„Herr Henkel ist doch selber Vater. Wie schafft er es, das bei einer Entscheidung völlig außer Acht zu lassen?“

1_ayla muss bleiben_kundgebung gegen abschiebung_sonnen-grundschule neukoellnVon Januar bis Ende Juni 2016 seien 1.068 Personen aus Berlin abgeschoben worden, was gegenüber dem Vorjahreszeitram nahezu einer Verdreifachung entspreche, verkündete die Senatsverwaltung für Inneres dieser Tage. „Der Bund hat eine Verdopplung der Abschiebungen in diesem Jahr als Zielmarke ausgegeben. Berlin liegt bislang also deutlich über dieser Erwartung“, ergänzte Innensenator Frank Henkel und kündigte an, dass er auch weiter konsequent abschieben werde, „um Recht und Gesetz durchzusetzen“.

Nicht in diese Statistik fällt Ayla, die Erstklässlerin der Neuköllner Sonnen-Grundschule, gegen deren Abschiebung nach Aserbaid-schan, in die Heimat des Vaters, im März Mitschüler, Lehrer und die Schulleitung demonstrierten. „Ayla und ihre Eltern und Geschwister sind noch hier“, teilte Klassenlehrerin Manuela Schrank gestern dem FACETTEN-Magazin mit. Die Sorge 8_ayla muss bleiben_kundgebung gegen abschiebung_sonnen-grundschule neukoellnum die Zukunft der Familie, die in Deutschland gegründet wurde, bestehe jedoch fort, weil das Damoklesschwert Abschiebung nach wie vor darüber hängt. Zweimal plädierte die Berliner Härtefallkom-mission für eine Aufenthaltsgenehmigung aus humanitären Gründen – zweimal entschied sich Innensenator Henkel dagegen. „Der aktuelle Stand der Dinge ist ein Angebot von ihm, dass Aylas Mutter und die Kinder hier bleiben dürfen, wenn der Vater zurück nach Aserbaidschan geht“, ayla muss bleiben-kundgebung_sonnengrundschule neukoellnweiß die Klassenlehrerin des in Neukölln geborenen Mädchens. Wie jemand auf die Idee eines solch unmenschlichen Vorschlags kommen kann, einer Familie die Trennung nahezulegen und das Ober-haupt in die Krisenregion Bergkarabach zurück-schicken zu wollen, während Frau und Kinder im sicheren Deutschland bleiben können, ist ihr aller-dings 7_ayla muss bleiben_kundgebung gegen abschiebung_sonnen-grundschule neukoellnein Rätsel. „Herr Henkel ist doch selber Vater. Wie schafft er es, das bei einer Entscheidung völlig außer Acht zu lassen?“, fragt sie sich.

Ob die Familie das Angebot annimmt, sei noch umstritten, sagt Manuela Schrank. Aylas Vater würde wohl der Sicherheit seiner Familie zuliebe darauf eingehen, meint sie, doch seine Frau könne dem aus nur zu verständlichen Gründen nichts abgewinnen. „Wir wissen wirklich nicht, was wir noch tun können, um der Familie zu helfen, die seit 17 Jahren in Berlin lebt und hier bestens integriert ist„, muss die Klassenlehrerin zugeben. Auch die Bezirkspolitik wurde eingeschaltet: Gegen die Stimmen der CDU verfasste die BVV bei ihrer Sitzung im Juni einen Beschluss, der an Innensenator Henkel (CDU) appelliert:  „Es ist für uns nicht nachvollziehbar, dass eine Familie, die seit vielen Jahren in Deutschland lebt und sich hier integriert hat, deren Kinder hier geboren sind und in die Kita und Schule gehen, Kinder, die die Herkunftsländer ihrer Eltern nie gesehen haben, nun abgeschoben werden soll.“ Henkels Vorschlag als Teilerfolg bezirkspolitischer Interventionen zu sehen, fällt Manuela Schrank nicht nur mehr als schwer. Er sei, findet sie, an Unmenschlichkeit kaum zu überbieten.

=ensa=

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