Retrospektive für Rainer Betz, einen Neuköllner „mit einem durchdringenden Malerblick“

stossak_betz_rainer betz-retrospektive_stadtbibliothek neukoellnGemeinhin halten sich Besucher der Neuköllner Stadtbibliothek dort auf, um Bücher auszuleihen oder zurückzugeben. Dass in der oberen Etage häufig Ausstellungen gezeigt werden, wüssten sie aber auch zu schätzen, weiß eine Mitarbeiterin. Momentan sind es Werke von Rainer Betz, die hier zu sehen sind und einen Einblick in das Schaffen des Malers geben, der im übernächsten Monat 75 Jahre alt geworden wäre.

Von einer Zauberwelt, in die man auf seinen Bildern eintauchen könne, sprach Evelyn Stussak (l.), die Leiterin des Fachbereichs Biblio-theken im Bezirk, bei der Vernissage. Die Anmerkung von Christa Betz (r.), der Witwe des Künstlers, kam weniger poetisch daher: „Die Auswahl war schwierig, weil hier so vernissage rainer betz-retrospektive_stadtbibliothek neukoellnwenig Platz ist.“ Die 15 Werke könnten folglich nur einen kleinen Teil der Welt wiedergeben, die Rainer Betz sah.

Er sei unglaublich produktiv gewesen, bestätigte in ihrer Laudatio Sigrun Casper, die den gebürtigen Schwaben 1963 kennen lernte, als er eine Lehre als Musterzeichner in Mössingen begann.  Das Erste, was ihr auffiel, seien seine „unglaublich leuchtenden Augen“ gewesen. Dass er alles mit links machte bzw. machen musste, nachdem seine rechte Seite durch eine Infektion mit Kinderlähmung in Mitleidenschaft gezogen worden war, wurde ihr erst später bewusst. „Er war überhaupt jemand, der keinerlei Gewese um sich und die caspers_rainer betz-retrospektive_stadtbibliothek neukoellnUmsetzung seiner Ideen machte“, erinnerte sich Casper (r.). Was sicherlich menschlich eine große Annehmlichkeit war, hatte jedoch auch beruflich Auswirkungen: „Er war ein phantastischer Maler, aber ein vollkommen unbegabter Verkäu-fer.“ Lange vor seiner Karriere war das anders. Als Kind zeichnete er die Gartenzwerge in der Nachbarschaft und überließ französischen rainer betz-retrospektive_stadtbibliothek neukoellnSoldaten die Bilder gegen Bares.

1964 kam Rainer Betz schließlich nach Berlin, um die Meisterschule für Grafik und Buchkunst und anschließend die Hochschule für Bildende Kunst in Charlottenburg zu besuchen und sich vor allem der freien Malerei zu widmen. „Geld verdiente er als Schachspieler, Blutspender und Brötchenkurier, aber er dekorierte auch Boutiquen mit seinen Wandgemälden“, berichtete Sigrun Caspers. Sein erstes Atelier habe er in Kreuzberg in der Graefestraße gehabt, wo auch die Baumgemälde vita rainer betz_stadtbibliothek neukoellnentstanden, die nun in der Stadtbibliothek zu sehen sind.

Kurz danach zog er, inzwischen verheiratet und Vater einer Tochter, in die Gropiusstadt und nahm sich ein Atelier in der Karl-Marx-Straße, das er jahrzehntelang hielt. Dort wurde der Künstler „mit einem durchdrin-genden Malerblick“ auch zum Mitbegründer der Künstlerinitiative Neukölln, die, so die Laudatorin, „1986 eine beleuchtete Pyramide auf den Richardplatz stellte“. Als sein Hauptwerk könne man vielleicht aber das „nicht nur wegen der Größe höchst eindrucksvolle Bild“ für die Kirche der Martin-Luther-King-Gemeinde in der Gropiusstadt sehen. Rainer Betz sei eben keiner gewesen, der sich in Schubladen stecken ließ, gab Sigrun Casper zu bedenken: „Seine Themen waren das Leben und die Bewegung, und alles, was er sah, arbeitete in ihm weiter.“ Bis er im vorletzten Jahr starb.

Die Ausstellung „Rainer Betz – Retrospektive zum 75. Geburtstag“ wird noch bis zum 13. August in der Stadtbibliothek Neukölln (Karl-Marx-Straße 66) gezeigt; Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 11 – 20, Sa. 10 – 13 Uhr

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