„In Neukölln leben die meisten Minijobber, die zusätzliche Hilfe zum Lebensunterhalt benötigen. Das darf und kann so nicht bleiben“

Können Sie sich an die Diskussion über die Einführung sogenannter 620 Mark-Jobs erinnern? Bei Arbeitgebern und Arbeitnehmer waren sie gleichermaßen beliebt, weil sie halfen, lästige Steuern und Sozialabgaben zu sparen. Für geringfügig Beschäf-tigte eroeffnung-warum-minijobs_rathaus-neukoellnwurden sie zudem als Sprungbrett in den Arbeitsmarkt angesehen. In Deutschland stieg zwischen 1992 und 1996 die Zahl der 620 Mark Jobs von 1,5 auf 5,4 Millionen. Doch was nach der Wiedervereinigung, vor Einführung des Euro und den großen Steuer-, Renten- und Arbeitsmarkt-reformen als alternativlos galt, kann heute durchaus einmal angezweifelt werden:

„Warum Minijob? Mach mehr draus!“ lautet der Titel einer bundesweit verfügbaren Wanderausstellung, die bereits in einigen anderen Berliner Bezirken zu sehen war. Dilek Kolat, Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen appelliert auf einem der insgesamt 12 Roll Ups: „Menschen müssen von ihrer Arbeit leben können und die giffey_szczepanski_warum-minijobs_rathaus-neukoellnWirtschaft braucht qualifizierte Arbeitskräfte.“ Vergan-genen Freitag konnte Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey (l., neben Bernd Szczepanski) die Ausstellung im Foyer vor dem BVV-Saal im 2. Stock des Rathaus Neukölln eröffnen.

Die Ausstellung spricht ein im Bezirk besonders akutes Problem an, denn 22 Prozent der Neuköllner Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – fast 22.000 Menschen – arbeiten in geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen. Zusammen mit der Bezirksbürgermeisterin waren deshalb auch Sozialstadtrat Bernd Szczepanski sowie die Europabeauftragte Cordula Simon, die Gleichstellungsbeauftragte Sylvia Edler, der für die Wirtschaftsförderung zuständige Clemens Mücke und Wolfgang ansorge_arbeitgestalten_warum-minijobs_rathaus-neukoellnGrimmecke vom bezirklichen Bündnis für Wirtschaft und Arbeit gekommen.

„Minijobs erscheinen unkompliziert und für Arbeit-geber preiswert. Langfristig gesehen sind Minijobs aber nicht profitabel“, sagte Viveka Ansorge (r.) von der Beratungsgesellschaft ArbeitGestalten, die mit dem Projekt Joboption der Senatsverwaltung für Arbeit Neuköllnerinnen und Neuköllner unterstützen will, um den Sprung vom Minijob in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu schaffen: „Wir streben Vorteile für beide Seiten an!“ Wissensverlust im Unternehmen, keine Identifikation der Minijobber mit dem Betrieb sowie Reibungsverluste durch die Beschäftigung vieler Mitarbeiter, die sich nur schlecht abstimmen könnten, würden die Nachteile geringfügiger Beschäftigung sein. Nicht zuletzt könnten qualifizierte Mitarbeiter ihre Leistungen im Minijob nicht voll zu Geltung bringen. Das Team von Joboption Berlin informiere und werbe deshalb mit vielfältigen Formaten für die Umwandlung von Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.

„Das Neuköllner Jobcenter hat 78.000 Kundinnen und Kunden, darunter 40.000 Langzeitbezieher von Hartz 4″, sagte Giffey in ihrer Eröffnungsrede. Der Bezirk gebe jährlich 800 Millionen Euro aus – 76 Prozent davon allein nur für Sozialleistungen. Dieser Anteil müsse geringer werden, damit mehr Geld für andere Aufgaben zur Verfügung stünde, forderte die Politikerin. „Neben den Minijobbern selbst lebt häufig die gesamte Familie in prekären Verhältnissen. Unser Anliegen in Neukölln ist es, Arbeitnehmer in reguläre Beschäftigungsverhältnisse zu bringen, von denen sie und lautsch_ayekoo_warum-minijobs_rathaus-neukoellnihre Familien gut leben können“, hob sie hervor.

Alexander Lautsch (l.), Berater und Unternehmens-koordinator bei Ayekoo, beschrieb anschaulich anhand zweier ergänzender Ausstellungstafeln, wie das Arbeitsmarkt-Projekt Carriera EU-Bürger aus Neukölln in Sprachkurse, Ausbildung und Arbeit vermittelt. Die Maßnahme stehe bis Ende 2018 insgesamt 350 EU-Bürgern offen. Bereits im ersten Jahr habe man 120 Personen zur Teilnahme auf freiwilliger Basis motivieren können. Der Teilnehmerkreis zähle 80 Frauen und 40 Männer, die aus Spanien , Rumänen, Italien sowie aus Polen und Bulgarien kommen. Die Beratung erfolge in deutscher, englischer, spanischer und hofert_grimmecke_mochalska_warum-minijobs_rathaus-neukoellnfranzösischer Sprache.

Zum Abschluss der gut besuchten Ausstellungs-eröffnung stellte Wolfgang Grimmecke (M.) vom Bezirklichen Bündnis für Wirtschaft und Arbeit zwei Beispiele aus der Praxis vor. Jowita Mochalska (r.) fing in Berlin 2011 als Zimmermädchen zu arbeiten an. Deutsch hatte sie in ihrer Heimat bis zum Abitur gelernt. Anschließend arbeitete sie in Polen über 10 Jahre im Hotel. Nach einer einjährigen Umschulung zur Bürokauffrau und einem Praktikum ist sie seit Herbst 2015 in der Personalabteilung der Kleine Reinigungs- und Dienstleistungsgesell-schaft mbH beschäftigt. Michael Hofert (l.), der als Sozialarbeiter bei Ostkreuz Jugendhilfe Nord tätig ist, berichtete über seine Erfahrungen bei der Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse: „Eine Mitarbeiterin, die seit Sommer bei uns beschäftigt ist, hat in Italien eine Ausbildung als Psychiatrische Rehabilitations-Therapeutin abgeschlossen.“ Ihre Ausbildung sei eine Mischung aus den Studiengängen Sozialarbeit und Psychologie, die es in Deutschland nicht gibt. Nach einem Deutschkurs und einigen Zusatzqualifikationen könne die Italienerin in gruppenbild_warum-minijobs_rathaus-neukoellnAbsprache mit der Senatsverwaltung jetzt aber als Sozialarbeiterin eingesetzt werden.

Bezirksstadtrat Szczepanski sprach nicht nur bei der Eröffnung einige Begrüßungsworte. Auch auf der Webseite der Kampagne „Warum Minijob? Mach mehr draus!“ gab er ein Statement ab: „In unserem Bezirk leben verglichen mit ganz Berlin die meisten Minijobberinnen und Minijobber, die zusätzliche Hilfe zum Lebensunterhalt benötigen. Das darf und kann so nicht bleiben.“

Eine Debatte über den sogenannten Missbrauch der 620 Mark-Jobs hat es Ende der 1990er Jahre übrigens auch schon gegeben. Deutschlandweit lag nach Angaben des Informationsportals Sozialpolitik-aktuell die Zahl der Minijobber Ende 2015 bei 7,6 Millionen.

Die Wanderausstellung „Warum Minijob? Mach mehr draus!“ wird bis zum 16. September in der 2. Etage des Neuköllner Rathauses (Karl-Marx-Str. 83) gezeigt; Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 7 – 18 Uhr.

=Christian Kölling=