„Wir sind gut darin, für die Freiheit zu kämpfen. Aber wir haben Probleme damit, in einer Demokratie zu leben“

drohnen_galerie-im-saalbau_neukoelln„Uff wat für Ideen die hier komm‘n, die Künstler“, staunte ein Mann nicht schlecht, der sicherlich kein typischer Galeriebesucher ist, aber trotzdem jüngst ausstellungsplakat_galerie-im-saalbau-neukoellnden Weg in die Galerie im Saalbau fand, um die Ausstel-lung „Flucht aus dem Kino ‚Freiheit‘“ mit zeitgenössischer Kunst aus Polen zu besuchen. Seine Bewunderung galt unter anderem der Arbeit „Volvo 240“ von Zuzanna Janin. Dem Publi-kum berichtete die Künstlerin bei der Vernissage: „Eines Tages war mein altes Auto schrottreif und nicht mehr zu gebrauchen. Da habe ich es zu einem Kunstwerk transformiert.“ Das Werk besteht aus vier Drohnen und wurde als Auseinandersetzung mit den neuen Kriegen in der vernissage_galerie-im-saalbau_neukoellnWelt geschaffen.

Neben „Volvo 240“ zeigt die Ausstellung, die den gleichen Titel wie der Film des Autors Wojciech Mar-czewski aus dem Jahr 1990 trägt, unterschiedlichste Skulpturen, Objekte und Video-Installationen von insgesamt zehn polnischen Künstlerinnen und Künstlern. Alle werfen ihre kritischen Blicke auf das zurückliegende Vierteljahrhundert der Freiheit in Polen. Ihre Werke beschäftigen sich mit gesellschaftliche Problemen, Politik und Geschichte sowie mit dem Wechselspiel von Kunst und Wirklichkeit. Der Regisseur Marcezewski hatte bereits unmittelbar nach der friedlichen Revolution vermutet, dass die Herausforderungen der Transformation groß seien und der Aufbau einer Zivilgesellschaft schwierig bienert_rayzacher_galerie-im-saalbau_neukoellnwerden würde. Sein Film kreiste daher zukunfts-weisend um die Begriffe Emanzipation, Humanistik, Partizipation und Gemeinschaft.

„Wir sind gut darin, für die Freiheit zu kämpfen. Aber wir haben Probleme damit, in einer Demokratie zu leben“, fasste Agnieszka Rayzacher (r.), Kuratorin und Direktorin der Galerie lokal_30, bei der gemeinsamen Einführung mit Dorothee Bienert (l.) ihre Eindrücke aus 25 Jahren selbstkritisch auf der Vernissage zusammen. Eine Reihe von Instrumenten, die zum Lärmen auf bregula_galerie-im-saalbau_neukoellnDemonstrationen und Protestkundgebungen geeignet sind, entwarf die Künstlerin Karolina Bregula. Besonde-rer Clou ihrer Installation, die an einer Wand der Galerie hängt: Mit einem „Formular zur Ausleihe von Instru-menten, um Lärm zu machen“ können Besucher der Galerie die Exponate ausborgen. In den Verleihbedin-gungen heißt es nur: „Das Instrument dient zum Lärmen polentransport_galerie-im-saalbau_neukoellnauf Demonstrationen und Protestkundgebungen. Wir bitten um Rückgabe, sobald das Instrument nicht mehr zweckgemäß eingesetzt wird.“

Mit „Deutschlandtransport“ greifen Justina Los und Mikołaj Sobczak vom Duo Polenperformance die 35 Jahre zurückliegende Kunstaktion „Polentransport“ von Josef Beuys aus dem Jahr 1981 auf. renia_galerie-im-saalbau_neukoellnDas Ergebnis ihrer eigenwilligen Hommage ist in einem knapp zehnminütigen Video in der Galerie im Saalbau zu sehen. Auch andere Werke – wie zum Beispiel die Skulptur „Renia“ von Pawel Althammer, die unter Mitwirkung von Insassinnen eines Frauen-gefängnisses entstand – machen neugierig auf einen Besuch der Ausstellung, die in diesem Herbst nach „Warschau ist feminin“ die zweite bedeutende Präsentation polnischer Künstler in Neukölln ist.

Die Ausstellung „Flucht aus dem Kino ‚Freiheit'“ wird noch bis zum 8. Ja-nuar in der Galerie im Saalbau (Karl-Marx-Straße 141) gezeigt; Öffnungs-zeiten: Di. – So. 10 – 20 Uhr.

=Christian Kölling=

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