„Ich möchte, dass die Leute erfahren, was passiert ist“

Bedrückend. Mit diesem Wort kann die Handlung des dokumentarischen Theater-stückes „Die NSU-Monologe. Der Kampf der Hinterbliebenen um die Wahrheit“, nsu_monologe_berlin_buehnendessen Premiere am vergangenen Donners-tag im Heimathafen Neukölln zu sehen war, vielleicht am besten beschrieben werden. Fünf Jahre nach dem zufälligen Auffliegen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in Zwickau bringt das von der Bühne für Menschenrechte inszenierte Stück einen der bislang haarsträubendsten Skandale des wiedervereinigten Deutschland ins Theater. Geschildert werden in dem authentischen Theaterstück die Schicksale dreier Familien, die Opfer des NSU wurden, aber jahrelang von Polizei, Verfassungs-schutzbehörden unspecified-1404x936und Presse zu Unrecht als Täter behandelt wurden.

Grundlage der Aufführung sind Interviews mit Adile Simsek und Elif Kubasik, deren Ehemänner ermordet wurden, sowie Aussagen und Protokolle, die Ismail Yozgat zur Verfügung stellte, dessen Sohn Halit in seinem Internetcafé erschossen wurde. Autor und Regisseur Michael Ruf brachte das Material als „wortgetreues oder wortwörtliches Theater“ auf die Bühne. „Wir haben nichts erfunden oder hinzugefügt“, versicherte Ruf auf der Premiere, bei der die beiden Protagonistinnen sowie die Geschwister von Halit Yozgat ebenso anwesend waren wie Barbara John, Ombudsfrau für die Hinterbliebenen der Opfer des sogenannten NSU. „Wir können mit vergleichsweise geringen Mitteln eine Aufführung auch in Ihre Stadt bringen!“, versprach Leonie Jeismann aus dem Team der Bühne für Menschenrechte, die ein aus 200 Profi-Schauspieler bestehendes unspecified3-1404x936Netzwerk ist.

Auf der Bühne des Heimathafens sprachen an vier Standmikrofonen die Schauspielerinnen Elisabeth Pless und Selin Kavak für Adile Simsek, Frau des ermordeten Enver Simsek aus Schlüchtern bei Nürnberg, und für Elif Kubasik, Frau des erschossenen Mehmet Kubasik aus Dortmund. Asad Schwarz-Msesilamba gab Ismail Yozgat, Vater von Halit, der 2006 in Kassel ermordet wurde, seine Stimme und Meri Koivisto übernahm die Rolle der Sprecherin. Ein Flügel und ein Cello im Hintergrund begleiteten die Wortbeiträge sparsam aber wirkungsvoll.

Ich möchte, dass die Leute erfahren, was passiert ist, wie ungerecht das war, wie die Polizei vorgegangen ist, was wir durchmachen müssen, wie es uns geht“, trug Selin Kavak vor, was Elif Kubasik wortwörtlich zu Protokoll gegeben hatte. Kavak, die in Istanbul aufwuchs und seit 2013 an verschiedenen Berliner Bühnen spielt, sprach zwei Tage später am 5. November auch bei der türkischsprachigen Premiere der NSU-Monologlari im Neuköllner Heimathafen die Texte für Elif Kubasik. „Ob in der Hürriyet oder in einer deutschen Zeitung. Jeden Tag las ich: mal Mafia, mal Geldschmuggler“, gab Elisabeth Pless die Verzweifelung von Adile Simsek wieder: „Ein Polizist, Schönwald, verhielt sich wie ein guter Vater. Am Anfang habe ich der Polizei vertraut. Knapp einen Monat wurde ich jeden Tag verhört. Mein Bruder genauso. Schönwald war ruhig. Und Vögeler … ein beängstigender Mann. Groß unspecified2-1404x936gebaut. Wie ein Rüpel. Sehr gemein. Vielleicht hat er es aufgetragen bekommen.“

Nach eineinhalbstündiger Aufführung ohne Pausenunterbrechung war das Premierenpublikum im ausverkauften Heimathafen allein durch das schlichte Nacherzählen der Geschichten von Elif Kubasikund Adile Simsek und Ismail Yozgat ergriffen. Zum Schlussapplaus erhoben sich viele Zuschauer von ihren Plätzen und verließen nachdenklich und nur langsam den Theatersaal.

Der NSU-Skandal wurde inzwischen bereits in drei Untersuchungsausschüssen des Deutschen Bundestags bearbeitet, mehrere Landesparlamente setzten ebenfalls parlamentarische Untersuchungsausschüsse ein. Im Internet versuchen u. a. die Blogs NSU-Watch und Nebenklage NSU-Prozess Informations- und Aufklärungsarbeit zu leisten.

Weitere Aufführungen von „Die NSU-Monologe. Der Kampf der Hinterbliebenen um die Wahrheit“ vom 15. – 19. November, 6. und 7. Dezember sowie 11. – 14. Januar (jeweils um 19.30 Uhr) im Heimathafen Neukölln. Informationen und Kartenreservierung: Tel. 030 / 56821333.

=Christian Kölling= (Fotos: Schokofeh Kamiz)