„Ein Jude in Neukölln“: Debüt eines Polarisierers

Juden und Araber weigern sich, Feinde zu sein. So lautet Armin Langers Wunschtraum. Niemand könnte seiner Vision wohl widersprechen, wenn er mit coexist_rathaus-neukoellnseinen Äußerungen nicht so oft polarisieren würde. Bekannt wurde Langer im Einwande-rerbezirk Neukölln, wo es bis zur Pogromnacht 1938 eine kleine Synagoge gab, mit der Salaam-Schalom-Initiative. Standhaft tritt sie der Behauptung entgegen, dass der Bezirk wegen gewaltbereiter Muslime eine „No-Go-Area“ für Juden sei. „Die Situation in Neukölln ist keineswegs schlimmer als in anderen Stadt-teilen. Wer von No-Go-Areas spricht, will nicht die einen schützen, sondern vor allem die anderen brandmarken“, sagte Langer am vergangenen Donnerstag im Gespräch mit Jakob Augstein (l.). Der junge Mann, der 1990 in München geboren wurde und in der augstein_langer_buchpraesentation_berlinungarischen Stadt Sopron aufwuchs, stellte im Gespräch mit dem Publizisten im Kulturkaufhaus Dussmann sein gerade erschienenes Buch „Ein Jude in Neukölln – Mein Weg zum Miteinander der buchwerbung-armin-langer_hugendubel-am-hermannplatz_neukoellnReligionen“ vor.

Weit über 100 Besucher waren zur Buchpremiere in die Kulturbühne gekommen, um dem Rabbinerstudenten aus dem Potsdamer Abraham-Geiger-Kolleg zu hören. Armin Langer eckt mit seinen Äußerungen beim Establishment immer wieder einmal an. „Spätpubertären ‚Antirassismus'“ hielt ihm Ayala Goldmann in der Jüdischen Allgemeinen vor, nachdem er den Präsidenten des Zentralrates der Juden, Joseph Schuster, in der taz harsch kritisierte, weil der im Herbst 2015 eine Obergrenze für Flüchtlinge gefordert hatte. Seine Kritik an Schuster brachte Langer nahe an den Rauswurf aus dem Abraham-Geiger-Kolleg. „Selbst wenn alle Geflüchteten in Deutschland antisemitisch, homophob und frauenfeindlich wären, müssten wir uns um sie kümmern“, meinte Langer im Gespräch mit Augstein. Statt synagoge-oranienburger-str_berlinauf Abschottung zu setzen, warnte der offen schwule Rabbiner-Anwärter vor Doppelmoral.

Drei Thesen ziehen sich durch Langers eingängig geschriebene fast 300 Seiten starke Streitschrift, die wie ein nicht-chronologisches Tagebuch aufgebaut ist. Eine Tradition des christlich-jüdischen Abendlandes gibt es nicht, lautet eine. „Es gab in der Geschichte nur ein christliches Abendland, in dem die Juden bestenfalls toleriert wurden. Aber, oft auch nicht“, sagte Langer, dessen Vorfahren väterlicherseits mit Ausnahme der Großeltern alle während der Schoa ermordet wurden. Zweitens forderte Langer, dass die Neue Rechte, die sich in Abgrenzung zum Islam auf die vermeintliche Tradition des christlich-jüdischen Abendlandes berufe, unter keinen Umständen ein Verbündeter der Juden werden dürfe. „20 Prozent der Deutschen glauben an eine jüdische Verschwörung und 95 Prozent aller antisemitischen Gewalttaten werden von Neonazis verübt“, warnte er vor falschen Unterstützern. Drittens gebe es in Berlin inzwischen eine selbstbewusste Generation jüngerer Juden. Die jüdische Landschaft Berlins sei so vielfältig geworden wie kaum an einem anderen Ort in der Bundesrepublik, sogar verglichen mit ganz Kontinentaleuropa. „Darin steckt enorm viel Potential für progressive Juden, die ein synagoge-gedenkstein_berlin-kreuzbergaktiver Teil der gesellschaftlichen Entwicklung sein wollen. Nicht in Tel Aviv, nicht in New York, sondern 80 Jahre nach der Schoa in Berlin, Hitlers ehemaliger Hauptstadt – was für eine Genugtuung“, freute sich Langer.

Die Situation im „Integrationslabor Neukölln“ steht dagegen nur im vorletzten, etwas über 20 Seiten starken Kapitel eindeutig im Vordergrund. Armin Langer kritisiert hier den aus seiner Sicht offen zur Schau gestellten Laizismus in einem Neuköllner Gemeinschaftshaus, das zwar nicht namentlich genannt wird, aber leicht zu identifizieren ist, weil nur wenige Einrichtungen in Neukölln einen sogenannten Schweinemittwoch als Mittagstisch anbieten. Namentlich kritisiert werden von Armin Langer im Buch dagegen der ehemalige Bezirksbürgermeister Buschkowsky, seine Nachfolgerin Giffey sowie der Bundestagsabgeordnete Felgentreu. „Sie sind keine säkulären Demokraten als die sie sich gerne und medienwirksam ausgeben. Sie sind Säkularisten, die nur schwer mit der Vielfalt einer Hauptstadt wie Berlin zurechtkommen und ihre christo-normativensynagoge-fraenkelufer_berlin-kreuzberg Vorstellungen allen aufzwingen wollen“, wirft er den drei Sozialdemokraten vor. Hintergrund seiner Kritik ist der Streit um das Kopftuch der Praktikantin Betül Ulusoy. „Ich finde das Berliner Neutralitätsgesetz nicht schlimm. Nur sollte man es nicht neutral nennen“, erklärte Langer, denn es spiegele christliche Normen, die an der Lebens-wirklichkeit von gläubigen Juden und Muslime vorbei gingen.

Auch gegenüber den „christo-normativen Säkularen“, schlägt Armin Langer am Ende seines Buches jedoch versöhnliche Töne an. Als er einmal von einem nicht-jüdischen Publikum gefragt wurde, was er persönlich in seiner Religion am wichtigsten fände, habe er schnell eine Antwort gefunden. Langer zitierte den mittleren Vers der Tora: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (3. Mose 19:18), die wichtigste Lehre des Judentums in der Auslegung des Rabbi Hillel. Es gebe christliche, buddhistische hinduistische, und viele andere religiöse und weltliche Quellen, die diese wichtige Regel lehrten. Sogar der „Held der christo-normativen Säkularisten“, Immanuel Kant, erkenne die zentrale Rolle der Nächstenliebe und nenne sie das Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft. Das Prinzip lautet: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie langer_buchpraesentation-berlinein allgemeines Gesetz werde.“

Im Publikum gaben sich während der Buchpräsentation einige Freunde der Synagoge am Fraenkelufer kurz zu erkennen. „Ich fühle mich in dem Gebetshaus sehr geborgen, auch wenn dessen konservativ-deutscher Ritus nicht meiner Tradition entspricht“, schreibt Armin Langer (M.). Und an anderer Stelle heiß es im Buch: „Keine andere Gemeinde ist so engagiert im Bereich interreligiöser und interkultureller Dialog. Hier denke ich manchmal ist der Ort der Neuen Juden.“

Schließlich meldete sich doch noch ein Kritiker im Publikum zu Wort: Ob Langer sich bewusst sei, dass er mit seiner „Denunziation der organisierten Juden“ nur ein Projektionsfläche für antisemitische Ressentiments sei, lautete seine rhetorische Frage. Armin Langer habe sich als nützlicher Idiot einspannen lassen, der Juden medienwirksam vors Schienbein tritt, hatte Ayala Goldmann es anschaulicher in ihrem bereits erwähnten Kommentar für die Jüdische Allgemeine formuliert. Jakob Augstein zeigte viel Sympathie für die Auffassungen Langers. Dissens bestand zwischen den Beiden jedoch in einem Punkt. „Ich bin ein großer Freund von Tabus“, hielt Augstein dem Rabbistudenten entgegen, der meinte, auch Rabbiner Abraham Geiger habe zu seinen Lebzeiten gerne polarisiert.

=Christian Kölling=

Eine Antwort

  1. „Nur sollte man es nicht neutral nennen“, erklärte Langer, denn es spiegele christliche Normen, die an der Lebens-wirklichkeit von gläubigen Juden und Muslime vorbei gingen.“

    Gut auf den Punkt gebracht. Man sollte auch nicht vergessen, dass Kopftücher auch von vielen orthodoxen jüdischen Frauen getragen werden (selbst in Berlin), nicht nur von muslimischen Frauen.

    https://en.wikipedia.org/wiki/Tichel

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