„Es gibt immer mehr Menschen, die mit dem Wort Demokratie nichts mehr anfangen können“

„Der Wert eines Dialogs hängt von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab“, mit diesem dem Philosophen Karl Popper zugeschriebenen Zitat begrüßte gestern Abend im plakat-aktion-n_heimathafen-neukoellnHeimathafen Neukölln Ofer Waldman als Moderator ein mit Experten gut besetztes Podium zu einem Gespräch über „Strategien gegen Rechtspopu-lismus“. Ein Zitat, das wie eine Binsenwahrheit klingt: Ofer Waldman, der in Jerusalem geboren wurde, zum Musikstudium nach Berlin zog und hier seit 2015 als freier Autor für Deutschlandradio arbeitet, kam es aber im Saalbau nicht unbedingt leicht über die Lippen.

Das Podiumsgespräch war der finale Programmpunkt einer Sonderveranstaltung namens „Aktion N! Es lebe die Demokratie!“, die zusammen mit Stolperstein-Verlegungen in Neukölln stattfand. Zur Geschichte des Theatersaales gehört nämlich, dass während der NS-Zeit im Saalbau das Eigentum von deportierten jüdischen Neuköllnern gelagert und verkauft wurde. Im vergange-nen Jahr wurde diese düstere Geschichte mit einer Theaterinszenierung auf die Bühne eben jenes Theatersaales gebracht. Ein Jahr später wurden jetzt, am 15. November, als Folge des Theaterprojektes neun Stolpersteine für deportierte Familien in Neukölln verlegt. Szenen des Theaterstückes waren vor der Podiums-diskussion gezeigt worden. „Wie kommt man angesichts des Geschehenen waldman_aktion-n_heimathafen-neukoellnmit Rechtspopulisten ins Gespräch oder sollte man mit Neonazis lieber überhaupt nicht reden?“, fragte Waldman (r.) nun seine Gesprächsgäste.

Carsten Völtzke vom Netzwerk für Demokratie und Courage e. V. berichtete von seinen Erfahrungen aus über zehn Jahren politischer Bildungsarbeit. In der politischen Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten sei ein Argumentationstraining sehr wichtig, sagte er. Sogar Politikprofis aus der Bundestagsfraktion der SPD, die er einmal fortgebildet habe, hätten ihm das bestätigt. Außerdem gebe es Fälle, in denen besonders hartnäckige Agitatoren aus der Rechtsextremen-Szene, die auch vor der Einschücherung Andersdenkender nicht halt machen, gezielt isoliert werden müssten, erläuterte Völtzke. Die Sozialpsychologin Prof. Dr. Beate Küpper, die an der podium-aktion-n_heimathafen-neukoellnUniversität Bielefeld über „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland“ forscht, legte großen Wert auf eine Unterscheidung zwischen politischen Meinungen, über die diskutiert werden könne, und Positionen, die von vornherein festgelegt seien. „Wir haben es geschafft, die AfD von 2 Prozent mit ihren Positionen groß zu reden, weil ihre Vertreter seit einiger Zeit überall in den Medien präsent sind“, kritisierte sie deutlich. „Poppermäßig läuft es nicht“, räumte der Kabarettist Till Reiners ein und bezog sich damit auf das Eingangszitat von Ofer Waldman. „Es gibt aber AfD-Unterstützer, mit denen ich mich schon unterhalten habe“, fügte Reiners an: „Ich bin auf einem AfD-Parteitag gewesen und habe beispielsweise mit einer Russin gesprochen, die ironischerweise in einem Flüchtlingsheim arbeitet, und mit einem ehemaligen FDP-Wähler, dem die Liberalen hufeisern gegen rechts_antirassismus-kundgebung rudow-neukoellnnicht mehr national genug sind.“

Karin Wüst, die in der Anwohnerinitiative „Hufeisern gegen Rechts“ aktiv ist, pflichtete Reiners bei: “Ich versuche mit den Menschen im Gespräch zu bleiben.“ Allerdings räumte sie ein, dass die Nachbarn, die in der Hufeisensiedlung mit 18 Prozent für die AfD gestimmt haben, nicht unbedingt mit ihr über Politik reden wollen, seit dem sie von ihrem politischen Engagement wissen. „Das Verstörende ist, dass es Menschen gibt, die eine andere Republik wollen. Es gibt immer mehr Menschen, die mit dem Wort Demokratie nichts mehr anfangen können“, beklagte auch Dr. Ralf Melzer, der Leiter des Arbeitsbereiches „Gegen Rechtsextremismus“ in der Zentrale der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin ist.

=Christian Kölling=