„Geschichte ist kein ‚Wünsch Dir was!'“: Buch über die Deutschen und ihre Kolonien vorgestellt

Die Kolonialgeschichte Deutschlands – von den Anfängen im 17. Jahrhundert bis zu ihrem Ende im Ersten Weltkrieg – wollen die Historiker Prof. Dr. Horst Gründer und Prof. Dr. Hermann Hiery in ihrem gerade beim be.bra Verlag erschienenen Buch „Die Deut-schen und ihre Kolonien“ umfassend und allgemein-verständlich darstellen. In der vergangenen Woche präsentierten Gründer (r.) und Hiery (l.) gemeinsam mit Verlagschef Dr. Robert Zagolla (M.) ihren Sammel-band, für den 11 renommierte Autorinnen und Autoren geschrieben haben, in der Berliner Landeszentrale für politische Bildung vor rund 100 Besuchern der Öffentlichkeit. „Wer sich mit einseitigen Stellungnahmen oder vereinfachenden Erklärungen zur deutschen Kolonialgeschichte nicht zufrieden geben will, der wird hier nicht enttäuscht“, warb der be.bra Verlag in der Einladung zur Buchpremiere.

Ausdrücklich wenden sich Horst Gründer, der bis zu seiner Eremitierung Professor für Außereuropäische Geschichte an der Universität Münster war, und Prof. Dr. Hermann Hiery, der Ordinarius für Neueste Geschichte an der Universität Bayreuth mit dem Spezialgebiet deutsche Kolonialgeschichte ist, im letzten Kapitel ihres Buches gegen die Behauptung einer Mitverantwortung des deutschen Staates oder der Reichsregierung an dem berüch-tigten „Schießbefehl“ des General Trotha gegen die Herero vom 2. Oktober 1904. „Die Handlungsweise der Verantwortlichen in Berlin weist keineswegs auf die Absicht hin, die Herero zu vernichten“, urteilen die Historiker auf Seite 321. Eine Stellungnahme, die nicht ohne Widerspruch und Kritik bleiben dürfte.

Auch das Umschlagbild des Buches mag irritieren. Einem Zuhörer, der im Gespräch, das an die Buchvorstellung anschloss, seinen Unmut über die Gestaltung des Covers äußerte, hielt Hiery entgegen: „Geschichte ist kein ‚Wünsch Dir was!‘“. Gründer ergänzte: „Wenn Politik bestimmt, was Geschichte ist, … dann will ich dazu nichts mehr sagen.“ Die überwältigende Mehrheit der Besucher widersprach der Einschätzung der beiden Historiker, derzufolge die Deutschen als Kolonialmacht genauso gut oder schlecht wie die anderen gewesen seien, jedenfalls nicht. Auch wenn Gründer und Hiery beim Kolonialismus wie selbstverständlich mit den Kategorien „gut und schlecht“ statt „grausam und grausamer“ oder „katastrophal und katastrophaler“ urteilen, geben auch sie zu bedenken: „Am Negativsten wirkte das koloniale Deutschland zweifellos durch die vielen kolonialen Kriege gegen die einheimische Bevölkerung, wobei insbesondere der Krieg gegen die Herero und Name in Deutsch-Südwestafrika und der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika zu nennen sind.“

Obgleich die Kolonialzeit des Deutschen Reiches, die 1884 mit der Kongo-Konferenz in Berlin begann und 1914 im Ersten Weltkrieg endete, nur drei Jahrzehnte dauerte, waren deutsche Wissenschaftler, Händler und Kaufleute, Entdecker und Forscher, Missionare und Soldaten an der Europäisierung bzw. Globalisierung der Erde von Anfang an beteiligt, wie HU-Privatdozent Dr. Ulrich van der Heyden eingangs im Buch darlegt. Prof. Dr. Winfried Baumgart, eremitierter Professor  an der Uni Mainz, beschreibt im anschließenden Kapitel „Bismarck und der deutsche Kolonialerwerb“ eine tiefsitzende Skepsis des Reichskanzlers gegen Kolonien. „Überseeisches Engagement koste Unsummen von Steuergeldern, werfe keinen volkswirtschaftlichen Nutzen ab und verhelfe nur wenigen Handelshäusern und Gewerbezweigen zu Gewinnen“, zählt Baumgart die Bedenken Bismarcks auf und zitiert ihn wenig später mit den Worten: „Meine Karte von Afrika liegt in Europa. Hier liegt Russland, und hier liegt Frankreich, und wir sind in der Mitte, das ist meine Karte von Afrika.“ Baumgarts überraschende These zum Umdenken Bismarcks in der Kolonialfrage lautet: Der Reichskanzler habe aus machtpolitschem Kalkül ein Kolonialbündnis mit Frankreich gegen England angestrebt. Innenpolitisch sei es ihm darum gegangen, eine pro-englische Haltung des Kronprinzen Friedrich Wilhelm unmöglich zu machen. Prof. Dr. Winfried Speitkamp von der Universität Kassel beschäftigt sich mit den ersten deutschen Annexionen in Südwestafrika (April 1884), in Togo und Kamerun (Juli 1884) sowie in Ostafrika (Februar 1885). Neben offenem Widerstand gegen die deutschen Eindringlinge habe es immer auch Kooperationen der Eingeborenen mit den Eroberern gegeben.

Über Hermann Wissmann, den Namensgeber einer Neuköllner Straße, den er „Afrika-Reisenden und Offizier“ nennt, schreibt Speitkamp: „Den sogenannten Araberaufstand von 1888 in der Küstenregion Ostafrikas, der sich gegen deutsche Eingriffe in den afrikanisch-arabischen Küstenhandel richtete, schlug Hermann Wissmann mit afrikanischen Soldaten nieder. Aus diesen Einheiten gingen die Askari hervor, Truppen einheimischer Soldaten, die dann für die Deutschen Dienst taten, dies bis in den ersten Weltkrieg hinein.“ Wirkliche Teilhabe der einheimischen Bevölkerung an den europäischen Idealen von Freiheit und Gleichheit gab es in den deutschen Kolonien allerdings nicht. Die Grundsätze der Gewaltenteilung waren überall stark eingeschränkt. An der Spitze stand jeweils ein Gouverneur, der einerseits gegenüber Berlin weisungsgebunden war, aber andererseits auch legislative Befugnisse hatte. „Rechtsgleichheit wurde gar nicht angestrebt, vielmehr gabe es getrennte Rechtskreise für Europäer und Afrikaner sowie gegebenenfalls noch für sogenannte ‚Farbige‘ gemeint waren vor allem Inder und Araber. Nur die Europäer hatten Anspruch auf Verfahren nach deutschem Recht und deutscher Prozessordnung“, muss Speitkamp auf Seite 74 vermerken. Eine wirtschaftliche Bilanz des deutschen Kolonialreiches zieht Prof. Dr. Markus A. Denzel, Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Leipzig. In Deutschland seien ökonomische, nicht aber politische Interessen aus-schlaggebend für das Engagement in den Kolonien gewesen, argumentiert auch er. Einige der angesehensten und bedeutendsten Kaufleute und Reeder gingen in Hamburg nach 1880 vom Freihandel zum Kolonialerwerb über – allen voran Adolph Woermann, der weltweit größte Privatreeder in dieser Zeit, dem in Neukölln eine Straße gewidmet ist.

Die Sozialstruktur der deutschen Kolonialverwal-tungen untersucht Herausgeber Hermann Hiery in seinem Artikel: „Während die Gouverneure der britischen Kolonien offensichtlich exakt die soziale Hierarchie des Mutterlandes abbildeten, waren die deutschen Kolonien eher das soziale Experimentierfeld des Kaiserreiches“, stellt er auf Seite 196 fest. „In die Kolonien zog es aber mehr Stigmatisierte als Gescheiterte. Potenziell stigmatisiert konnten im Kaiserreich viele sein, keineswegs nur die sozial Entrechteten. Die Peripherie bot dagegen einen merkbaren Zugewinn an persönlicher Freiheit.“

Eine durchaus kritische Auseinandersetzung mit der kolonialen Erinnerungskultur liefert in „Die Deutschen und ihre Kolonien“ schließlich Joachim Zeller, Historiker mit dem Schwerpunkt Kolonialgeschichte und Postkolonialismus. „Einen Phantomschmerz“ habe der Verlust der Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg bei vielen Deutschen hervorgerufen. Erst 1945 – im nun anbrechenden postkolonialen Zeitalter – habe die Erinnerungskultur einen grund-legenden Wandel erfahren. In der DDR seien ausnahmslos alle Kolonialdenkmäler abgetragen worden. In der BRD, wo die vom Krieg verschonten Kolonialdenkmäler überwiegend erhalten blieben sei es allerdings aufgrund zivilgesellschaftlicher Initiativen, die es sehr erfolgreich beispielsweise in Bremen gab, ebenfalls zum Sturz einiger Denkmäler gekommen.

=Christian Kölling=

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