„Wir wollen da wohnen, wo alle anderen wohnen“

einfahrt mosaik-wohnheimt neukoellnRechts ein Tattoo-Studio, links ein alles andere als ansehnlicher Wohnblock und dazwischen eine dunkle Tordurchfahrt. Die Weserstraße, seit einigen Jahren Neuköllns Top-Partymeile, zeigt hier ihr anderes Gesicht. Und wer den Tunnel passiert, den Weg bis zum Ende läuft und dann nach rechts abbiegt, lernt noch ein weiteres kennen.

Im Mai 1991 bezog hier im Hinterhof das Mosaik-Wohnheim für Menschen mit Behinderung ein ehemaliges Fabrikgebäude. „Als ich das Grundstück im April 1989 zum ersten Mal sah, war alles düster und grau, im Hof Fabrikgebäude vor dem Umbau zum Wohnheim_ca 1988_© Mosaikstanden Schrottautos, die unteren Fenster waren vergittert und in den oberen Stockwerken viele kaputt“, erinnert sich Angelika Dömling. Sie war damals vom Mosaik-Unternehmensverbund, der seit 1962 Träger von Behindertenwerkstätten in Berlin ist, mit dem mosaik-wohnheim neukoellnAuftrag eingestellt worden, Standorte für Wohnplätze aufzutun und zu entwickeln. „Die Lage hat mich sofort begeistert“, sagt sie, „denn wir wollen da wohnen, wo alle anderen wohnen.“ Skeptisch war Dömling jedoch, ob sich die Vision des zuständigen Bau-unternehmers bewahrheiten würde, der angekündigt hatte: innenhof mosaik-wohnheim neukoellnDa machen wir ein Schmuck-stück für Neukölln draus!“ Ihr habe die Fantasie gefehlt, sich das vorzustellen, gesteht sie. Doch sie habe ihm vertraut – und er sollte Recht behalten.

Nach knapp einjährigen Um- und Ausbauarbeiten wurde am 15. Mai 1991 in der Weserstraße 39a das erste Mosaik-Wohnheim eröffnet, und innerhalb von drei Tagen bezogen 24 Menschen mit Behinderung ihr neues Zuhause im damals noch alles andere als hippen Reuterkiez. Fast ein Drittel von ihnen wohne immer noch hier, aber auch viele jeromin_25 jahre mosaik-wohnheim neukoellnBetreuer seien schon jahrelang dabei, berichtet Angelika Dömling beim Sommerfest anlässlich des 25-jährigen Jubiläums, das vorgestern stattfand.

„Damals hatten Eltern große Schwierigkeiten, Wohnraum für ihre Kinder zu finden, die in unseren Werkstätten beschäftigt waren“, umreißt Frank Jeromin (r.) den Impuls, der beim Mosaik-Unternehmensverbund dazu führte, die Angebote für Behinderte von Arbeit auf die Unterbringung auszuweiten. Die Folge war, dass viele körperlich und geistig Gehandicapte bis weit in die Volljährigkeit im doemling_25 jahre mosaik-wohnheim neukoellnelterlichen Haushalt bleiben mussten – oder gar in Senio-renheimen oder psychiatrischen Einrichtungen unter-kamen. Heute kann Mosaik – nicht nur für die eigenen Werkstattbeschäftigten – rund 80 Plätze in Wohnheimen hofgarten mosaik-wohnheim neukoellnund WGs sowie knapp 40 im betreuten Einzelwohnen anbie-ten und ist Vorreiter in Sachen Inklusion.

„Die Selbstständigkeit behinderter Menschen zu erhalten und zu fördern, steht im Mittelpunkt unserer Arbeit“, sagt Angelika Dömling (l.). Anfangs sei die Umsetzung jedoch im Wohnheim im Schatten des Turms der Martin-Luther-Kirche turm martin-luther-kirche neukoellnauch eine große Herausforderung gewesen: Was soll es zu essen geben? Wer kauft ein, wer kocht? Alles musste organisiert werden: „Aber das ist längst zur Routine geworden und gehört zum lebendigen, aktiven Leben im Wohnheim wie gemeinsame Tagesausflüge, Reisen, kegeln oder Tanztees.“

Einen „kleinen Schock“ bekam die Leiterin des Fachbereichs Wohnen allerdings vor 10 Jahren: Da flatterte den Betreibern des smaldino_25 jahre mosaik-wohnheim neukoellnHeims ein Schreiben vom Vermieter ins Haus, in dem eine Mieterhöhung von 166 Prozent gefordert wurde. „Im Nachhinein muss man das aber als Glücksfall sehen, weil der Vermieter Pleite ging, wir das Haus 2008 ersteigern konnten und es seitdem unseres ist.“

„Hier wird über Inklusion nicht nur geredet, sondern hier wird sie gelebt“, bestätigt Katharina Smaldino (r.), Neu-köllns doemling_smaldino_25 jahre mosaik-wohnheim neukoellnBeauftragte für Menschen mit Behinderung, die zum Fest neben Grüßen von der Bezirksbürgermeisterin auch einen Buddy-Bär mitbrachte, der nun zur Tournee durch die Wohn- und Gemeinschafts-räume des Hauses antreten soll. Dass sich das Umfeld in den letzten Jahren drastisch geändert hat, stört im Mosaik-Wohnheim Neukölln niemanden. „Auch wenn die Bewoh-ner schon mal von lautem Schnarchen geweckt werden, weil wieder jemand nach einer Party in der Weserstraße nicht zuhause, sondern bei uns im Garten übernachtet hat“, erzählt Angelika Dömling schmunzelnd.

=ensa=

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