Pläne für einen Ort des Erinnerns und Lernens in Neukölln

„Gedenken ohne Gewissheit?“, unter dieser Frage stand am Mittwochabend eine Podiumsdiskussion zum geplanten Gedenkort für Burak Bektas, der am 5. April 2012 arslan_raemer_diskussion-gedenkort-burak-bektas_museum-neukoellnin der Rudower Straße von einem bis heute unbekannten Täter erschossen wurde. „Es war ein schrecklicher Mord. Schon das allein ist Grund genug, um einen Ort des Gedenkens und Erinnerns einzurichten“, sagte Kulturstadtrat Jan-Christopher Rämer (r.) vor rund 60 Besuchern der Gesprächsrunde im Kulturstall des Britzer Gutshofes: „Ich bin froh, dass wir die Diskussion um den Gedenkort vergangenes Jahr aus dem Wahlkampf herausgehalten haben.“ Die Bezirksverordnetenversammlung habe zweimal über den Gedenkort beraten. Im letzten Jahr sei geprüft worden, ob ein Ort des Erinnerns und Gedenkens eingerichtet werde, in dieser Amtsperiode sei gleich zu Beginn die Entscheidung gefällt worden, moewenweg_neukoellndass er wenige Meter vom Tatort entfernt, auf der Fläche an der Ecke Rudower Straße / Möwenweg, realisiert wird. „Wir können nicht ausschließen“, so Rämer, „dass es Vandalismusschäden am Gedenkort geben wird. Solange wir damit zu kämpfen haben, wissen wir, wie wichtig dieser Ort ist.“

Dr. Udo Gößwald, Direktor des Museums Neukölln und an diesem Abend Moderator der Podiumsdiskussion, pflichtete Rämer bei: „Uns ist es wichtig, den Erinnerungsprozess an die Tat in der Gegenwart zu begleiten.“ Auf Wunsch der Angehörigen des Mordopfers und der Bezirksverordnetenversammlung entstehe nun mit Hilfe eines breiten Unterstützerkreises, zu dem inzwischen das Museum Neukölln gehört, ein Ort des Lernens, der auch auf viele weitere unaufgeklärte Morde an Migrantinnen und Migranten verweisen wird. Ibrahim Arslan, Überlebender des Brandanschlags von Mölln 1992, bei dem seine Schwester, seine Cousine und seine Großmutter ums Leben kamen, schilderte eindrücklich, wie wichtig die Erinnerung an die Opfer ist. „Alle kennen die Täter, aber keiner die Opfer“, sagte Arslan  mit Bezug auf die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds NSU. „Mölln will nicht an den Brandanschlag erinnert werden. Mölln möchte Till-Eulenspiegel-Stadt sein.“  In Berlin wird im November 2017 zum 25. diskussion-gedenkort-burak-bektas_museum-neukoelln-kopieJahrestag des Brandanschlages bei einer Gedenk-veranstaltung deshalb die „Möllner Rede im Exil“  gehalten.

Auf dem Podium saßen zudem Bahar Ericok von der Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektas sowie Ulli Jentsch, Projektleiter des Antifa-schistischen Pressearchivs und Bildungszentrums e.V. (apabiz). „Berlinweit  liegt Neukölln bei rechtsextremistischen Straftaten im oberen Drittel“, erinnerte Jentsch. Er und Ericok wiesen auf mögliche Parallelen der Tat, bei der Bektas starb und zwei weitere Jugendliche schwer verletzt wurden, zum NSU-Komplex hin. Beide forderten eindringlich,  dass institutioneller und struktureller Rassismus in Deutschland  thematisiert und bekämpft werden müssten.  Polizistinnen und Polizisten sollten beispielsweise besser geschult werden, um die Gefahren des Rechtsterrorismus richtig einschätzen zu lernen. Handlungsempfehlungen dazu hat das Abgeordnetenhaus von Berlin bereits im Juni 2014 beschlossen.

=Christian Kölling=

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