„In was für eine Gegend sind wir hier eigentlich gezogen?“

Seit letztem Freitag liegt ein neues Neukölln-Buch auf den Büchertischen der Buch-handlungen. Ein Sachbuch mit einem Ortsschild des Bezirks auf dem Cover, dem Titel „Keine Angst, hier gibt’s neukoelln-schriftzug_konrad-agahd-schulhofauch Deutsche!“ und dem vielleicht verkaufsfördernden Untertitel „Unser neues Leben im Problemkiez“. Geschrieben hat es Thomas Lindemann, dessen „Kinderkacke. Das ehrliche Elternbuch“ es vor sechs Jahren bis in die Spiegel-Bestsellerliste schaffte.

Damals wohnte der Autor noch im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Inzwischen hat ihn, seine Frau und die drei Kinder die Suche nach einer größeren, bezahlbaren Wohnung von der „Wohlfühl-Welt des gentrifizierten Prenzlauer Berg“ in den Neuköllner Norden verschlagen, mitten in „Deutschlands Problembezirk Nummer 1“. „Papa, in was für eine Gegend sind wir hier eigentlich gezogen?“, wird Lindemann am Ende der ersten Woche in Neukölln von seinem Sohn gefragt. Es ist die Frage, die sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht, in dem der Mittvierziger vom lindemann_neukoelln-buch-cover_berlin verlagAnkommen, der Orientierung in der neuen Umgebung, der Konfrontation mit Vorurteilen und von alltäglichen Erlebnissen berichtet, die insbesondere Eltern von Kita- und Schul-kindern passieren können. Im Vergleich mit anderen Neukölln-Buchautoren sei der Blick eines Vaters seine Spezialität, sagt Thomas Lindemann: „Wenn man mit Kindern hier her zieht, macht man erst diese peinlichen Erfahrungen, dass etwa viele Angehörige der angeblich so liberalen Mittelschicht ihre Kinder hier nicht auf die Schulen geben hundekacke besprühen_pps-aktionswoche_neuköllnwollen. Man sieht auch die schmutzigen Seiten der Gegend mehr.“

Unter drei Oberbegriffen hat der studierte Psychologe die kurzen Kapitel seines Buches sortiert: Los geht es mit Erschreckendem und weiter mit Erstaunlichem, bevor Erbauliches zum Zug kommt. Außerdem sind mehr oder minder wissens-werte, nackte Wahrheiten in Form von Zahlen und Daten ortsschild berlin-neuköllnüber den Bezirk auf den 288 Seiten eingestreut.

Der Umzug nach Neukölln sei „ganz objektiv“ gesehen ein Abstieg, legt sich Thomas Lindemann schon früh im Buch fest, versteift sich aber nicht aufs larmoyante Lamentieren, sondern hinterfragt: Welche Auswirkungen haben die auch hier gestiegenen Mieten? Weshalb greifen die Vermüllung und die Straftaten an Schulen mehr als in anderen Bezirken um sich? Warum rutschen so viele Kinder und Jugendliche durch das Bildungssystem und schlagen statt einer beruf-lichen Karriere eine als Intensivtäter ein? Um Antworten zu bekommen, hat sich der Autor hinlänglich bekannte Gesprächspartner gesucht: Andreas Marquardt, den Ex-Zuhälter, der seit 1985 eine Karate-Sportschule betreibt, den Morus 14-Geschäfts-führer Gilles Duhem, Neuköllns Migrationsbeauftragten Arnold Mengelkoch oder auch polizeisiegel_berlin-neukoellnden Ex-Polizisten Karlheinz Gaertner, mit dem Tho-mas Lindemann die Kluft zwischen tatsächlicher und gefühlter Bedrohung durch Kriminalität zu ergründen versucht.

Diese Ambition, Nuancen im Neuköllner Alltag zu entdecken, um der Wahrheit zwischen all den Klischees zumindest ein wenig näher zu kommen, erinnert durchaus an Ramon Schacks 2013 erschienenes Werk „Neukölln ist nirgendwo“. Dieses Buch habe er auch gelesen, sagt Lindemann. Überhaupt, findet er, gebe es „natürlich schon gute Neukölln-Bücher“ und führt als Beispiel die von Murat Topal an. Bei Schack habe er jedoch das Gefühl gehabt, „dass er sich etwas zu sehr in der Gegnerschaft gegen Buschkowsky verliert“. In diese Falle hätte auch rathaus-turm neukölln_agora collectiveThomas Lindemann tappen können, der – ebenso wie Schack – beim Ex-Bezirksbürgermeister um ein Interview bat – und eine Absage erhielt.

Leicht machte es ihm dagegen Buschkowskys omnipräsente Nachfolgerin Franziska Giffey, die in ihr Amtszimmer lud und im Kapitel „Die Bürgermeisterin würde nach Hollywood passen“ auf neun Seiten in „Keine Angst, hier gibt’s auch Deutsche!“ porträtiert wird. Ihr „Optimismus, fast ein Verdrehen der Realität zum Besseren“, sei es, der sie von Buschkowsky unter-scheide, bilanziert Thomas Lindemann. Über Giffeys „Lieblingsthema, das Kopftuch“ unterhielt eröffnung_klunkerkranich neuköllner sich zudem mit dem Imam der Al-Nur-Moschee und recherchierte in der Sehitlik-Moschee.

Selbstverständlich sind in dem neuen Neukölln-Buch aber auch Themen untergebracht, die erst durch die Veränderungen im Bezirk aktuell wurden. Während sich der Autor dem Neukölln der Partys bereits annäherte, als er noch im Wohlstandsghetto Prenzlauer Berg lebte, intensivierte er später die Begegnungen mit der neuen Clubkultur sowie Autoren und Schriftstellern, die im Sog des Hypes in den Bezirk kamen – oder schon vorher hier wohnten.

Wann es die Lindemanns nach Neukölln, ins „Experimentierfeld der Nation“, ver-schlug, verrät das unterhaltsam geschriebene Buch nicht, das vom Verlag als „Stadt-reportage aus der Zukunft Deutschlands“ charakterisiert wird. „Neukölln verstehen ist wie Hegel lesen: Ständig sind zwei Sachen gleichzeitig wahr, die nicht zueinander passen. Und man grübelt, wie sich das wohl auflösen lässt“, formuliert Thomas Lindemann inmitten seines Nachworts. Eine Erkenntnis, der viele Neuköllner zustim-men werden, die aber kaum als Antwort auf die Frage eines Schulkindes taugt.

Thomas Lindemann stellt sein Buch „Keine Angst, hier gibt’s auch Deut-sche!“ morgen um 20 Uhr im Valentin Stüberl (Donaustraße 112) vor; der Eintritt ist frei.

Wer das Buch gewinnen möchte, sollte an unserer Verlosung teilnehmen und den Namen der Partnerstadt, die dem Bezirk die Figur auf dem facettenBrunnen vor dem Neuköllner Rathaus schenkte, in die Betreffzeile einer E-Mail an schreiben. Einsendeschluss ist der 8. April 2016! Der/die Gewinner/in wird direkt benachrichtigt; der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Update/9.4.16: In der Betreffzeile musste Usti nad Orlici stehen! Die Gewinnerin des Buches ist informiert.

=ensa=

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