Individuen zwischen perfektionierter Selbstoptimierung und spontanem Aufbegehren in der Neuköllner Oper

Zu einem poetisch-spekulativen Abend zwischen Beethoven, Punk, Elektronik und experimenteller Musik in deutscher, spanischer sowie englischer Sprache mit Mercat de les Flors - Sala Ovidi Montllor05-07-2016deutschen Übersetzungen bittet die Neuköllner Oper in ihrer neuesten Jahresproduktion: Am Donnerstag hatte das „Büro für Postidentisches Leben“, eine Spekulation über die Freiheit, in Neukölln Premiere, nachdem die Inszenierung bereits beim GREC Festival Barcelona uraufge-führt worden war.

„Die westliche Idee der Freiheit ist mit der Vorstellung von einem autonomen und in sich widerspruchsfreien Subjekt verbunden. Doch der Glaube an dieses Subjekt hat sich heute praktisch aufgelöst“, lautet nach Ansicht des Regisseurs Matthias Rebstock ein Grundwiderspruch unserer modernen Zeit. Sein achtköpfiges internationales Ensemble, zu dem u. a. die Perkussionistin Lucia Martinez Alonso, die Mezzo-Sopranistin Marta Valero und der Pianist Panagiotis Iliopoulos gehören, untersucht auf der Bühne im Co-Working-Space, was diese Auflösung für die Idee der Freiheit bedeutet.

Zwar verspricht uns die Globalisierung, dass heute jeder sein kann, was er sein will, aber gleichzeitig findet fast jeder Konflikt im Namen nationaler, religiöser, ethnischer oder kultureller Identitäten statt. In dieser Situation schwankt das narzistische Individuum zwischen technisch perfektionierter Selbstoptimierung und spontanem Aufbegehren – so wie in der Aufführung der Mercat de les Flors - Sala Ovidi Montllor05-07-2016Schauspieler David Luque mit Handys an Teleskopstangen über die Bühne taumelt. „Taking a picture is a very human thing“, die Menschen fotografieren sich, statt sich zu begegnen und zu berühren: „Die Lichter der Handys sind die Leitsterne der Nacht.“

Irgendeine Identität braucht allerdings jeder Mensch. „Ich möchte auch mal ‚Pre-‚ sein“, erkennen die Ensemblemitglieder Bärbel Schwarz und Mariel Jana Supka, die das Post-Everything des postmodernen Überwindens überwinden wollen. „Ichheit ist alles. Alles ist Ichheit.“ Doch im Leben ist das Paradoxe die Realität. In Mercat de les Flors - Sala Ovidi Montllor05-07-2016dieser Welt gilt die Formel „x ungleich x“. Freiheit ist ein Wort, für das es nur im Englischen die beiden Begriffe liberty und freedom gibt, die einmal romanischen und einmal germanischen Ursprung haben. Musikalisch kommt Freiheit nicht nur Beethovens Freiheitsoper Fidelio und seiner 9. Sinfonie zum Ausdruck. Für einen rasanten Punk-Auftritt mit roter Mercat de les Flors - Sala Ovidi Montllor05-07-2016E-Gitarre gibt es am Premierenabend kurzen Szenen-applaus.

Diversität und Vielsprachigkeit werden im Stück, für das Tilman Rammstedt und der katalanische Dramatiker Marc Rosisch die Texte schrieben, als europäische Tugenden verstanden, die die Freiheit ermöglichen. Die Philosophin Julia Kristeva, eine europäische Bürgerin französischer Staatsangehörigkeit und bulgarischer Herkunft, hat diesen Gedanken im Januar 2014 in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit erklärt. Europa wird als eine Föderation von Fremden begriffen, die einander respektieren. Eine Welt, in der Denglish oder Solresol die Universalsprachen sind, wie es sie nur im Musiktheater – und gelegentlich am Hermannplatz – gibt.

Weitere Aufführungen von „Büro für postidentisches Leben“ heute, vom 22. bis 25., 29. und 30. September sowie am 1. und 2., 6. bis 9. und 13. bis 16. Oktober jeweils um 20 Uhr in der Neuköllner Oper (Karl-Marx-Straße 131 – 133). Karten: 16 bis 25 Euro / erm. 9 Euro; Vorbestellung unter Tel. 030 – 6889 0777 oder tickets[at]neukoellneroper.de

=Christian Kölling=