„First Things First“ und „Up and Down“: Zwei neue Ausstellungen im Neuköllner KINDL-Zentrum

Ende Oktober 2016 eröffnete das KINDL- Zentrum für Zeitgenössische Kunst mit der Gruppenausstellung „How Long Is Now?“ und der thematischen Ausstellung „Inhalt“ mit Bildern des Malers Eberhard Havekost im Maschi-nenhaus M1 und M2 der ehemaligen Neuköllner Traditionsbrauerei im Rollbergviertel seinen Betrieb. „Wir sind wirklich extrem glücklich, dass das Zentrum für Zeitgenös-sische Kunst in Berlin so gut angenommen worden ist“, bilanzierte Andreas Fiedler (l.), künstlerischer Direktor des Hauses, am vergangenen Freitag: „Über 15.000 Besucher haben die beiden Ausstellungen gesehen.“ Gestern Nachmittag wurde eine neue Doppelausstellung eröffnet: „First Things First“ lautet der Titel einer umfassenden Werkschau mit überwiegend fotografischen Arbeiten der aus dem Iran stammenden Künstlerin Shirana Shabazi. „Up and Down“ heißt die parallel laufende zweite Gruppenausstellung des Kunstzentrums, in der die Frage aufgeworfen wird, ob vielleicht die Avantgarde von heute die Salonkunst von morgen ist.

„Ich bin ein großer Andy Warhol-Fan“, erklärte An Paenhuysen, Gastkuratorin von „Up and Down“ bei der Vernissage. Warhol sei der erste Künstler gewesen, der damit warb „in“ zu sein. Er dachte Kunst und Popularität zusammen und nannte seine Kunst „Pop Art“, während vor Warhols Zeit die Kunst eher mit Tiefsinn, Anti-Mainstream oder Transzendenz in Verbindung gebracht wurde. Paenhuysen brachte dieser Idee folgend in ihrer Gruppenausstellung die unterschiedlichsten Gegensätze zusammen. Der singapurische Künstler Ming Wong machte mit seinem Video „Lerne Deutsch mit Petra von Kant“ beispielsweise ein augenzwinkerndes Integrationsangebot, um sich in seiner neuen Heimat zu akklimatisieren. Das Video, in dem die Protagonistin Petra von Kant sehr viel flucht und einen Schwall theatralischer Vulgaritäten herausschreit, entstand nachdem Ming Wong 2007 von London nach Berlin gezogen war, wo er zunächst weder die Sprache beherrschte noch Bekannte oder Freunde hatte. Vorlage der Video-Arbeit war der 1974 in Cannes ausgezeichnete Film „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“, dessen Regisseur Rainer Werner Fass-binder einst öffentlich vorgeworfen wurde, einen provinziellen Film gedreht zu haben, was er mit stoischer Ruhe und dem Satz “Ich glaube der Film ist nicht so provinziell, wie ihr seit”, zurückwies.

Die Künstlerin Lena Braun schafft seit den 1980er Jahren temporäre Kunst-projekträume in Berlin. Mit einer übergroßen „California Roll Inside Out“ hat sie für die Ausstellung einen Kunstraum gestaltet, in dem das Innere nach außen gekehrt wird. Die „California Roll“ ist eine Sushi-Rolle, in der das geröstete Algen-Papier im Innern verborgen ist und der leuchtend glänzende Kaviar die Rolle umhüllt. Durch diesen Trick, der die ursprüngliche Anordnung der japanischen Spezialität umkehrt, wurde Sushi 1971 in Los Angeles populär.

Christine Sun Kims Werk, das die dritte von insgesamt neun Arbeiten der Sammelausstellung ist, setzt sich in einer als audiozentrierten erfahrenen Kunstwelt mit dem Thema Klang auseinander. Die gehörlose Künstlerin analysiert in einer hörenden Welt mit ihren Skizzen und Zeichnungen die graphischen Symbole, anhand derer Hörende die Klangregeln festlegen. Weitere Arbeiten der Ausstellung „Up and Down“ stammen von Andy Warhol, Wolfgang Müller, Magnus Palsson, Nick Hooker, Akane Kimbara und Jennifer Danos.

Shirana Shahbazi (l.), die von 1995 bis 2000 Fotografie in Dortmund und Zürich studierte, ist erstmals in Berlin mit einer umfassenden Werkschau vertreten. Gezeigt wird eine repräsentative Auswahl ihrer fotografischen Arbeiten, die in den vergangenen 10 Jahren entstanden sind. Die Ausstellung „First Things First“ präsentiert einen visuellen Bilderkosmos. Bei der Hängung der Bilder besteht ein gleichberechtigtes Nebeneinander unterschiedlichster Motive und Bild-sprachen. Unspektakuläre Landschaftsaufnahmen hängen neben akkurat inszenierten Frucht- und Blumenstilleben. Beiläufig wirkende Stadtszenen sind neben abstrakten Farbkompositionen zu sehen. Der Ausstellungstitel „First Things First“ – das Wichtigste zuerst – verweist eben nicht auf eine wertende Priorisierung, sondern stellt ganz im Gegenteil eine hierarchische Kategorisierung radikal in Frage. Eigens für einen leicht abgetrennten Nebenraum der Ausstellungsetage im Maschinenhaus M2 hat Shabazi eine Arbeit erstellt, die sechs ihrer farbigen geometrisch-abstrakten Kompositionen unter ganz spezifischen Lichtbedingungen zeigt.

Wie bereits bei der ersten Ausstellung bleibt ein Fenster der Etage unverhängt und bietet einen guten Blick über die Dächer Neuköllns bis zum Fernsehturm am Alexander-platz. Und auch sonst zeigt sich das KINDL – Zentrum für Zeitgenössische Kunst seiner Umge-bung gegenüber offen: Für Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 3 bis 13 wird begleitend zur Ausstellung „First Things First“ ein 90-minütiger Workshop vormittags außerhalb der Öffnungszeiten angeboten.

Die Ausstellungen „First Things First“ und „Up and Down“ werden bis zum 6. August im KINDL – Zentrum für Zeitgenössische Kunst (Am Sudhaus 3) gezeigt. Öffnungszeiten: Mi. – So. 12 – 18 Uhr; Eintritt: 5 Euro /erm. 3 Euro. Zur Ausstellung „First Things First“ ist ein 24-seitiger Katalog mit rund 50 Abbildungen erschienen.

Weitere Informationen über Workshop bei Valeska Schneider (Tel. 030 / 832 15 91 20 oder v.schneider[at]kindl-berlin.de)

=Christian Kölling=

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