„Gesichter der ADO“: Neue Kapitel der Schulgeschichte der Neuköllner Albrecht-Dürer-Oberschule

portal_albrecht-dürer-oberschule neukoellnDie Geschichte der Albrecht-Dürer-Oberschule, die Anfang des 20. Jahrhunderts als Staedtische Ober-Real-Schule in Neukölln gegründet wurde, ist seit einer Chronik zum 75. Jubiläum der Bildungsein-richtung nicht mehr fortgeschrieben worden.

Im letzten Schuljahr befragten nun Zehntklässler aus zwei Gesellschaftswissenschaften-Wahlpflichtkursen des Gymnasiums in der Emser Straße einige Absolventen der Abitur-Jahrgänge 1949 bis 1972 ihrer Schule. Als Ergebnis der Interviews mit den Ehemaligen entstand das Buch „Gesichter der ADO – Geschichten über die Albrecht-Dürer-Oberschule von 1949 bis 1972“ mit mehr als zwanzig Kurzbiografien und Texten über das Schulleben. Einige der Befragten steuerten zusätzlich Material und Zeitdokumente für das im Aufbau befindlichen Schularchiv der ADO bei, mit dem eine Ausstellung vitrine schulgeschichte_ado neukoellngestaltet wurde. Am Donnerstag vergangener Woche konnte Direktor Rainer Kistermann (r.) in kistermann_ado neukoellnder vollbesetzten Aula seiner Schule, die mit Dalton-Pädagogik an die reform-pädagogische Tradition Neuköllns anknüpfen möchte, bei einer Lesung mit Diskussion das neu entstandene Buch und die Ausstellung der Öffentlichkeit präsentieren. Das Grußwort der Veranstaltung sprach Neuköllns Bildungs-stadtrat: „Ich hätte auch mal ganz gerne, dass mir die Schüler aufs Dach steigen. Ich will nicht immer nur Post raemer_bielka_staffelt_kistermann_ado neukoellnvon den Eltern bekommen“, ermunterte Jan-Christopher Rämer (l. neben Kister-mann) die Jugendlichen zu Beteiligung und Mitsprache.

Zahlreiche der portraitierten ehemaligen Schüler, darunter die Politiker Dr. Ditmar Staffelt  und Frank Bielka, der Journalist und Publizist Alexander Kulpok  sowie der Radiomoderator Jürgen Jürgens  waren persönlich gekommen. Auch frühere Lehrer der ADO, staffelt_cramer_ado neukoellnwie der Europa-Abgeord-nete Michael Cramer  (r. neben Staffelt) und Ekkehard Meier, der die erwähnte Chronik 1983 schrieb, fanden sich zur Buchpräsentation ein.

Lorenz Völker, Lehrer für Geschichte und Politische Weltkunde, der die beiden Kurse mit insgesamt rund 30 Schülerinnen und Schüler leitete, befragte auf der Bühne zuerst Manfred Langner (l. neben Völker), der sein Abitur 1955 machte und die Schule noch aus langner_voelker_ado neukoellnder unmittelbaren Nachkriegszeit kennt. Es folgten Interviews mit dem Cellisten Frank Niederstrasser (Abitur 1955) und dem Hey-Music-Moderator Jürgen Jürgens (Abitur 1972).

Viel Raum nahm in den übrigen Gesprächen das politische Klima an der Albrecht-Dürer-Oberschule in den 1960er Jahren ein. Bernd Finger, Abiturient des Jahrgangs 1969, der vier Jahre lang Schulsprecher und verantwortlicher Redakteur der Schülerzeitung „Die Pauke“ war, sagte: „Wir wollten eine Demokratisierung der Schule. Wir lehnten unhinterfragte Autoritäten ab und kritisierten unlegitimierte Strukturen. Wir wollten damals bei Lehrinhalten und Unterrichtsmethoden mitbestimmen.“ Ditmar Staffelt trug Auszüge aus seiner Abiturrede vor, die er im März 1969 hielt. Er wäre, wie er berichtete, während seiner Rede zweimal von empörten Zuhörern fast von der Bühne gezogen worden. Am Ende verließen die Lehrerinnen und Lehrer protes-tierend 2_albrecht-dürer-oberschule neuköllnden Saal. „Mein Vater war Schüler der Neuköllner Karl-Marx-Schule und fand die ADO recht rückständig“, kommentierte Staffelt jetzt rückblickend den Eklat.

Eine konservative und nicht diskussionsfreudige Atmosphäre hatte allerdings schon Ekkehard Meier der ADO attestiert, als er 1983 zum 75. Schuljubiläum eine rund 200 Seiten starke Chronik mit dem Titel „Feste mit verjnijten Sinn. Bilder, Dokumente, Informationen, Kommentare zur Geschichte der Albrecht-Dürer-Oberschule (ADO) und des Bezirkes Rixdorf/Neukölln vom Kaiserreich bis 1950“ veröffentlichte. Über das Schulklima in der Weimarer Republik notierte der Lehrer für Deutsch und Geschichte auf Seite 78: „Die ADO fühlte sich gewissermaßen als idyllische Insel im roten Meer Neukölln, stolz auf das fachliche Niveau des Unterrichts, überwiegend deutsch-national, z. T. monarchistisch eingestellt, in deutlicher Abwehrhaltung zur Mehrheit der Neuköllner Bevölkerung, die buchpraesentation gesichter der ado_albrecht-duerer-oberschule neukoellnSPD oder KPD wählte und bei der unsere Schule weitgehend als reaktionär verschrien war.“

Auch wenn sie nicht immer Neues zu Tage fördern konnten, haben die Schülerinnen und Schüler mit ihren Kursarbeiten einen wichtigen und längst überfälligen Beitrag zur Erforschung der über 100-jährigen Schulgeschichte der ADO geleistet. Bildungsstadtrat Rämer bedauerte in seiner Begrüßungsrede ausdrück-lich, dass die gesamte Reformschul-Geschichte Neuköllns bisher nur bis zum Jahr 1972 in zwei Büchern festgehalten sei. Ob und wenn ja, wie die Geschichte der Neuköllner Schulen fortgeschrieben werden kann, sagte Rämer allerdings nicht. Hier ist also – wie so oft – wohl wieder die Initiative engagierter Pädagoginnen und Pädagogen gefragt.

=Christian Kölling=