25-jähriges Bestehen eines Neuköllner Kleinods

„Das Gespräch ist die Basis des Friedens“, begrüßte Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey gestern Mittag mit einem Zitat des Universalgelehrten Johann Amos Comenius die zahl-reich erschienenen Gäste im Rixdorfer Comenius-Garten. In Neukölln sind unter den gut 350.000 Einwohnern über 80 Religionsgemeinschaften und mehr als 150 Nationalitäten vertreten. An diesem Tag, an dem sich der Geburtstag des tschechischen Theologen, Philosophen und Pädagogen zum 425. Mal jährte und zugleich der nach ihm benannte Garten in Nord-Neukölln sein 25-jähriges Bestehen feiern konnte, war Bezirksbürgermeisterin Giffey für die feierlichen Schlüsselübergabe zur Wiedereröff-nung der frisch sanierten Werkstatt des Wissens gekommen. Begleitet wurde Giffey von den Bezirksstadträten Jan-Christopher Rämer, Jochen Biedermann und Bernward Eberenz. Aus der Senatskanzlei war Steffen Krach, Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung erschienen, um ein Grußwort zu sprechen.

Die größte Neuerung ist der neu gebaute Wintergarten. Hier können die Kinder ganzjährig beobachten und experi-mentieren. Die Baumaßnahme kostete knapp 1,1 Millionen Euro, die aus Mitteln des Programms Soziale Stadt und aus bezirklichen Haushaltsmitteln aufgebracht wurden.

Für das Musikprogramm des Festaktes zeichnete das aus der Neuköllner Partnerstadt Usti nad Orlici angereiste Klarinetten-Quartett der Grundschule der Künste (ZUS)  verantwortlich, das nach dem tsche-chischen Violinenpädagogen und Komponisten Jaroslav Kocian benannt ist.

Auf dem Werkstatthof samt Gewächshaus und in der Wunderkammer der Werkstatt können Neuköllner Kinder jetzt ganz im Sinne des tschechischen Pädagogen Johann Amos Comenius spielend Alltagsphänomene und die Wunder dieser Welt erforschen. „Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, die in der neuen Forschungswerkstatt ein Archiv des Kinderwissens aufbauen, unterstützen das Projekt ebenso wie das Quartiersmanagement Ganghoferstraße“, erklärte Neele Illner (l.). Die Literaturwissenschaftlerin ist seit kurzem die neue Leiterin des Comenius-Gartens und damit Nachfolgerin des Politologen Henning Vierck.

„Wir probieren hier Dinge aus, die anderswo nicht möglich wären“, berichtete Prof. Dr. Jürgen Renn, Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, in seinem Festvortrag zum Jubiläum des Comenius-Gartens, den er zur Neueröffnung der Wunderkammer der Werkstatt hielt. Die gemeinsame Wunderforschung von Kindern, Wissenschaftlern und Künstlern hat im Comenius-Garten Tradition. „Alle lernen ohne Zwang. Das ist neben dem Gespräch die zweite Säule der Lehre von Comenius“, sagte Renn. In den Projekten für Kinder gehe es immer um die ganz großen Themen wie Licht, Himmel, das Nichts oder Weltbilder. Das neue Forschungsthema ist Zeit.

Abseits des offiziellen Programms besichtigten die Bezirksstadträte Jan-Christopher Rämer und Jochen Biedermann zusammen mit dem Bezirksverordneten Peter Scharmberg eine rund 60 Meter lange und 6 Meter hohe mit Efeu bewachsene Mauer im hinteren Teil des Comenius-Gartens. Der Efeu ist sowohl Lebensraum als auch Brut- und Nistplatz geschützter Tierarten wie Fledermäuse und Zauneidechsen. Etliche Singvögel nutzen ihn ebenfalls. Ein geplantes Neubauprojekt auf dem Grundstück Karl-Marx-Straße 179 gefährdet dieses wichtige Großstadt-Biotop. Die Mauer ist nämlich zugleich die Rückwand alter Gewerbegebäude, die abgerissen werden sollen, um Neubauten auf dem Areal in der Karl-Marx-Straße Platz zu machen. In der Bezirksverordentenversammlung wurde der Fall bereits mit einer Bürgeranfrage zur Sprache gebracht. Der Ausschuss für Stadtentwicklung sowie die im Bezirk angesiedelte Untere Umweltschutzbehörde haben sich damit ebenfalls bereits befasst.

Nach dem Imbiss im Anschluss an die symbolische Schlüsselübergabe zur Werkstatteröffnung gab es im nahe-gelegenen Saal der Brüdergemeine in der Kirchgasse ein Deutsch-Tschechisches Netzwerktreffen, zu dem das Tschechische Zentrum in Berlin – unterstützt von der Senatskanzlei Berlin und dem Comenius-Garten – eingeladen hatte. Pfarrer Christoph Hartmann konnte den Botschafter der Tschechischen Republik, S.E. Tomáš Jan Podivínský (l.), ebenso wie Dr.Tomáš Sacher (M.), den Direktor des Tschechischen Zentrums begrüßen. Im Mittelpunkt dieser Veranstaltung standen die Vernetzung und das gegenseitige Kennenlernen. Darüber hinaus wurden Fördermöglichkeiten und Projekte im Rahmen des Deutsch-Tschechischen Kulturfrühlings vorgestellt und Aktivitäten in Böhmisch-Rixdorf präsentiert. Der Deutsch-Tschechische Kulturfrühling 2017 ist eine grenzüberschreitende Kulturinitiative mit Festivals, Theater, Bildender Kunst, Tanz, Musik, Film und Literatur.

=Christian Kölling=

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