Mehr als zuletzt, aber weniger als von Anwohnern gefordert: Tempo 30 auf der Fulhamer Allee nur zeitlich begrenzt

„Danke, Herr Geisel! Danke, Herr Rämer!“, rufen die Grundschulkinder im tempo30-schild fulhamer allee_neukoelln-britzSprech-chor. Für den Abgeordneten Joschka Langenbrinck und die Neuköllner Bezirksverordnete Derya Caglar (beide SPD) gibt es stürmischen Applaus. Nur selten ist die Stimmung bei einer Demonstration so positiv wie gestern Morgen um halb 9, als Schü-lerinnen und Schüler der Fritz-Karsen-Schule mit Plakaten und Krachmachern an die Ecke Fulhamer Allee/Onkel Bräsig-Straße gekommen sind.

Grund der Begeisterung: Auf dem Streckenabschnitt von der Onkel-Bräsig- bis zur Backbergstraße, an dem die Fritz-Karsen-Schule mit einem Sportplatz, einer Kindertagesstätte sowie der Gutspark Britz liegen, gilt nun auf der Fulhamer Allee von Montag bis Freitag zwischen 6 und 18 Uhr Tempo 30. Eine Lösung, für die sich der Neuköllner Bildungsstadtrat Jan-Christopher Rämer und der Abgeordnete Langenbrinck seit Herbst 2015 intensiv beim Senator für Stadtentwicklung und Umwelt Andreas Geisel eingesetzt hatten. Rämer (2. v. r., neben Caglar) begründet langenbrick_geisel_raemer_caglar_tempo30 fulhamer allee_neukoelln-britzseine Gemeinschafts-intervention mit Langenbrinck (l., neben Geisel): „Wenn es um die Belange unserer Kinder, Eltern und Anwohner geht, ist der ‚Fuß runter vom Gas!‘ an einer sensiblen Verkehrsstrecke sinnvoll und richtig. Hier ist weniger eindeutig mehr.“

Auch Lothar Wolf, Sprecher der Initiative „Wohnen in Nachbarschaft-Britz“ freut sich grundsätzlich über die Geschwindigkeitsbegrenzung, will jedoch mehr. Kräftig schüttelt er dem Stadtentwicklungssenator bei der Begrüßung die Hand und sagt: „Herzlichen Dank, Herr Senator! Wir fordern aber nach wie vor Tempo 30 auf der Fulhamer Allee rund um die Uhr, auch an Wochenenden und an Feiertagen.“ Geisel antwortet Wolf: „Ich danke Ihnen recht herzlich für Ihre Hartnäckigkeit! Sie haben deutlich gemacht, welche Bedeutung das Thema hat“.

Die Bundesverkehrsminister-Konferenz beschloss gerade in der vergangenen Woche eine Änderung der Straßenverkehrsordung. Bundesweit darf in Zukunft vor Schulen, Kitas, Krankenhäusern und Seniorenheimen nicht schneller als 30 Stun-denkilometer gefahren werden. Bisher musste die Notwendigkeit der Geschwin-digkeitsbegrenzung im Einzelfall begründet werden, denn die Regelgeschwindigkeit beträgt laut StVO auf Stadtstraßen 50 km/h. Ausnahmen müssen gut begründet sein. „Wir begrüßen den Beschluss der Verkehrsministerkonferenz“, erklärt Geisel an diesem Morgen: „In Berlin gibt es kaum noch Schulen, vor denen nicht bereits Tempo 30 angeordnet ist.“ Die Stadt sei Tempo 30-Hauptstadt. Auf 70 Prozent der Straßen gelte ein entsprechendes Tempolimit, sagt der Senator weiter und betont: „Wir brauchen zwar Hauptstraßen, auf denen weiterhin Tempo 50 gilt. Wenn es aber um tempo30 fulhamer allee_neukoelln-britzdie Sicherheit unserer Kinder geht, kenne ich keine Kompromisse. Da gilt es: Langsam fahren und Augen auf.“

Anwohner Lothar Wolf bleibt dennoch etwas unzufrieden. Er erinnert sich: „Seit mehr als 15 Jahren galt für den kompletten Verlauf der Fulhamer Allee an allen Tagen der Woche eine zeitlich unbefristete Geschwindigkeitsbegren-zung auf 30 Stundenkilometer.“ Den Anwohnern der Umgebung sei völlig unbe-greiflich, warum im Oktober 2015 der obere und untere Bereich der gut einen Kilometer langen  Fulhamer Allee auf Tempo 50 heraufgesetzt wurden – obwohl sie vor bzw. hinter einem Schulgebäude und einer Kita liegen. Initiativen-Sprecher Wolf: „Die Fulhamer Allee ist kurvenreich und durchschneidet im kompletten Verlauf eine geschützte Grünanlage, die auch am Wochenende als Naherholungsgebiet intensiv genutzt wird. Viele Kinder, Spaziergänger und Jogger überqueren diesen Abschnitt.“ Im Jahr 2002 habe deshalb der damalige Senator für Stadtentwicklung, Peter Strieder, der Anwohner-Initiative mitgeteilt, dass im Bereich der Schulen, Kindertages-stätten und des Parkes die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h tempo50 parchimer allee_neukoelln-britzangeordnet wurde, um den Straßenverkehr an die örtlichen Verhältnisse anzupassen.

Anders als in Fulhamer Allee sieht wohl die Situation in der unmittelbar anschließenden Parchimer Allee westlich der Buschkrugallee aus. Nachdem die Straßenarbeiter das Tempo 30-Schild an der Ecke Fulhamer Allee/Onkel-Bräsig-Straße angebracht haben, wechseln sie sogleich die Straßenseite, um auf der gegenüberliegenden Seite ein Tempo 50-Schild anzubringen. Denn: Einen Antrag der Piraten Fraktion in der Neuköllner Bezirks-verordnetenversammlung, demzufolge das Bezirksamt sich bei der Verkehrslenkung Berlin dafür einsetzen möge, dass auf der Parchimer Allee im Bereich westlich der Buschkrugallee in beiden Richtungen Tempo 30 angeordnet wird, lehnten SPD und CDU bei Enthaltung der Linken und Befürwortung der Grünen in der November-Sitzung des Bezirksparlamentes ab.

=Christian Kölling=

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2 Antworten

  1. Es ist schon peinlich, wie sich der Stadtrat und der Senator neben einem Abgeordneten und einer Kandidatin für das Abgeordnetenhaus bei diesem sozialdemokratischen Wahlkampfauftritt von den Kindern dafür feiern lassen, dass sie das von der SPD-geführten Verwaltung entfernte Schild nun wieder anbringen – allerdings mit einer zeitlichen Begrenzung.
    Anfang der 1980er Jahre hatte die Vorgängerin von Bündnis 90/Die Grünen in der BVV, die Alternative Liste (AL), durchgesetzt, dass vor der Kita in der Fulhamer Allee Tempo 30 eingerichtet wird. Später wurde die Tempo-30-Zone ausgeweitet.
    Es war übrigens die erste Tempo-30-Zone vor einer Kita oder Schule in Neukölln. Erst als SPD und CDU in der BVV die Anträge der AL auf solche Zonen zu viel wurden, waren auch diese Parteien bereit, grundsätzlich Kitas und Schulen durch Geschwindigkeitsbegrenzung zu schützen.

    Wolfgang Ewert, Grüner Bürgerdeputierter und Kandidat bei den Berliner Wahlen für BVV und Abgeordnetenhaus

  2. Sehr schön. Jetzt wo die Strasse endlich keine Straßenschäden mehr aufweist, ist es lobenswert die erneuerte Strasse für die Schulzeit auf Tempo 30 zu begrenzen. Das nenne ich bürgernah und kinderfreundlich. Noch mehr davon …

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