Zehlendorf und Neukölln, Liebermann und Hessel

Dass der Maler Max Liebermann, der 1847 in Berlin geboren wurde und 1935 am selben Ort starb, je eine besondere Beziehung zu Neukölln gehabt hätte, ist nicht überliefert. Und die Möglichkeit einer Revision der Lokalgeschichte ist äußerst gering. garten_liebermann-villa_berlin-wannseeFranz Hessel, ebenfalls Kind einer großbürger-lichen jüdischen Familie wie Liebermann, notierte vielmehr in seinem 1929 veröffentlichten Buch „Spazieren in Berlin“: „Um seiner selbst willen Neukölln aufzusuchen, dazu kann man eigentlich niemandem raten. (…) Ich bin immer nur rasch mit der Tram durch Neukölln gefahren, um wo anders hinzukommen.“

Am Wannsee in Zehlendorf ließ sich Max Liebermann im Jahr 1909 ein Sommerhaus mit einem fast 7.000 Quadratmeter großen Garten bauen, das er stolz sein „Schloss am See“ schmetterling_liebermann-villa_berlin-wannseenannte. Hier malte das Gründungsmitglied der Künstlergruppe Berliner Secession im Garten und im Atelier mehr als 200 Bilder. An der Gartengestal-tung beteiligte sich der Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, ein begeisterter Garten-reformer, maßgeblich mit.

Nach Liebermanns Tod zwangen die National-sozialisten seine Witwe Martha 1940 zum Verkauf des Anwesens an die Reichspost. Erst die 1995 gegründete Max-Liebermann-Gesellschaft erreichte durch ihr Engagement, dass das kulturhistorisch bedeutende Ensemble unter Denkmalschutz weintrauben_liebermann-villa_berlin-wannseegestellt, das Gebäude renoviert und der Garten rekonstruiert wurde. Heute erstrahlen Haus und Garten in alter Pracht. Die Villa ist als Museum für das Publikum geöffnet und gibt den Besuchern die außergewöhnliche Möglichkeit, die Gemälde Liebermanns am Ort ihrer Entstehung und in unmittelbarer blume_liebermann-villa_berlin-wannseeNähe zu den Motiven zu erleben. Neben einer Doku-mentation des Lebenswegs des Künstlers, der von 1920 bis 1933 Präsident der Preußischen Akademie der Künste war und 1927 Ehrenbürger seiner Heimatstadt Berlin wurde, ist aktuell bis zum 12. September die Sonderausstellung „Max Liebermann – Biergärten und Caféterrassen – Von ländlicher Wirtschaft zu bürgerlicher Sommerfrische“ tomate_liebermann-villa_berlin-wannseeim Haus in der Colomierstraße 3 zu sehen. Kaum ein Motiv ist so eindeutig mit dem Werk des deutschen Impressionisten verbunden wie seine Darstellungen von Gartenlokalen, hummel_liebermann-villa_berlin-wannseeBiergärten und Caféterras-sen.

Auch wenn Neukölln im Großbürgertum nicht ange-sagt war, so war die Hasen-heide dem Flaneur Franz Hessel durchaus ein Begriff: „Aus alten Heftchen und Bildern der fünfziger Jahre kennt man die Omnibusfahrten nach der Hasenheide (…). Die Bier- und Kaffeegärten sind geblieben bis auf den heutigen Tag und immer größer geworden. Sie sind fast zu groß, sie haben das Monströse der Zeit der Riesenportionen und biergarten alte welt_neukoellnDoppelkonzerte behalten und überbieten einander in ihren Ankündigungen.“ Vom Budenzauber in der „Neuen Welt“ trotz kritischer Distanz aber doch fasziniert, berichtet er aus der Erinnerung: „Ich habe hier als kleines Kind den lächelnden Mund und die rosa Wangen des Mädchens gesehen, dem der Kopf abgeschlagen und wieder aufgesetzt wird.“ Im Katalog zur Ausstellung in der Liebermann-Villa ist folgerichtig u. a. ein historisches Essay von Franz Hessel über die Hasenheide enthalten.

=Christian Kölling=