Bedrückend, verstörend und bejubelt: Premiere des Einakters „Human Traffic“ im Heimathafen Neukölln

Eine Flüchtlingsgeschichte, die die Wirklichkeit schrieb, brachte die Regisseurin Nicole Oder vor fast zwei Jahren mit der Live-Graphic-Novel „Ultima Ratio“ im Heimat-hafen heimathafen-neukoelln_humantrafficcverenaeidel_8Neukölln zur Aufführung. Vergangene Woche stellte das Mitglied der künstlerischen Leitung des Neuköllner Theaters eine neue Live-Graphic-Novel vor: „Human Traffic“ heißt das nach dem Roman „Flucht“ von Hakan Günday inszenierte Bühnenstück, für das Bente Theuvsen wieder als Zeichnerin am Overhead-Projektor saß.

„Die Existenz der Hölle ist noch lange kein Beweis für die Existenz des Paradieses“, legt ein von Alexander Ebeert verkörperter Schleuser und Menschenhändler die heimathafen-neukoelln_humantrafficcverenaeidel_4Philosophie seines Lebens und Leidens eindringlich und schonungslos dar. Als Junge wird er auf einem Boot während der Überfahrt von einem Flüchtling missbraucht, als junger Mann vergewaltigt er selbst eine Frau auf der heimathafen-neukoelln_humantrafficcverenaeidel_1Flucht. Sein Vater, dessen Rolle im Stück der Musiker Özgür Ersoy spielt, ist kalt und gefühllos: Als der Sohn des Menschenschmugglers im Alter von 10 Jahren aus Fahrlässigkeit den Tod eines Flüchtlings zu verantworten hat, weil er vergaß, die Lüftung des LKW einzuschalten, muss er kilometerweit mit der Leiche eingeschlossen im Laderaum mitfahren.

„Ich dachte beim Schreiben, ich hätte mir wirklich alle Gräuel ausgedacht, die man verzweifelten Menschen auf der Flucht so antun kann. Doch die Ereignisse der letzten Jahre haben gezeigt, dass ich naiv war“, wird Romanautor Günday im Programmheft zitiert: “Ich kann mir ausdenken was ich will – nichts davon wird brutaler sein als das, was Sie morgens in der Zeitung lesen oder abends in den Nachrichten heimathafen-neukoelln_humantrafficcverenaeidel_3sehen.“ In der Türkei sei Hakan Günday wegen seiner provozierenden Romane zum Kultautor avanciert. Acht Bücher hat er bereits auf Türkisch veröffentlicht. Neben dem Roman „Flucht“ ist das ebenso schockierende Vorgängerwerk „Extrem“ auf Deutsch erschienen.

Am Premierenabend war das Publikum im ausverkauften Studio des Heimathafens von der tiefschwarzen Geschichte des Einakters spürbar aufgewühlt und spendete ungestümen Beifall – auch wenn die bedrückende und verstörende Geschichte an sich keinen Anlass zum Jubeln bietet.

Weitere Aufführungen der Live-Graphic-Novel „Human Traffic“ vom 31. Januar bis 2. Februar, am 25. und 26. Februar sowie am 11. und 12. März um 19.30 Uhr im Studio des Heimathafen Neukölln (Karl-Marx-Str. 141). Karten: 15 Euro/erm. 10 Euro; Vorverkauf im Heimathafen-Büro (Tel. 030 – 56 82 13 33) oder online über print@home

=Christian Kölling=

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