„Wir können es uns nicht leisten, uns dem Luxus der Resignation hinzugeben“

genezareth-kirche-neukoellnDer 2005 ins Leben gerufene Abend der Begegnung zwischen Christen und Muslimen war auf dem besten Weg zu einer Neuköllner Tradition zu werden. Zehn Mal wurde in der Genezareth-Kirche am Nikolaustag, initiert von der Bürgerstiftung Neukölln, dem Türkisch-Deutschen Zentrum und dem Interkulturellen Zentrum Genezareth (IZG), das Miteinander von Religionen und Kulturen gefeiert, dann war Schluss. Ob nur vorübergehend oder für immer, stand in den Sternen.

„Es hat eine ganze Weile gedauert, bis deutlich wurde, dass es unter den Mitveranstaltern durchaus unterschiedliche Auffassungen über den Charakter der Veranstaltung gab“, resümierte Elisabeth Kruse, damals noch Pfarrerin der Genezareth-Gemeinde, seinerzeit. War es eine gemeinsame Aktion? Waren die einen Veranstalter und die anderen Gäste? Nicht zuletzt mit diesen Fragen wurde die noch junge Tradition auf den Prüfstand gestellt. „Auch die Außenwahrnehmung war nicht einheitlich. Es gab sowohl Kritik daran, dass eine Koranrezitation in der Kirche überhaupt zugelassen wurde, als auch daran, dass sie nicht Teil des christlichen Gottes-dienstes war, sondern daran anschloss“, erläutert Kruse in einer Chronik, die zum Ende der ersten Dekade der Abende der Begegnung erschien. Jetzt, so ihr damaliges kruse_abend-der-begegnung_izg-neukoellnFazit, sei es an der Zeit, das gemeinsame Anliegen auf eine breitere Basis zu stellen und mehr Religionsgemeinschaften einzubeziehen, um so die gemeinsame Verantwortung für ein publikum_abend-der-begegnung_izg-neukoellnfriedliches Zusammenleben im Bezirk zu stärken.

Gestern moderierte Elisabeth Kruse (l.), inzwischen Beauftragte für interreligiösen Dialog und interkulturelle Arbeit im Evange-lischen Kirchenkreis Neukölln, im Interkulturellen Zentrum Genezareth den Relaunch des Abends der Begegnung: Weil er am Tag der Menschenrechte stattfand, stand er unter dem Motto „Miteinander für Menschenrechte“. Veranstalter – und Indizien der angestrebten breiteren Basis – waren neben dem Kirchenkreis die Bürgerstiftung Neukölln, die Stadtteilmütter, der Liberal-Islamische Bund e. V., der Neuköllner Migrationsbeauftragte Arnold Mengelkoch sowie der Verein Aufbruch Neukölln, erdogan_abend-der-begegnung_izg-neukoellndessen Vorsitzender Kazim Erdogan (l.) maßgeblich zum Highlight des Abends beigetragen hatte: Daniela Schadt schadt_abend-der-begegnung_izg-neukoelln(r.), die Lebensgefährtin von Bun-despräsident Joachim Gauck, wurde von ihm eingeladen und nahm die Gelegenheit, in Neukölln über ihre Sichtweise auf ein Miteinander für Menschlichkeit zu sprechen, gerne an.

Aktuell würden Menschen aus 186 Ländern im Bezirk mengelkoch_abend-der-begegnung_izg-neukoellnleben, hatte Arnold Mengelkoch (l.) bei seiner Begrüßungsrede die Statistik bemüht. „Hoffentlich bleiben sie auch“, ergänzte er unterstreichend, dass Neukölln schon immer mehr als die Summe seiner Probleme gewesen sei und überhaupt die Kraft habe, diesen zu begegnen. Um nicht nur die Vielfalt der hier vertretenen Nationen, sondern ebenfalls die Bandbreite der Glaubensgemeinschaften dar-zustellen, menschenrechte_abend-der-begegnung_izg-neukoellngibt der Migrations-beauftragte die Broschüre „Religionen in Neukölln“ heraus. Die Multilingualität im Bezirk wurde bei der Feier durch das vielsprachige Verlesen einiger Artikel der seit Dezember 1948 geltenden Menschenrechts-erklärung veranschaulicht.

Ist angesichts eines solchen kulturellen, sprachlichen und spirituellen Reichtums im Alltag ein Abend der Begegnung eigentlich nötig? Ja, findet Daniela Schadt, denn vieles sei „so selbstverständlich, dass es gar nicht mehr im Bewusstsein, sondern tiefer verankert ist“. Umso wichtiger und lohnender sei der Ansatz eines Austauschs daniela-schadt_abend-der-begegnung_izg-neukoellnaußerhalb des Alltäglichen – über Verbindendes ebenso wie über Unterschiede. „Identität“, so die First Lady, „kann nur durch Vergleiche gebildet werden.“ Divergenzen zu erkennen und benennen gehöre zur Wahrnehmung der Mitmenschen, die letztlich – wie Geduld und Kompromissbereitschaft – das Fundament für die Bildung des Gemeinwesens sei. „Gesell-schaften, die keine Kompromisse brauchen, sind keine Demokratien. Und Demokratie bedeutet mehr als wählen, sondern wir sind als Gestalter permanent gefragt“, erinnerte Schadt. Allen, die das Land spalten wollen, schadt_nupelda_abend-der-begegnung_izg-neukoellnmüsse die Stirn geboten werden: „Ich möchte jedenfalls die Musiker der Band Nupelda mit ihren unglaublich schönen Liedern, die beweisen, dass Türkisch und Kurdisch wunderbar zusammen passen, nupelda_abend-der-begegnung_izg-neukoellnin Deutschland nicht missen.“

Entsprechend wichtig sei es, sich für Menschenrechte einzusetzen und sie nicht zu einer Erklärung auf einem Blatt Papier verkommen zu lassen. „Das Fehlen von Konflikten ist kein Ausweis für ein gelungenes Miteinander, aber sie müssen mit Fairness ausgetragen werden. Wir können es uns nicht leisten, uns die Decke über den Kopf abend-der-begegnung_izg-neukoellnzu ziehen und uns dem Luxus der Resignation hinzugeben“, appellierte Daniela Schadt, die im hessischen Hanau aufwuchs und vor ihrer Zeit als First Lady als Journalistin arbeitete: „Krisen, die sich gewaschen haben“, wie Deutschland sie jetzt „durch die Spalter erlebt“, habe auch schon die alte BRD überstanden. Ihr Eindruck sei ohnehin, dass die Gesellschaft bei der Integration viel weiter sei, als es die medial kolportierten Debatten vermuten lassen.

Vom ursprünglichen Konzept eines „Gottesdienstes zu Ehren des Heiligen Nikolaus mit anschließender Koranrezitation und Grußworten“ hat sich auch der Abend der Begegnung weit entfernt. Beibehalten wurde die Tradition, miteinander nach-zudenken und ins Gespräch zu kommen, die eher an Aktualität gewonnen als verloren hat.

=ensa=

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Eine Antwort

  1. Endlich mal wieder: Dank und Respekt für die gute Berichterstattung von einem der dabei war.
    Nur: über Gewalt, die zu Macht und Ohnmachtgefühlen führen kann, muss der Dialog notwendigerweise auch und an anderer Stelle (?) ebenfalls weiter geführt werden, wenn Menschenrechte erhalten oder in der Gesellschaft oder der Schule durchgesetzt werden sollen!

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