Campus Rütli – von der Skandal- zur Neuköllner Magnetschule

Weit mehr als 20 Gemeinschaftsschulen gibt es inzwischen in Berlin, aber der Neuköllner Campus Rütli CR2 hat das besondere Privileg, im Organigramm des Bezirksamtes rütli-schule_campus rütli_berlin-neuköllnnamentlich aufgeführt zu werden. Vergangenen Montag lud nun die Bundestags-fraktion von Bündnis 90/Die Grünen auf dem Rütli-Campus zu einer Fachtagung unter dem Titel „Zusammenhalten. Zukunftschancen durch gerechtere Bildung“ ein – und alle Redner lobten die Entwicklungen der letzten zehn Jahre in Neukölln einhellig. Bundesweit bekannt wurde der Name der Rütli-Schule im März 2006 mit einem Brandbrief, den Lehrerinnen und Lehrer schrieben. Dem Hilferuf des Kollegiums folgte eine medienwirksame Debatte, über Gewalt an Schulen und die misslungene Integration christina rau_medientour campus rütli_neuköllnvon Kindern mit Migrationshintergrund, die vor allem sozialdemokratische Politikerinnen und Politiker forcierten.

Seit 2009 ist der Campus Rütli, der aus der Rütli-Oberschule, der Heinrich-Heine-Oberschule und der Franz-Schubert-Grundschule entstand, eine Gemeinschafts-schule; Christina Rau (l.), Witwe des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, wurde Schirmherrin hofreiter_gruenen-fachtagung-zukunftschancen_campus-ruetli_neukoellndes Campus Rütli und erhielt 2010 als Auszeichnung die Neuköllner Ehrennadel.

„Der Campus-Rütli ist ein positives Beispiel für gelungene Bildungsintegration geworden“, sagte der Grünen-Fraktionsvorsitzende Dr. Anton Hofreiter (r.) in seiner Begrüßungsrede zur Tagung am vergangenen Montag. Neben erfreulichen Entwicklungen, die der Bildungsbericht 2016 sowie andere Studien zur Bildungssituation in Deutschland erkennen ließen, gebe es bundesweit aber einen besorgniserregenden Kernbefund. „Die soziale und regionale Spreizung nimmt in Deutschland zu. Es findet eine massive soziale Auslese statt“, kritisierte Hofreiter. Der Politiker, der aus einer bayerischen Arbeiterfamilie stammt, in der er und seine Brüder als erste das Abitur machen mutlu_gruenen-fachtagung-zukunftschancen_campus-ruetli_neukoellnkonnten, beklagte: „Akademikerkinder landen in Bayern zehnmal häufiger an den Hochschulen als Arbeiterkinder.“ Özcan Mutlu aus Berlin, Sprecher für Bildungspolitik der Grünen Bundestagsfraktion, erklärte: „Wir wollen mit unserer Tagung ein Zeichen setzen, dass Integration durch Bildung gelingen kann, wenn alle mit anpacken. Im letzten Jahr konnten sogar die ersten Abiturienten den Campus Rütli verlassen.“ Für Missstände würden nicht mehr die Jugendlichen, ihre Herkunft, ihr Benehmen oder ihre Leistungsschwächen verantwortlich gemacht. Auf dem Campus Rütli habe sich vielmehr die Art und Weise geändert, wie mit Schülerinnen und Schülern umgegangen wird, lautete eine auf der Tagung weit verbreitete Meinung über den Erfolg des sozialdemokratischen Vorzeigeprojektes.

Wie wichtig neben der Unterstützung durch die Politik das Engagement weiterer unabhängiger Kümmerer für den Erfolg des Projektes ist, machte Sascha Wenzel, Geschäftsführer der Freudenberg-Stiftung, in einem Workshop-Referat deutlich. Auf dem Campus Rütli beteiligt sich die Stiftung, deren Satzungszwecke die Förderung von Erziehung und Bildung sowie die Stärkung des friedlichen Zusammenlebens in der Gesellschaft sind, mit dem Projekt „Ein Quadratkilometer Bildung“. Wenzel sagte, dass die Gemeinschaftsschule heute eine begehrte Magnetschule geworden sei. Auch Eltern, die früher ihre Kinder nicht mehr in Neukölln zur Schule schicken wollten, _gruenen-fachtagung-zukunftschancen_campus-ruetli_neukoellnwürden den Campus Rütli heute nutzen. „Das kann neuen Konfliktstoff geben“, warnte Wenzel.

Özcan Mutlu, der selbst als Gastarbeiterkind in Deutschland aufwuchs, erinnerte sich: „“Als Kinder haben wir auf gepackten Koffern gelebt. Die Eltern sagten jedes Jahr, dass sie zurückkehren wollen. Und die Politik hat sich darauf eingelassen.“ An die Bildung der Kinder habe damals niemand gedacht. Dieser Fehler dürfe sich bei den Geflüchteten, die augenblicklich nach Deutschland kommen, nicht wiederholen. „Die tepe_gruenen-fachtagung-zukunftschancen_campus-ruetli_neukoellnBildung darf nicht vernachlässigt werden, selbst wenn die Kinder später in die Heimat zurückkehren, um dort beim Wiederaufbau zu helfen“, mahnte Mutlu.

Marlis Tepe, Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die sich als Hauptschullehrerin aus Überzeugung vorstellte, thematisierte in der abschließenden Diskussion ebenfalls ausführlich die schlechteren Bildungschancen armer Kinder aus einfachen Verhältnissen. „Wo ist der Aufschrei der Eltern?“, fragte sie am Ende ihrer Ausführungen. „Der Beruf des Lehrers ist nicht gut angesehen. Die Kinder der Migranten wollen lieber Arzt oder Rechtsanwalt werden“, vermutete ein Diskussionsteilnehmer aus dem Publikum. Weil es heute keine Identifika-tionsfiguren el-ali_gruenen-fachtagung-zukunftschancen_campus-ruetli_neukoellnals Lehrerin oder Lehrer für Migranten gebe, müssten pädagogische Mitarbeiter oder Sozialarbeiter diese Aufgabe erfüllen, merkte ein anderer an.

So ein Vorbild für Kinder mit Migrationshintergrund ist beispielsweise Sami El Ali. Er arbeitet als Erzieher an einer Schule im Wedding und ist außerdem Poetry-Slammer. „Ich bin zur Tagung gekommen, weil die Rütli-Schule ein gutes Beispiel für Integration ist“, begründete er seine Teilnahme.

Obwohl während der Tagung die Neuköllner Gemeinschafts-schule auf dem Rütli-Campus viel gelobt wurde, gab es aber ebenso Fürsprache für traditionelle Gymnasien und sogar Privatschulen. Robert Giese, Schulleiter der Fritz-Karsen-Schule, die ebenfalls eine Neuköllner Gemeinschaftsschule ist, musste sich beispielsweise Widerspruch zu seiner Kritik an wenig inklusiven Gymnasien und elitären Privatschulen anhören. Schulen in freier Trägerschaft könnten so gestaltet werden, dass sie soziale Inklusion ermöglichen. Gymnasien seien nicht einfach gegen den Willen der Eltern abzuschaffen, wie das Ergebnis eines Volksbegehrens in Hamburg bewiesen habe, wandten verschiedene Diskussionsteilnehmer ein.

Die Ergebnisse der Tagung werden in den kommenden Tagen auf der Webseite der Grünen-Bundestagsfraktion veröffentlicht.

=Christian Kölling=