaten, die vorübergehend im Neuköllner Wildenbruchpark vergraben waren, zum großen Soldatenfriedhof im Treptower Park zu überführen. Eine Arbeit, der er nur zwei Tage lang gewachsen war. Für seine bewegende Lesung erhielt der inzwischen 87-Jährige langanhaltenden Applaus im bis auf den letzten Platz besetzten Kulturstall.

Der Abend, den die Pianistin Kyra Steckeweh mit Werken von Fanny Hensel, Mel Bonis und Sergei Rachmaninoff musikalisch umrahmte, endete mit einer Podiumsdiskussion, an der neben Lamprecht Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey, Chronos Media-Chef Konstantin von zur Mühlen sowie Dr. Ulrike Pilar (l.) von Ärzte ohne Grenzen teil-nahmen. „Die Bilder, die wir heute aus Aleppo sehen, gleichen den Bildern aus Berlin 1945“, leitete Moderator Tim van Beveren die Gesprächsrunde ein. Dr. Pilar beklagte, dass heute in Kriegen immer häufiger Krankenhäuser gezielt angegriffen würden. Ein eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht, der – mit Ausnahme Chinas – von allen fünf Veto-Mächten des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen jedoch geduldet würde.

Die Ausstellung „Nekropole Berlin – Neukölln 1945“ ist noch bis zum 2. Mai täglich von 10 bis 18 Uhr in Neukölln auf den Friedhöfen Columbiadamm und Buschkrugallee zu sehen.

=Christian Kölling=

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