„Armida“ bringt die Gefühlswelt eines Glaubenskriegers im Selbstversuch auf die Bühne der Neuköllner Oper

„Ob man die Feinde abknallt oder köpft. Ist doch egal. Tot ist tot“, dieses blindwütige Denken müssen Gewalttäter wie der islamistische Terror-Führer Abu Bakr al-Baghdadi Armida_Neuköllner Oper_Foto Matthias Heyde_US+L1003213oder der norwegische Einzeltäter Anders Breivik wohl teilen.

Das Feature „Armida“ nach der Oper von Christoph Willibald Gluck, das die Musiktheater-Regisseurin und Sängerin Ulrike Schwab am Donnerstag-abend in der Neuköllner Oper zur Uraufführung brachte, hat sich diesen „eigensinnigen Fanatis-mus“ zum Thema gemacht. Durchaus provozierend wird im Programmheft die These aufgestellt: „Wo Kulturgeschichte zum Patchwork der Ideologien, wo vorder-gründig proklamiert, aber nicht mehr reflektiert wird, weiß am Ende kein Renaud mehr, wer Tasso oder Baghdadi, Büchner oder Breivik sind.“

Ausgangspunkt der Oper „Armida“ ist die Erzählung „Das befreite Jerusalem“ von Torquato Tasso aus dem Jahr 1575. Königstochter Armida, die in der Geschichte eine Zauberin im fernen Damaskus ist, hält mit ihren magischen Kräften im Jahr 1099 den Kreuzritter Rinaldo auf einer Insel gefangen. Tassos Werk regte später weltberühmte Komponisten wie Georg Friedrich Händel, Joseph Haydn, Gioacchino Rossini und Antonin Dvorak zu eigenen Opern an. Auch der heute fast in Vergessenheit geratene Christoph Willibald Gluck, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Komponist und Opernreformator internationale Anerkennung genoss, wurde vom Drama, das Liebe als Gefühl zwischen Selbstaufgabe und Armida_Neuköllner Oper_Foto Matthias Heyde_US+L1005026Selbstverwirklichung zeichnet, zu einem Musiktheater-stück inspiriert. Im Jahr 1777 wurde sein Werk in Paris uraufgeführt.

Ulrike Schwab, die Operngesang als Sopranistin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin studierte und dort zusätzlich das Masterstudium Musiktheaterregie aufnahm, verwandelte für die Neuköllner Oper Glucks Musikstück aus vorrevolutionärer Zeit in ein aktuelles Feature, wobei sie eigene unverwechselbare Akzente setzte: Nicht die betörende Armida – die fremde Sarazene und schöne Muslima – steht im Mittelpunkt ihres Features, das eine Mischung aus Reportage und Dokumentation ist, in dem sich Schilderungen und Schlussfolgerungen rasch abwechseln. Vielmehr ist Kreuzritter Rinaldo, der in der Oper anders als in Tassos Erzählung den Namen Renaud trägt, die unbestrittene Hauptfigur des Stückes. Armida, verkörpert von Claudia Perez Armida_Neuköllner Oper_Foto Matthias Heyde_US+L1005010Inesta, durfte unterdessen in der Neuköllner Oper nur am Klavier ihre magisch virtuose Kunst beweisen.

Renaud ist ein Glaubenskrieger im Selbstver-such. Auf der Suche nach sich selbst ist er aus der Spur geraten und hat sich verdreifacht. Renaud, dessen Gefühle und Charakterzüge der Tenor Valentin Bezençon (r.), der Altus Georg Bochow (M.) sowie der Sänger Sebastian Schiller (l.) gemeinsam darstellen, spürt einzig Halt in einem zunehmend eigen-sinnigen Fanatismus, der im Laufe der Jahrhunderte sämtliche Inhalte überwunden hat: „Unserer Rache sollt ihr nicht entgehen“, „Wir sind nicht grausamer als die Natur“ oder auch „Unreines Blut soll tränken unsere Furchen“ lauten einige Glaubenssätze des modernen Kreuzzüglers, dem es egal ist, ob er seine Feinde abknallt oder köpft. Und selbstverständlich lehnt ein Renaud jede demokratische Debatte ab, weil auch Armida_Neuköllner Oper_Foto Matthias Heyde_US+L1005051Zugvögel ohne Demokratie bestens zurechtkom-men: „Würden sie demokratisch entscheiden, kämen sie nur bis Sylt.“

Bezençon, Bochow und Schiller gaben auf der kleinen Bühne, die an drei Seiten mit schwarzen Tüchern verhängt war, auf denen Videos von Mitja Strehlow mit marschierenden Menschenmassen, wehenden Fahnen und anderen gewaltaffinen Szenen liefen, kaleidoskopische Einblicke in die Psyche Renauds. Sie sangen und sprachen einzeln, im Duett oder alle zusammen, so dass nicht nur drei, sondern weit mehr Perspektiven auf die Gefühlswelt des verirrten Kreuzfahrers entstanden. Counter-Bass Georg Bochow beeindruckte mit Arien, die in Glucks Opernvorlage ursprünglich für die Stimme der Armida geschrieben waren. Im Hintergrund unterstützen die Geigerin Mia Bodet und Antje Thierbach an der Oboe die Pianistin Claudia Perez Inesta.

Am Ende der einstündigen Aufführung spendete das Premierenpublikum langanhal-tenden, teilweise stürmischen Applaus. Längst vergessener Wahn, Ideologie und Fanatismus haben heute wieder Konjunktur. Aber dennoch: Diese Selbsterkundung war geglückt.

„Armida“ wird nur noch heute in der Neuköllner Oper (Karl-Marx-Straße 131-133) aufgeführt. Die Vorstellung beginnt um 20 Uhr; Eintritt: 15 / erm. 8 Euro (Kartenbestellung unter 030 – 688 907 77 oder online.

=Christian Kölling=