Besuch von der Umweltsenatorin: Regine Günther zum Kiezspaziergang in Rixdorf

„In Rixdorf gibt viele eigentlich wunderschöne Plätze und eine lebendige Nach-barschaft, die diese gerne nutzt“, davon sind Anwohnerinnen und Anwohner des Kiezes zwischen S-Bahnhof Sonnenallee und Karl-Marx-Platz fest überzeugt. Sie gründeten deshalb im Sommer 2016 die Anwohner*inneninitiative „Mehr Kiez für Rixdorf“. Rixdorf sei der richitige Ort, um jetzt vorbildliche Modelle für ‚klimafreundliche Kieze‘ in Berlin zu schaffen, ist Saskia Ellenbeck, die die Gründung der Gruppe initiierte, sich sicher. Freitagnachmittag besuchte Umweltsenatorin Regine Günther (M.) die Initiative im Richardkiez für einen Spaziergang vom S-Bahnhof Sonnenallee zum Karl-Marx-Platz, bei dem sie von Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey (l.) und Jochen Biedermann (r.), Bezirksstadtrat für Stadtent-wicklung und Soziales, begleitet wurde.

„Im Sommer letzten Jahres gab es einen tödlichen Verkehrsunfall an der Braunschweiger Straße/Ecke Sonnenallee als nachts ein Taxi einen Motorradfahrer an der Einmündung erwischte. Beide fuhren wahrscheinlich viel zu schnell“, berichtete Saskia Ellenbeck (l.) gleich zu Beginn der Tour an einer Kreuzung in der Braunschweiger Straße. Starker Durchgangsverkehr belaste den Kiez übermäßig, denn die Werte für Lärm, Abgase und Feinstaub seien viel zu hoch. Kinder und ältere Bewohner des Kiezes könnten an vielen Stellen kaum sicher und sorglos die Straße überqueren, lautet die grundlegende Kritik der Anwohnerinitiative. Der Autobahnbau und der Umbau der Karl-Marx-Straße hätten die Situation noch verschlimmert. „Wir bitten Sie, den Umbau der Saalestraße um zwei Jahre nach hinten zu verschieben“, appellierte Saskia Ellenbeck an die Senatorin und das Bezirksamt Neukölln:„Ein verfrühter Beginn des Umbaus der Saalestraße würde die Belastungen weiter verschärfen, weil dadurch noch mehr Autos durch den Richardkiez fahren würden.“ Dass der Richardkiez bereits heute als Schleichweg zur Autobahn benutzt wird, sei auch auf moderne Navigationssystem zurückzuführen, die in Echtzeit die günstigsten Wege anzeigen. Hinweisschilder am Straßenrand, die dazu auffordern, den historischen Ortskern des Böhmischen Dorfes nicht zu durchfahren, seien im digitalen Zeitalter der Verkehrslenkung zwecklos.

Um eine Radnebenroute auszubauen, wurde ein Teil-abschnitt der Braunschweiger Straße mit Mitteln aus dem Fahrradetat asphaltiert. „Doch neben dem Radverkehr profitiert vor allem der motorisierte Durchgangsverkehr“, kritisierte Saskia Ellenbeck während der Begehung. „Der asphaltierte Straßenabschnitt wurde zur bequemen Autorennstrecke. Eine weitere Asphaltierung der Radnebenroute muss unbedingt mit verkehrsberuhigenden Maßnahmen einhergehen“, fordert deshalb die Initiative „Mehr Kiez für Rixdorf“ in ihrem Konzept zur Verkehrsberuhigung. Wie der Böhmische Platz zu einem emissionsfreien Ort umgestaltet werden könnte, erläuterte Tessa Fuhrhop (r.) für die Initiative: „Generell müssen wir die Verkehrsmengen reduzieren. Da kom-men wir überhaupt nicht drumherum.“ Dafür seien die Voraussetzungen im histori-schen Gebiet rund um den Richardplatz besonders gut, denn die Motorisierungsrate im Wohngebiet sei eine der niedrigsten in ganz Berlin. Nur 20 Prozent der Anwohner besäßen ein Auto und dennoch dominiere der PKW das Straßenbild. „Was wäre, wenn alle im Kiez ein Auto hätten?“, fragte Fuhrhop. Ein kurioses Modellprojekt der Berliner Stadtreinigung stellte der Leiter des Neuköllner Tiefbauamtes, Wieland Voskamp (r.), in der Niemetzstraße kurz vor. Damit die BSR mit ihren Mülltonnen von der Fahrbahn über den Bürgersteig in die Häuser kommt, wurde zwischen parkenden Autos am Bordsteinrand eine Rampe aufgebaut. „Überweg für den Transport von Mülltonnen, aber auch zur Nutzung für Eltern mit Kindern“, steht in bestem Amtsdeutsch zur Erläuterung auf den orangegestrichenen Holzbohlen der Konstruktion geschrieben.

Zwischen Richard- und Karl-Marx-Platz – an der sogenannten Rixdorfer Schnalle – wies schließlich Jörn Scheller (2. v. l.) von der Anwohnerinitiative auf den schlechten Zustand des Straßenpflasters hin. Tiefbauamtsleiter Voskamp versprach, dass hier bald eine Aufpflasterung in Form eines quadratischen Kissens eingerichtet werde, an dem Radfahrende vorbeifahren könnten, das Autofahrende jedoch zur Reduzierung der Geschwindigkeit zwinge. Außerdem sei vorgesehen, das holprige Kopfsteinpflaster auf dem Platz besser zu verfugen, um den Fahrkomfort für Radfahrende deutlich zu verbessern.

Mit einem Gruppenfoto auf dem Karl-Marx-Platz endete der einstündige Spaziergang durch den Kiez. Umweltsenatorin Regine Günther, die während ihrer Studienzeit zwei Jahre lang in der Emserstraße und in der Flughafenstraße wohnte, zeigte für die Pläne von „Mehr Kiez für Rixdorf“ viel Verständnis, ohne dabei jedoch eine realistische Zielperspektive aus den Augen zu verlieren. „Der Umwandlungsprozess wird 10, 15 oder auch 20 Jahren dauern“, sagte die Senatorin. „Um die Belastung mit Stickoxiden an den Hauptstraßen zu reduzieren, denken wir in der Umweltverwaltung gerade darüber nach, den Straßenverkehr besser zu verteilen“, musste Günther der Anwohnerinitiative mitteilen. Andererseits hatte die Senatorin Anfang März bei der Vorstellung der Verkehrssicherheitsbilanz 2016 eindeutig erklärt: „Die Verkehrs-sicherheit ist ein zentrales Anliegen meiner Verwaltung. Berlin soll sicherer werden. Deswegen werden wir unsere Anstrengungen, für mehr Sicherheit im Straßenverkehr zu sorgen, noch verstärken.“

Nachdem der BUND Berlin gemeinsam mit dem CDU-Umweltpolitiker Danny Freymark im April 2016 auf lokaler Ebene eine Diskussion über Klimawandel, Sozialstruktur und Lebensqualität in Neukölln anstoßen wollte, dürfte das Thema jetzt mit der Initaitive Mehr Kiez für Rixdorf endgültig in der Lokalpoltik angekommen sein. Die Grüne Abgeordneten Anja Kofbinger und Dr. Susanna Kahlefeld hatten im August 2016 ebenfalls bessere Bedingungen für den Rad- und Fußverkehr gefordert. Ob jetzt „klimafreundliche Kieze“ gar noch zum Neuköllner Thema der Bundestagswahlen werden?

=Christian Kölling=

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