Bücherverbrennungen – in der Antike aufgekommen und noch in der Gegenwart praktiziert

Das Museum Neukölln startete kürzlich begleitend zur Jahresausstellung „Die Magie des Lesens“ eine fünfteilige Veranstaltungsreihe: Am vergangenen Sonntag hielt helber_museum-neukoelln Dr. Patrick Helber (r.) einen Vortrag unter dem Titel „Die Bücherverbrennung auf dem Tempelhofer Feld 1921“.

Die öffentliche und feierliche Verbrennung von Büchern sei eine Praktik, die bereits in der Antike aufkam und ihren Höhepunkt in der Vormoderne erreichte. Eine symbolische Bücherverbrennung „undeutscher Bücher“ habe es beispielsweise nach dem Ende des Wartburgfestes bei Eisenach im Jahr 1817 gegeben. „Als geistiger Motivator für die dortige Bücherverbrennung gilt Friedrich Ludwig Jahn“, erklärte Dr. Patrick Helber, der als wissenschaftlicher Volontär im Museum Neukölln jahn-denkmal_museum-neukoellnarbeitet, den zwei Dutzend Zuhörerinnen und Zuhörern seines Vortrags, die auf den Gutshof Britz gekommen waren. Jahn habe schon 1810 gewettert: „Unreife Bücher sind weit gefährlicher, als unreife Kartoffeln; schlechte Bücher verderblicher, als ungesundes Fleisch“, so Helber. Bis in die Gegenwart hinein würden Buchverbrennungen wegen moralischer, politischer oder religiöser Einwände gegen den Inhalt der Texte erfolgen. Die Autodafe, so lautet der Fachbegriff für das Glaubensgericht gegen unliebsame anzeige-lesestoff_museum-neukoellnSchriften, komme bis heute entweder als staatlich inszenierte Maßnahme oder als Mittel öffentlichen Protestes aus Teilen der Gesellschaft vor.

„Am 18. Dezember 1921 ließ der Neuköllner SPD-Stadtrat Karl Schneider rund 40.000 sogenannte Schundhefte auf dem Tempelhofer Feld verbrennen“, leitete der Historiker zu seinem eigentlichen Thema über. Warum unternahm Schneider diesen radikalen Schritt? Was verbarg sich hinter der dämonisierten Literatur? Und war die Maßnahme ein Erfolg? So lauteten die drei Forschungsfragen des Referenten.

Rund 1.000 Schülerinnen und Schüler seien damals bei der großangelegten Aktion auf dem Tempelhofer Feld anwesend gewesen. „Kameraleute der Wochenschau haben die inszenierte Verbrennung der Hefte gefilmt“, berichtete Dr. Patrick Helber. Doch die Filmaufnahmen, die seinerzeit im Vorprogramm der Kinos gezeigt wurden, seien verschollen. „Ich hätte Ihnen gerne den Film gezeigt“, bedauerte Helber. „Im Rathaus Neukölln wurden die Schundhefte während einer Aktionswoche eingesammelt , bevor sie öffentlich verbrannt wurden.“ Tarzan, Buffalo Bill, Nick Carter, Nat Pinkerton oder auch Sherlock Holmes, lauteten die Namen der Helden in den Groschenheften. Bei Sherlock Holmes habe es sich aber nicht um die literarische buch-schulreform_museum-neukoellnFigur von Sir Arthur Conan Doyle gehandelt, sondern um ein Plagiat anonymer Autoren, die unter Pseudonym veöffentlichten.

Eine erste Kampagne gegen Schundliteratur wurde bereits in der Kaiserzeit 1908 von Bürgermeister Dr. Richard Weinrich geführt – angeblich um die Jugend vor Verwahrlosung, Kriminalität und sexuell übertragbaren Krankheiten zu schützen. Dies ist schon im Aufsatz „Neuköllner Saubermänner – Der Kampf gegen Schmutz- und Schundliteratur“ von Ekkehard Meier zu lesen, der im Buch „Schulreform, Kontinuitäten und Brüche. Das Versuchsfeld Berlin Neukölln 1912 bis 1945“ veröffentlicht wurde. Meier, der 1983 auch eine Chronik zum 75-jährigen Jubiläum des Albrecht-Dürer-Gymnasiums veröffentlicht hat, notierte in seinem Aufsatz: „Nach der November-Revolution 1918 wurde Weinreichs Kampf gegen die Schmutz- und Schundliteratur mit neuem Personal und unter anderen politischen Vorzeichen simplicissimus_museum-neukoellnfortgeführt.“

Die Verbrennung der sogenannten Schundliteratur sei in der Neuköllner Lokalpresse nur zurückhaltend und mit leicht ironischem Unterton kommentiert worde, teilte Dr. Helber in seinem Vortrag mit. Lobend erwähnt wurde die Aktion allerdings in einer Rede im Reichstag, die der damalige Innenminister hielt: Der Reichstag beschloss schließlich 1926 ein Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriffen. Zaghafte Kritik erlaubte sich nur ein Teil der politisch liberalen Öffentlichkeit, wie etwa die Redaktion der Zeitschrift Simplicissimus, die 1926 die Verabschiedung des Gesetzes auf ihrem Titelblatt kommentierte.

Nächster Vortrag im Veranstaltungsprogramm zur Ausstellung „Die Magie des Lesens“ im Museum Neukölln (Alt-Britz 81): Am 30. Oktober hält Dr. Marion Ziesmer ab 11.30 Uhr einen Vortrag zum Thema „Die Macht der Poesie. Lesestrategien in der multikulturellen Gesellschaft“.
Ihren Abschluss findet die Reihe am 10. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, um 19 Uhr mit dem Vortrag „Writers in prison – Zur Situation inhaftierter Autoren“ von Prof. Dr. Sascha Feuchert von PEN Deutschland.

=Christian Kölling=

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