Vorbild May-Ayim-Ufer: „Wir werden weitere Namensvorschläge machen, bis Wissmann weg ist“

„Es gibt keinen Zusammenhang zwischen diesen Kannibalen und Erdogan. Was soll das? Das ist tiefsitzender Rassismus!“ Moctar Kamara ist sichtlich empört über eine großformatige Karikatur in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 19. März. „Ich habe Anzeige gegen die FAZ wegen Verun-glimpfung erstattet. Mal sehen, wie die Frankfurter Staatsanwaltschaft darauf reagiert“, erklärt der Vorsitzende des Zentralrats Afrikanischer Gemeinden in Deutschland weiter und verweist auf seine Veröf-fentlichung bei Facebook. Kamara erhält bei den Umstehenden viel Verständnis und Zustimmung für seine Empörung: Anlässlich des internationalen Tages gegen Rassismus ist er auf Einladung der Grüne-Abgeordneten Dr. Susanna Kahlefeld zusammen mit Famson Akinola, dem Vorsitzenden des Afrika-Rates Berlin, gestern als Gastredner an die Neuköllner Kreuzung Wissmannstraße/Hasenheide gekom-men. Auch Bernd Szczepanski, Vorsitzender der Grünen-Fraktion in der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung, war bei der symbolischen Straßenumbenennung, mit der an die Schriftstellerin und Aktivistin Aoua Keita erinnert werden soll, die für Frauenrechte und die staatliche Unabhängigkeit von Mali eintrat. Es ist nicht die erste symbolische Umbenennung der Wissmannstraße: Am Wochenende hatte eine Amnesty International-Gruppe die Straße, die noch den Namen des Kolonialgouverneurs aus der Kaiserzeit trägt, kurzzeitig nach Julius Nyerere benannt. Nyerere war erster Präsident Tansanias und mit Willy Brandt befreundet. Zum Frauentag 2016 hatten Kahlefeld und ihre Parteikollegin Anja Kofbinger für die Straße dicht am Hermannplatz den Namen Charlotte Wolff vorgeschlagen.

Im Jahr 1890 erhielt die Wissmannstraße ihren heutigen Namen. Die Werkstatt der Kulturen, die seit ihrer Gründung 1993 Anlieger der Straße ist, wünscht seit langem einen neuen unbelasteten Straßennamen. Auf ihrer Webseite erklärt die Institution, dass Wissmanns Bezeichnung als „Forschungsreisender“ und als „einer der wagemutigsten und erfolgreichsten Afrikaforscher“ den Gewalttaten während des deutschen Kolonialismus nicht gerecht werde und historische Realitäten verschleiere.

„Unrecht darf so nicht stehen bleiben. Es verletzt die Nachfahren der Opfer“, begründet Kahlefeld die symbolischen Aktion. „Wir werden weitere Namens-vorschläge machen, bis Wissmann weg ist!“ Moctar Kamara und Famson Akinola fordern die Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung auf, unter Einbeziehung der schwarzen Community auf Augenhöhe für die Wissmannstraße und ebenfalls kolonialbelastete Woermann-kehre neue Namen zu finden. Mit der Umbenennung des Kreuzberger Gröbenufers in May-Ayim-Ufer im Februar 2010 sei in Berlin ein Perspektivwechsel eingeleitet worden. Der Bezirk Mitte habe gerade die Umbenennung der Lüderitzstraße und des Nachtigallplatzes beschlossen. Nachdem ein Antrag der Neuköllner Grünen aus der vergangenen Amtsperiode nicht behandelt wurde, steht das Thema jetzt wieder mit einem Antrag der SPD-Fraktion auf der Tagesordnung der Bezirksverordnetenversammlung.

„Rassismus jeglicher Art offensiv entgegentreten!“, lautet das Motto der Kundgebung an der Rudower Spinne, die nachmittags als zweite Veranstaltung zum Internationalen Tag gegen Rassismus in Neukölln stattfand. Wie im vergangenen Jahr hat wieder ein Bündnis von Gewerkschaften, Jusos, Falken und zivilgesellschaftlichen Gruppen zur Teilnahme aufgerufen – und diesmal einen riesengroßen roten Bären an die Kreuzung Groß-Ziethener Chaussee/Neuköllner Straße mitgebracht. „Treten wir gemeinsam ein für eine sozial gerechte Gesellschaft, in der jeder unabhängig von Hautfarbe, Religion oder Geschlecht gleichberechtigt sein Leben gestalten kann, in der weder rassistische noch soziale Diskriminierung Platz finden“, steht im gemeinsamen Aufruf der Initiativen. Gewarnt wird vor Deutschtümelei, Rechtspopulismus und neonazistischer Propaganda. Auch Gewerk-schaftsmitglieder seien nicht immun gegen rechte Stimmungsmache. „Hochkulturen haben sich nicht durch Abschottung entwickelt“, hält Roland Tremper, stellvertretender verdi Landesbezirksleiter in Berlin-Brandenburg dem entgegen. Alle Kolleginnen und Kollegen seien ganz unabhängig von ihrer Herkunft gleich.

=Christian Kölling=

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