„Antiziganistische Beleidigungen und Angriffe geschehen überall“

rathausturm neukoellnAm vergangenen Sonnabend fand zum achten Mal das Herdelezi-Straßenfest in der Boddinstraße unweit des Neuköllner Rathausturmes statt. Herdelezi, der St. Georgstag, ist für christlich-orthodoxe und muslimische Roma einer der wichtigsten Feiertage, der vor allem in Südost-europa zelebriert wird. Georgi Ivanov vom Amaro Foro e. V. erinnert sich, dass das erste Herdelezi im Mai 2009 aus einer spontanen Musik-Performance in der Boddinstraße enstand. Seitdem kommen Roma und Nicht-Roma aus ganz Berlin einmal im Jahr giffey_herdelezi neukoellnzusammen, um sich kennenzulernen und Kontakte zu pflegen.

Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey eröffnete in diesem Jahr zusammen mit einer Tanzgruppe des Neuköllner Mädchenzentrums Szenenwechsel das Straßenfest. „Ein Mädchen aus der Tanzgruppe hat mich ja schon beim diesjährigen Girls‘ Day begleitet„, berichtete Giffey bei der Eröffnung des Festes, tanzgruppe_herdelezi neukoellnbevor sie allen „eine wunderschöne Party“ wünschte.

Wie wichtig der gegenseitige Austausch ist, um Ressentiments gegen Sinti und Roma zu beseitigen, wurde vorgestern deutlich, als Diana Botescu und Andrea Wierich von Amaro Foro im RomnoKher-Raum des Aufbau-Hauses am Kreuzberger Moritzplatz ihre Dokumentation antiziganistischer Vorfälle 2015 zusammen mit einem Medien-Monitoring der Öffentlichkeit vorstellten. „Ob bei Behörden, im Arbeitsleben, in der Schule oder bei der Polizei: Antiziganistische Beleidigungen und Angriffe geschehen überall“, botescu_wierich_jakupov_pk ziganismus-dokumentation amaro forobeklagte Merdjan Jakupov (r.), Vorstandsvorsit-zender von Amaro Foro. Projektleiterin Diana Botescu (l.) ergänzte mit einem drastischen Beispiel aus ihrer Veröffentlichung: „Einer Familie wurde im Jobcenter am Empfangsschalter gesagt: ‚Ich will Ihre Unterlagen nicht sehen, ich will mit Zigeunern nichts zu tun haben.‘ Als die Frau botescu_wierich_ivanov_pk ziganismus-dokumentation amaro forodaraufhin in Tränen ausbrach, wurde sie von der Security rausgeschmissen.“

Auch in den Medien seien antiziganistische Klischees omnipräsent, kritisierte Andrea Wierich (M.), Pressereferentin von Amaro Foro, die das Medien-Monitoring zur Dokumentation erstellte. Wierich sagte: „Besonders in den immer wiederkehrenden Debatten über sogenannte Problemhäuser zeigt sich eine erschreckende Unwilligkeit zur Differenzierung und Reflexion und eine erstaunliche Hemmungslosigkeit, auf Stereotype zurückzugreifen.“

Insgesamt sind in der knapp 40-seitigen Dokumentation 39 Fallbeispiele zusammengetragen worden, die antiziganistische Diskriminierung beim Kontakt mit Behörden und Ordnungsämtern, beim Zugang zu Bildung, Arbeit, Wohnraum, medizinischer Versorgung sowie zu Gütern und Dienstleistungen ebenso wie herdelezi_boddinstr neukoellnDiskriminierung im Alltag und im öffentlichen Raum belegen.

Um Vorurteile abzubauen, ist neben persönlichen Begegnungen wie beim alljährlichen Herdelezi in der Boddinstraße, vor allem das Problem-bewusstsein der Vorgesetzten in Verwaltungen, Behörden, Unternehmen und Betrieben wichtig. „Es liegt nicht nur an den Mitarbeitern, sondern auch an den Vorgesetzten, wenn es Diskriminierungen gibt“, betonte Merdjan Jakupov. „Eine handvoll Polizisten haben bei Amaro Foro mal einen Workshop mitgemacht“, schloss Andrea Wierich an: „Es hätten ruhig ein paar mehr sein können. Wir freuen uns immer, wenn unser Wissen gefragt ist.“

Die Broschüre „Dokumentation von antiziganistischen Vorfällen in Berlin 2015 und Medien-Monitoring 2015 zur Reproduktion antiziganistiascher Stereotype“ wird demnächst als pdf-Download auf der Homepage des Amaro Foro e. V. verfügbar sein.

Am 17. Mai um 18 Uhr laden die Vereine Amaro Foro und Sozialfabrik zu dem Vortrag „Widerstand der Sinti und Roma im KZ Auschwitz-Birkenau am 16. Mai 1944“ in die Werkstatt der Kulturen (Wissmannstr. 32) ein; der Eintritt ist frei.

=Christian Kölling=

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