„Die klassische Ökonomie steht ratlos und perplex da“: Hans-Matthöfer-Preis für Oliver Nachtwey und sein Buch „Die Abstiegsgesellschaft“

In seinem Buch „Die Abstiegsgesellschaft – Über das Aufbegehren in der repressiven Moderne“ liefert der Diplom-Volkswirt und promovierte Soziologe Dr. Oliver Nachtwey eine ebenso fundierte wie schonungslose Kritik der Agenda 2010 mit ihren Reformen Hartz I – IV. Am Montag vergangener Woche wurde Nachtwey dafür in der SPD-nahen Friedrich Ebert Stiftung mit dem Hans-Matthöfer-Preis für Wirtschaftspub-lizistik ausgezeichnet.

„Aus der Gesellschaft des sozialen Aufstiegs und der sozialen Integration “, so die in der Einleitung des Buches aufgestellte Hauptthese „ist eine Gesellschaft des sozialen Abstiegs, der Prekarität und Polarisierung geworden.“ Anschaulich stellt Nachtwey diese These mit den Metaphern vom Fahrstuhl und der Rolltreppe dar, die beide sowohl die kollektive als auch die individuelle Dimension von Auf- und Abstiegen verdeutlichen: „Noch bis in die achtziger Jahre war die bundesdeutsche Gesellschaft durch den ‚Fahrstuhleffekt‘ gekennzeichnet. Im Fahrstuhl fahren alle gemeinsam nach oben, auf der Rolltreppe hingegen können sich auch die Abstände zwischen den einzelnen Individuen verändern, wenn sie auf der fahrenden Treppe nach unten oder oben steigen.“

In ihrer Entscheidung lobte die Jury: „Oliver Nachtwey verknüpft auf überzeugende Weise soziologische und wirtschaftswissenschaftliche Analysen. Dadurch ermöglicht Nachtweys Buch eine Neubewertung der Entwicklung der Bundesrepublik von der Aufbruchsstimmung der Nach-kriegsjahrzehnte zur heutigen Krisengesellschaft. Phäno-mene wie wirtschaftliche Stag-nation, Rechtspopulismus und Abstiegsangst können so plausibel eingeordnet werden.“

Kurt Beck (l., neben Nachtwey), ehemaliger Minister-präsident in Rheinland-Pfalz und jetzt Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung, überreichte dem Autor, der gemeinsam mit seinem Vater sowie seiner Ehefrau und ihrem drei Monate alten Kind zur Feierstunde gekommen war, den mit 10.000 Euro dotierten Preis, der zum dritten Mal verliehen wurde. Die Hans-und-Traute-Matthöfer-Stiftung will nach eigener Aussage gezielt Wirtschafts- und Sozial-wissenschaftler auszeichnen, die jenseits der volkswirtschaftlichen Standardtheorie oder des makroökonomischen Mainstreams neue Antworten auf die großen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Herausforde-rungen suchen.

„Oliver Nachtwey hat sich in großer Schärfe mit dem Reform-ansatz der Agenda 2010 auseinandergesetzt“, bestätigte Thorsten Schäfer-Gümbel, Partei- und Fraktionsvorsitzender der SPD in Hessen und stellvertretender SPD-Vorsitzender im Bund. Es sei vielleicht erstaunlich, bemerkte er in seiner Festrede, dass eine SPD-nahe Stiftung das Buch „Die Abstiegsgesell-schaft“ überhaupt ausgezeichnet hat. Die Sensibilität für das Thema erkläre sich aber allein deshalb, weil viele SPD-Politiker wie Willy Brandt, Sigmar Gabriel und auch er als Arbeiterkinder aus einfachen Verhältnissen kämen. „Mein Wunschtitel für eines der nächsten Bücher von Oliver Nachtwey heißt ‚Die Aufstiegsgesllschaft 4.0‘“, beendete Schäfer-Gümbel seine Rede mit einer optimistischen und versöhnlichen Perspektive.

Der Soziologe Ulrich Beck prägte 1986 für die westdeutsche Wachstumsgesellschaft, die ungefähr 1950 begann und ihre Hochphase bis 1973 hatte, den Begriff „Fahrstuhleffekt“. Nachtwey erläutert im ersten Kapitel seines Buches unter der Überschrift „Soziale Moderne“: „In der Wachstumsgesellschaft standen alle Schichten von Arbeitnehmern bis zu Vermögensbesitzern, zusammen im Fahrstuhl und fuhren gemeinsam nach oben.“ Die Ungleichheit zwischen den Schichten bzw. sozialen Klassen wurde zwar nicht beseitigt, erschien aber bedeutungsloser als früher, weil es allen besser ging. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Sozialstaat bis weit in die Reihen der Christdemokraten und Liberalen akzeptiert. Der liberale Soziologe Ralf Dahrendorf konzedierte, dass auch bürgerliche Grundrechte, die formell in Gesetz und Verfassung garantiert sind, durch wirtschaftliche Schwäche und mangelnde Bildung in ihrer individuellen Ausübung begrenzt werden. Im Zuge der Entstehung des Sozialstaates im 20. Jahrhundert wurde schließlich der Begriff der sozialen Staatsbürgerrechte geprägt. Als Mitglied der Gesellschaft hatte ihnen zufolge jeder Bürger ein Anrecht auf soziale Mindestsicherung und soziale Teilhabe. Im Spannungsverhältnis zwischen der politischen Gleichheit der Bürger im demokratischen Staat und der sozialen Ungleichheit der Marktwirtschaft wirken soziale und wirtschaftliche Bürgerrechte moderierend ein. „Aus Proletariern werden Bürger“, resümiert Nachtwey die Funktion des Sozialstaates auf Seite 26 kurz und bündig.

Die Weltwirtschaftskrise 1973 markierte den Wende-punkt von der sozialen Moderne zur regressiven Modernisierung. Fortan prangerte der Neoliberalismus den Sozialstaat als eines der wichtigsten Hindernisse für neues Wachstum an. Die Institution Sozialstaat wurde nicht länger als kollektive Absicherung aller Arbeitnehmer und aller Bürger interpretiert, sondern in eine Gabe der Starken und Aktiven an die Schwachen und Passiven umgedeutet. Mit der Agenda 2010 endete die „Soziale Moderne“, erklärt Nachtwey im Kapitel 4: „In der Abstiegsgesellschaft sehen sich viele Menschen dauerhaft auf einer nach unten fahrenden Rolltreppe. Sie müssen nach oben laufen, um ihre Position überhaupt halten zu können.“

„Ja, wir wollten mit der Agenda 2010 den Anspruchslohn senken“, erklärte Jury-Mitglied Thomas Fricke unumwunden den Sinn und Zweck der Hartz-Reformen. Objektiv seien heute gar nicht so viele Arbeitnehmer bedroht. Reallohnverluste habe es vor allem bei den unteren Einkommen gegeben. Aber die Agenda 2010 habe einen enormen Schock und viel Verunsicherung vor allem über die Alterssicherung bei den Beschäftigten ausgelöst. „Zur Zeit herrscht eine gute Konjunktur. Wenn sie schlechter wäre, wären die Abstiegsängste realer.“ Viel Kritik übte Fricke (r.) an der herrschenden Wirtschaftswissenschaft, die nicht in der Lage gewesen sei, die Finanzkrise und den Banken-Crash 2008 vorherzusehen oder gar zu verhindern. Ausdrücklich verteidigte er deshalb die Entscheidung der Jury, dass sie mit Dr. Oliver Nachtwey einem Soziologen mit Wirtschafts-kenntnissen, aber nicht einem Ökonom den Preis für Wirtschaftspublizistik verliehen hat. “Wir haben dieses Signal ganz bewusst gesetzt. Die klassische Ökonomie steht ratlos und perplex da. Sie ist erstaunt, warum die Menschen unglücklich sind, obwohl die Konjunkturlage gut, und die Arbeitslosigkeit gering ist.“

Der Erklärungsansatz, den Oliver Nachtwey im zweiten Kapitel seiner Analyse unter der Überschrift „Kapitalismus (fast) ohne Wachstum“ vorstellt, liegt zum ökonomischen Mainstream in mehreren Punkten quer. Erstens versteht Nachtwey den Finanz-kapitalismus als eine ursprüngliche Reaktion auf die Wachstumskrise der Realwirtschaft , die erst später zu einer eigenständigen Ursache der Krise erwuchs. Die Diagnose des in Östereich geborenen Ökonom Rudolf Hilferding, der bereits 1910 ein Buch mit dem Titel „Das Finanzkapital“ veröffentlichte, erlange heute wieder Plausibilität.

Zweitens weist Nachtwey vehement darauf hin, dass die Klassiker der ökonomischen Theorie einem langanhaltenden Wirtschaftswachstum skeptisch gegenüberstanden, was heute vielfach verschwiegen werde. Nicht nur Karl Marx habe den sogenannten „tendenziellen Fall der Profitrate“ zu einem Kernstück seiner Kritik gemacht – auch Adam Smith, David Ricardo, sogar John Maynard Keynes und Joseph Schumpeter hätten diese Entwicklungstendenz erkannt, obwohl sie sie mit anderen Begriffen beschrieben. Die Notwendigkeit eines dynamischen Wachstums sei vielleicht der einzige Punkt. über den sich Liberale, Sozialdemokraten, Konservative und linke Gewerkschafter einig sind. Dem entgegnet Nachtwey: „Der Postwachstums-kapitalismus wird immer mehr zu einer Realität, nur eben nicht in der ökologischen Variante, die sich die Kritiker wünschen.“

Das verkündete Ziel der Agenda 2010 bestand darin, für alle den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern und die Menschen in die Lage zu versetzen, ihr Leben eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen. Tatsächlich, so räumt auch Oliver Nachtwey ein, waren noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik so viele Menschen erwerbstätig wie im Jahr 2015. Kritisch ist dem vergangenen System der „Sozialen Moderne“ auch entgegenzuhalten, dass es zwei Gruppen -nämlich Frauen und Gastarbeiter – lange Zeit tendenziell ausgrenzte. Sozialer Aufstieg war in der Vergangenheit ein Familienprojekt, bei dem zumeist der Mann den Aufstieg für und mit der Familie schaffen sollte. „Regressive Modernisierungen entstehen häufig im Schlepptau liberaler Gleichstellungen. Eine der wichtigsten Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte ist die wachsende Gleichberechtigung der Geschlechter. In geringerem Ausmaß gilt dies auch im Hinblick auf die ethnische Herkunft“, hält Nachtwey auf Seite 76 fest. Die horizontale Mobiliät zwischen Frauen und Männern, Einwanderern und Alteingesessenen innerhalb einer Klasse oder Schicht habe sich in der Vergangenheit also immerhin verbessert. Deutliche Botschaft des Kapitels: Das Protestpotenzial bleibe in Deutschland wie auch in Europa erhalten, denn in der regressiven Moderne entsteht eine Gesellschaft des sozialen Abstiegs, der nicht die Arbeit, sondern die integrative Arbeit ausgeht. Erwerbstätigkeit gewährt zunehmend weniger Menschen Sicherheit, Status und Prestige sowie die Möglichkeit zu einer kontinuierlichen Lebensplanung.

Das clair-obscure Saxophon-Quartett (l.) spielte zum Aus-klang der Preisverleihung den Kanonensong aus der 1928 uraufgeführten Dreigroschenoper von Kurt Weill und Bertolt Brecht – wohl als ein Zeichen der Hoffnung, dass auf den Prozess der regressiven Modernisierung eine solidarische Moderne folgen könnte.

=Christian Kölling=

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