Würdigung des mutigen Widerstands von unten: „Glaubt endlich mehr an euch selbst!“

portraits otto und elise hampel_hampel-ausstellung_stadtbibliothek neukoellnWeite Teile der Geschichte von Otto und Elise Hampel sind vielen bekannt, denn auf ihr basiert Hans Falladas Roman winterstein_hampel-ausstellung_stadtbibliothek neukoelln„Jeder stirbt für sich allein“. In dem Ende 1946 verfassten Werk des Schriftstellers heißen die Protagonisten allerdings nicht Hampel, sondern Quangel. „Außerdem ist das Ende im Roman von Fallada anders“, sagt Christian Winterstein.

Der Sozialpädagoge, dessen Ausstellung „Otto und Elise Hampel – Karte bitte wandern lassen“ vor einigen Tagen in der Neuköllner Stadtbibliothek eröffnet wurde, ist durch die Recherchen dafür zum Experten der Vita des Ehepaars aus dem Wedding geworden. „Aufmerksam auf die Hampels wurde ich durch mein Interesse an Interventionen im öffentlichen Raum, und weil ich Fallada-Fan bin“, erzählt er. Dazu kommt, dass christian winterstein_hampel-ausstellung_stadtbibliothek neukoellnChristian Winterstein (l.) schon als Kind begann, sich mit der Zeit des Nazi-Regimes zu beschäftigen: „Durch die Geschichte der Hampels wird der Widerstand von unten erkennbar, der in West-Deutschland ignoriert und von der DDR zur Repräsentation des antifaschistischen Staates literatur-vitrine_hampel-ausstellung_stadtbibliothek neukoellninstrumentalisiert wurde.“ In einschlägigen Archiven, weiß er, finde man aber viele solcher Geschichten, die Fallada als „Widerstand Maus gegen Elefant“ bezeich-nete.

Otto und Elise Hampel gehörten eindeutig den Mäusen an. Er war ein ungelernter Fabrikarbeiter, sie besserte seinen Lohn durch Näh-arbeiten auf. „Beide waren weder intellektuell, noch ideologisch oder religiös motiviert flugschriften_hampel-ausstellung_stadtbibliothek neukoellnund sind dennoch aus der Mitläuferrolle heraus-getreten“, so Winterstein. Angetrieben von der Ab-sicht, über Missstände aufzuklären, ihre Mitmenschen aufzurütteln und zum Denken anzuregen, riefen sie zwischen 1940 und 1942 mit handgeschriebenen Postkarten und Flugblättern, die sie in Häuser in der Nachbarschaft legten, zum Sturz des Regimes auf. „Glaubt endlich mehr an euch selbst!“ war die Devise, die für sie über allem stand und die auch für Christian Winterstein ein wichtiger Ansatzpunkt ist. Einerseits, sagt er, gehe es ihm um die hampel-ausstellung_stadtbibliothek neukoellnErinnerung an Otto und Elise Hampel und die Würdigung ihres mutigen Widerstands. „Andererseits steckt dahinter aber auch die Kernfrage, was wir heute unter demokratischen Verhältnissen aus der Geschichte der Hampels lernen können.“

Durch ausgiebige Recherchen in der etwa 100-seitigen Akte, die im Bundesarchiv deponiert ist, erlebte Winterstein Geschichte hautnah. „Wenn man diese Zeitzeugnisse in den Händen hält, läuft einem ein Schauer über den Rücken“, erinnert er sich. Zugleich erfuhr er durch das Lesen der Ermittlungs- und Vernehmungsakte, dass das Ehepaar im September 1942 verhaftet wurde: „Eine Welt brach für sie zusammen, als sie von den Gestapo-Beamten, akten_hampel-ausstellung_stadtbibliothek neukoellndie sie vernahmen, hörten, dass so gut wie alle Karten bei der Polizei abgegeben worden waren.“ Im Januar 1943 schließlich wurden die Hampels, wie die für die Ausstellung reproduzierte Anklageschrift belegt, wegen „Zersetzung der Wehrkraft, Vorbereitung zum Hochverrat und landesverräterischer Feind-begünstigung“ zum Tode verurteilt. Otto Hampels Hinrichtung am 8. April 1943 in Plötzensee dauerte ganze 14 Sekunden, die von Elise Hampel, die am selben Tag ebenfalls per Fallbeil vollstreckt wurde, zwei Sekunden länger. „1933 wurden in Plötzensee weniger als 10 Angeklagte hingerichtet, 1943 waren es mehr als 1.000″, fand Winterstein heraus, der sich als „Teilzeit-Neuköllner“ ergaenzende fotos_hampel-ausstellung_stadtbibliothek neukoellnbezeichnet, weil er nur die Wochenenden hier verbringt.

Während die beeindruckende Ausstellung im oberen Stockwerk der Bibliothek Reproduktionen der Postkarten und Flugschriften der Hampels in den Fokus rückt, sind in der unteren Etage Fotos von Parolen, die seinerzeit in den Straßen hingen, zu sehen. „Im Wedding“, berichtet Christian Winterstein, „gibt es auch an der Stelle, wo das Haus stand, in dem Otto und Elise Hampel lebten, seit April 1989 eine Berliner Gedenktafel für sie.“ Noch Zukunftsmusik ist die Benennung eines Platzes nach ihnen, aber sie sei schon in Planung.

Die Ausstellung „Otto und Elise Hampel – Karte bitte wandern lassen!“ wird bis zum 15. Oktober in der Stadtbibliothek Neukölln in den Neukölln Arcaden, (Karl-Marx-Straße 66) gezeigt. Sonnabends von 10 bis 13 Uhr steht Christian Winterstein für Fragen und Führungen durch die Ausstellung zur Verfügung.
Am 8. September berichtet der Historiker Hans-Rainer Sandvoß um 16 Uhr in einem Vortrag über das Leben und Wirken von Otto und Elise Hampel; Eintritt: frei.

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