Nur für Erwachsene: „Die Fledermaus“ als zeitgemäße Interpretation der Strauss-Vorlage in der Neuköllner Oper

Klassisches Musiktheater mit sozialkritischen Inhalten für ein breites Publikum, das ist seit eh und je der künstlerische und gesellschaftspolitische Anspruch der die-fledermaus_neukoellner-operNeuköllner Oper. Nur selten greift die niedrigschwellige Musikbühne dabei auf das Repertoire zurück, wie beispielsweise im Januar 2015 mit dem Stück „Die Akte Car-men“, das knapp ein Vierteljahr vor Beginn der Flüchtlingskrise aufgeführt wurde. Jetzt gibt es wieder Repertoire an Berlins vierter Oper: „Die Fledermaus“, eines der berühmtesten Werke von Johann Strauss, hatte gestern Abend in der Fassung von Julia Lwowski, Yassu Yabara und Tobias Schwencke im ausverkauften Theatersaal in der Passage an der Karl-Marx-Straße neukoellner-oper_fledermaus_lemke-kremers-marx-sovso_foto-matthias-heydeihre Premiere.

Alles dreht sich im Stück um eine Fetisch-Kostüm-party, auf der Aristokraten, Bürger und Dienstboten beim gelangweilten und reichen Prinzen Orlofsky zusammenkommen. „Erst ab 18 Jahren – Explizit sexueller content“, warnt die Oper in Programm-hinweisen. Tatsächlich: Wer auf nackte Haut und lästerliche Szenen sehr empfindlich neukoellner-oper_fledermaus_jonson-arnadottir_foto-matthias-heydereagiert, sollte die Aufführung vielleicht lieber nicht besuchen.

„Die Fledermaus“ wurde 1874 im Wien der goldenen Operettenära uraufgeführt. Der langsame, aber unaufhaltsame Niedergang der k&k-Monarchie setzte damals ein, der große Börsencrash von 1873 lag kurz zurück und 1870 war der Roman „Venus im Pelz“ des Autors Leopold von Sacher-Masoch, dem unfreiwilligen Namensgeber des Begriffes Masochismus, erstmals erschienen. „‚Die Fledermaus‘ war bereits in ihrer Zeit provokant, weil sie das Sexualisierte in den Mittelpunkt stellte“, erläuterte Benjamin Stein von der Neuköllner Oper. Es ist ein neukoellner-oper_fledermaus_maiwald-marx-lemke_foto-matthias-heydeLustspiel im doppelten Sinn, aber eine an sich bittere Operette. „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“, lautet die populäre Zeile aus dem Trinklied am Ende des ersten Aktes, die mit einem langgezogenen „o“ im Wort „doooch“, so schrecklich neukoellner-oper_fledermaus_maiwald_foto-matthias-heydeschön klingt.

„Unsere Aufführung ist eine dem Kern folgende, zeitgemäße Interpretation und Fortschreibung“, sagte der Pressesprecher vorgestern am Rand der Generalprobe. Wie in der Neuköllner Oper üblich, gibt es auch diesmal kein Orchester im Orchester-graben. Das Trio Laccasax spielt mit Saxofon, Akkordeon, Klavier, E-Orgel und Kontrabass vielmehr eine Mischung aus Klassik, Jazz und Filmmusik, die die Musiker selbst „Kammerweltmusik“ nennen. Die Sopranistin Hrund Osk Arnadottir und der Solist Magnus Hallur Jonsson, die bereits 2016 in der Aufführung „Das Schwarze Wasser“ mitwirkten, gehören ebenso zum Gesangsensemble wie Thorbjörn Björnson in der Hauptrolle des Gabriel von Eisenstein sowie Vera Maria Kremers und Gina-Lisa Maiwald, die sich die Rolle des Prinzen von Orlofsky teilen.

„Die Fledermaus“ wird noch am 28. und 29. Januar sowie an mehreren Terminen bis Ende Februar um 20 Uhr in der Neuköllner Oper (Karl-Marx-Straße 131 – 133) aufgeführt. Karten: 16 – 25 Euro, ermäßigt 9 Euro, Vorbestellung unter 030/6889 0777 oder tickets[at]neukoellneroper.de sowie an allen bekannten Vorverkaufsstellen.

=Christian Kölling=

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