Kein Kavaliersdelikt und schon gar kein Elternrecht, sondern ein strafbares Vergehen

„Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seeli-sche Gewalt gegen Kinder_Foto Kinderschutzbund BerlinVerletzungen und andere entwürdigende Maß-nahmen sind unzulässig“ heißt es im § 1631 des BGB. Im November 2000 trat dieses Gesetz in Kraft; seit 2004 ist der 30. April auch in Deutschland der Tag der gewaltfreien Kindererziehung.

Viele Kinder werden jedoch hierzulande alles andere als gewaltfrei erzogen: Ein besonders hohes Gefähr-dungsrisiko, Opfer von Misshandlung zu werden, bestehe für unter Sechsjährige. Und: „Mehr als Drittel aller tödlichen Verletzungen bei Säuglingen, die sich im Zeitraum von 2001 bis 2010 ereigneten, kann auf Gewalthandlungen zurückgeführt werden“, halten die Rechtsmediziner Prof. Dr. Michael Tsokos und Saskia Guddat in ihrem schonungslos offenen Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ fest. „Wir fordern“, so die Autoren, „dass die Jugendämter von ihrer gesetzlichen Rolle als Tsokos, Guddat_Cover Deutschland misshandelt seine Kinder_Knaur-Verlag‚Wächter des Kindeswohls‘ endlich Gebrauch machen: Wenn Eltern gegen das Recht eines Kindes ‚auf gewaltfreie Erziehung‘ verstoßen (§ 1631 BGB), wenn sie ‚das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes (…) durch missbräuchliche Ausübung der elterlichen Sorge, durch Vernachlässigung des Kindes‘ gefährden und ’nicht gewillt oder nicht in der Lage sind, die Gefahr abzuwenden‘, dann muss das zuständige Jugendamt das Familiengericht auffordern, ‚die zur Abwendung der Gefahr erforderlichen Maßnahmen‘ zu treffen (§ 1666 BGB).“

Es war im Februar 2014, als Tsokos und Guddat die „tödlichen Fehler des deutschen Kinderschutzsystems“ auf 256 Seiten im Hardcover-Format offenlegten. Seit Juni 2015 gibt es ihr Werk auch als erweiterte Taschenbuch-Ausgabe, und ein halbes Jahr später konnte Neuköllns Jugend- und Gesundheitsstadtrat Falko Liecke verkünden, dass eine der Forderungen der beiden infokarte_kinderschutzambulanz neukoelln_vivantes klinikumRechtsmediziner nun umgesetzt werde: Der Berliner Senat habe für 2016 die Einrichtung von Kinder-schutzambulanzen in Neukölln, Mitte, Pankow, Charlot-tenburg und Tempelhof beschlossen, um in der Stadt ein flächendeckendes Netz für mehr Kinderschutz zu knüpfen, teilte Liecke damals mit. Er gehöre nicht zur Mehrheit der Politiker, die sich zu diesem heiklen Thema bedeckt hielten, sondern habe sich „als bislang einziger Politiker öffentlich zu den von uns ange-prangerten Missständen geäußert“, lobten Tsokos und Guddat im Sommer letzten Jahres das konse-quente infokarte_kinderschutzteam neukoellnEngagement des stellvertretenden Bezirksbürgermeisters fürs Kindeswohl.

Was aber wurde inzwischen praktisch aus dem Senats-beschluss? Die im Vivantes Klinikum angesiedelte Kinder-schutzambulanz Neukölln habe bereits zum 1. März ihre Arbeit aufnehmen können, informiert Falko Liecke: „Während der Aufbauphase wurden intensive Kontakte mit Kinderschutzambulanzen in anderen Bundesländern sowie mit niedergelassenen Kinderärzten in Neukölln geknüpft. Ein wichtiger Partner wird auch das Neuköllner Kinderschutzteam sein, mit dem eine enge Kooperation besteht.“ Im nächsten Schritt werde die Neuköllner Kinderschutzambulanz Anfang Mai beim kommen-den Jour Fixe Kinderschutz vorgestellt, um durch den Austausch zwischen Ärzten, Sozialpädagogen und Fachkräften eine „breite Vernetzung in Neuköllns Gesundheits- und Jugendhilfewesen“ zu gewährleisten.

Doch Kinderschutz und das frühzeitige Erkennen der Gefährdung von Kindwohl ist nicht nur eine Sache, die Experten tangiert. „Man kann es gar nicht oft genug wieder-holen: Jedes Kind hat ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Gewalt gegen Kinder ist kein Kavaliersdelikt und schon gar kein Elternrecht, sondern ein strafbares Vergehen“, mahnen Prof. Dr. Michael Tsokos und Saskia Guddat. „Wir bitten Sie herzlich, nicht wegzuschauen, sondern couragiert zum Wohl der Kinder einzugrei-fen. Für den Schutz und die Förderung der Kinder in diesem Land sind zuerst und zuletzt wir selbst verantwortlich – die bürgerliche Zivilgesellschaft.“

=ensa=

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