Konzertierte Aktion: Gemeinsam gegen den Ärztemangel und für ein neues Versorgungskonzept

„Neukölln ist der Bezirk, wo die Menschen ein Jahr früher sterben. Das ist ein Fakt, den wir als Gesundheitsverantwortliche nicht einfach hinnehmen können.“ Mit dieser liecke_obermeyer_pk-aerztemangel-lichtenberg_neukoellndrastischen Zuspitzung trat am vorgestern Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (l.) im Rathaus Lichtenberg bei einem Pressefrühstück an die Öffentlichkeit. Gemeinsam mit Dr. Sandra Ober-meyer (r.), Gesundheitsstadträtin in Lichtenberg, stellte er die Überlegungen beider Bezirke für ein neues ärztliches Versorgungskonzept vor.

Der Großraum Berlin wird seit über 10 Jahren bei der medizinischen Versorgung wie eine Planungsregion behandelt. Seitdem habe sich eine starke Ungleichverteilung der ambulanten Angebote entwickelt, kritisierten beide Gesundheitspolitiker einhellig. „Um eine flächendeckende ärztliche Versorgung sicherzustellen, waren die bisher eingesetzten Instrumente der Steuerung nicht einwohner-je-arzt-berliner-bezirkeausreichend“, sagte Liecke.

In Neukölln entfällt auf 592 Einwohner im statistischen Durchschnitt nur ein Arzt. Das ist der mit Abstand schlechteste Wert in Berlin. Relativ unterversorgt ist Neukölln im stadtweiten Zahlenvergleich der Versorgungsgrade insbeson-dere bei Neurochirurgen (51,7%), Hautärzten (57,0%), Frauenärzten (61,3%), Radiologen (64,3%) und Augenärzten (73,1%). Alarmierende Befunde lieferte bereits der Anfang Juli erschienene Neuköllner Gesundheitsbericht 2016. „Neukölln liegt nicht nur bei der Lebenserwartung für Frauen und Männer an vorletzter bzw. letzter Stelle“, merkte Dr. Silke Feller (r.) an, die für die bezirkliche Gesundheitsberichterstattung feller_pk-aerztemangel-lichtenberg_neukoellnzuständig ist. Die Zahl vermeidbarer Todesfälle liege zudem seit langem deutlich über dem Berliner Durchschnitt. Als vermeidbar gelten Todesfälle, die bei rechtzeitiger Diagnose und angemessener Behandlung hätten vermieden werden können sowie Todesfälle, die auf einen gesundheitsschädigenden Lebensstil zurückzuführen sind. „Zu den besonders besorgniserregenden Ergebnissen zählt die gesund-heitliche Lage der Neuköllner Kinder“, wird schließlich im Gesundheitsbericht 2016 beklagt. „Die Säuglings-sterblichkeit ist mit deutlichem Abstand so hoch wie in keinem anderen Bezirk und zeigt darüber hinaus eine steigende Tendenz“, muss das Bezirksamt feststellen.

Obwohl die Gesundheitssituation in Lichtenberg etwas besser ist und bei Kinderärzten sogar statistisch eine deutliche Überversorgung besteht, warnte Gesundheitsstadträtin Obermeyer: „Wir stellen in Lichtenberg eine Abwanderung von Ärzten aus unserem schlecht versorgten Bezirk in noch schlechter versorgte Bezirke fest.“ Deshalb müsse ein bedarfsorientierter und kleinräumiger Ansatz entwickeln werden, um die ambulante und vertragsärztliche Versorgung in den Stadtteilen zu verbessern. An dieser Planung beteiligt sind ebenfalls das Sana Klinikum Lichtenberg und das Evangelische Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge, die beide von einer Neustrukturierung der medizinischen Versorgung sich kraffel_pk-aerztemangel-lichtenberg_neukoellneine Entlastung ihrer Rettungsstellen erhoffen und deshalb kooperieren.

Dr. Uwe Kraffel, stellvertretender Vorstandsvorsitzen-der der Kassenärztlichen Vereinigung, stellte demge-genüber auf der Pressekonferenz den Sinn kleinräumiger Planungsansätze generell in Frage. Die Bezirksgrenzen seien willkürlich gezogen und oft nicht zu erkennen, sodass sie im Leben der Berliner tatsächlich keine Bedeutung hätten. Eine Bedarfs-planung sei „Planwirtschaft 2.0“, weil ein medizinischer Bedarf sich nicht planen ließe. Es könnten nur Angebote gemacht werden, um die ärztliche Versorgung in Problemgebieten zu verbessern. Es dürfe nicht vergessen werden, dass eine nicht unbedeutende Zahl der Patienten aus dem Brandenburger Speckgürtel nach Berlin käme, um sich hier versorgen zu lassen. „Die Menschen wollen nicht unbedingt dort zum Arzt gehen, wo sie wohnen“, fasste Kraffel seine Erfahrungen zusammen und zog die Schlussfolgerung: „Ich gehe davon aus, dass es neukoelln-schildin Berlin nicht zu einer kleinräumigen Planungspraxis kommt.“

„Unsere Zusammenarbeit beruht auf fachlichen, nicht auf politischen Gründen“, kommentierte die parteilose Bezirksstadträtin Obermeyer, die ihr Amt für die Linke ausübt, ihre Zusammenarbeit mit Liecke und wandte sich indirekt gegen die Stellungnahme Kraffels. Die Bezirke und das Land Berlin haben bei der Ärzte-versorgung allerdings nur Mitsprachemöglichkeiten und keine Entscheidungsbefugnis. Die besitzt nur der Bund. „Ich liege meiner Bundestagsabgeordneten Christina Schwarzer wegen der Änderung des GKV-Versorgungsstrukturgesetz schon in den Ohren, auch wenn ich ihr nicht täglich E-Mails schreibe“, erklärte der Christdemokrat Liecke: „Wir müssen die bezirkliche Situation angemessen einbringen, auch wenn Berlin ein einheitlicher Planungsraum bleibt.“ Die Ergebnisse einer von Lichtenberg und Neukölln initiierten kleinen Studie im Auftragsumfang von 35.000 Euro, deren Ausschreibungsverfahren gerade läuft, werden Ende des Jahres vorliegen. Das nötige empirische Datenmaterial für eine weitere gesundheitspolitische Debatte über die Qualität der ärztlichen Versorgung in Berlin wird mit der Studie dann zur Verfügung stehen.

=Christian Kölling=