Im Neuköllner Ilsenhof geboren – und geblieben

neukoellner leuchtturm_neukoellnAlle zwei Wochen treffen sich donnerstags Menschen aus dem Körnerkiez zum Erzählcafé im Neuköllner Leuchtturm. Das vom Quartiersmanagement Körner-park geförderte Projekt geht auf eine Initiative von Christiane Borgelt zurück, die zu jedem Termin einen Gast einlädt, in gemütlicher Runde von seinem Leben zu erzählen. Der Fokus liege auf einer sehr persön-lichen Sicht auf die Dinge, einem gegenseitigen Austausch und neuen Erkenntnissen, beschreibt die Stadtplanerin ihre Intention.

Am vergangenen Donnerstag war es Anneliese Gergs, die knapp einem Dutzend Interessierter Einblicke in ihr Leben gewährte: Hoch-konzentriert und chronologisch berichtete die fast 86-Jährige 1 1/2 Stunden lang von ihrem spannenden Werdegang, der 1930 im Ilsenhof im Körnerkiez begann. Zwar sei sie dreimal umgezogen, erzählt sie, jedoch nur innerhalb der denkmalgeschütz-ten anneliese gergs_erzaehlcafe koernerkiez_neukoellnWohnanlage.

Ihr Vater, ein Schriftgießer, und die aus Westpreußen stammende Mutter, die als „Stütze der Hausfrau“ tätig war, waren im November 1929 als Erstbezieher in den Ilsenhof gekommen. Sehr anschaulich schildert die Tochter noch heute, wie aufwändig Alltäglichkeiten in der Zeit ihrer Kindheit gewesen sind. Um im riesigen einfahrt_ilsenhof neukoellnKupferkessel in der Sied-lung Wäsche waschen zu können, habe man wo-chenlang im Voraus die Waschküche reservieren müssen, und nach dem Waschen musste der Kessel wieder blitzeblank geputzt werden. Mit großen Wäschestücken ging es dann in die jonasstr_ilsestr_neukoellnJonasstraße, wo es eine Wäschemangel gab, führt die Seniorin aus: „So konnte das Waschen schon eine ganze Woche beanspruchen.“ Leb-haft ist ihr auch der Ilsenhof als Spielparadies in Erinnerung, denn dort gab es keine Autos und somit viel ilsenhof_neukoellnPlatz zum Spielen. „Mutti, schmeiß mal ’ne Stulle runter!“, habe sie gerufen, wenn sie vom Spielen hungrig war.

1936 wurde Anneliese Gergs in die heutige Konrad-Agahd-Schule eingeschult. Sie habe es gehasst, mit einer Schürze bekleidet in die Schule gehen zu müssen, erzählt sie und weiß noch ganz genau, dass im 1. Schuljahr nur mit einem Griffel auf einer kleinen Tafel geschrieben werden durfte. Als die Nazis die Macht übernommen hatten, erinnert sie sich, mussten alle Schulkinder vor Ferienbeginn konrad-agahd-grundschule_neuköllnund nach Ferienende die erste Strophe des Deutsch-landliedes und das Horst Wessel-Lied singen und dazu den Hitlergruß machen. „Untereinander, mit anderen Kindern“, so Anneliese Gergs, „hat man sich auch öfter mit leger erhobenem Arm und ‚Heil‘ gegrüßt.“ Das sei aber für sie als Sieben- oder Achtjährige ohne die geringste politische Bedeutung gewesen. Als ihre Mutter am 1. September 1939 wegen des Ausbruchs des 2. Weltkriegs weinte, fragte die Tochter: „Was ist Krieg?“ Ihre Eltern seien nicht in der NSDAP und auch sonst in keiner Partei gewesen, berichtet Anneliese Gergs: Wenn, dann hätten sie aus familiären Gründen politisch eine Sympathie für die SPD gehegt, „denn ein Onkel meines Vaters war Paul Löbe.

Dass die Zehnjährige 1940 auf die Mittelschule statt ins Lyzeum wechselte, sei einzig wegen des Schulgelds geschehen: Fürs Mädchen-Gymnasium hätten die Eltern 20 Mark monatlich zahlen müssen, für die Mittelschule waren es 10 Mark weniger. An die einfahrt ilsenhof_neukoelln„einzige Nazilehrerin“ erinnert sich die 85-Jährige noch gut: „Ausgerechnet in Geschichte“ habe sie sie gehabt – und damit in dem Schulfach, das sie sehr liebte und später selber unterrichten sollte.

Von 1942 bis Januar 1945 kam Anneliese Gergs schließlich wegen des Bombenkriegs per Kinder-landverschickung nach Westpreußen zu den Großeltern. Trotz großer Sorgen um die Eltern zuhause im Ilsenhof, habe sie dort „drei sehr schöne Jahre mit netten Freunden“ verbracht, wo es keinen Fliegeralarm, aber eine Badeanstalt gab und man im Winter Schlittschuhlaufen konnte. Auch hatte sie wieder eine beeindruckende Begegnung mit einer Lehrerin, einem „unver-heirateten Fräulein mit einem Kind“, die die Schüler progressiv mit dem Vornamen sonnenuhr_sonnenallee neuköllnanredete. Von den anderen Lehrern wurden sie nur mit dem Nachnamen angesprochen. „Die Lehrerin war phantastisch“, schwärmt Gergs.

Nach dem Kriegsende im Mai 1945, habe schon am 1. Juni 1945 die Schule wieder begonnen, und Anneliese Gergs besuchte nun bis zum Abitur die heutige Ernst-Abbe-Schule an der Neuköllner Sonnen-allee: „Die Lehrer waren, weil viele im Krieg getötet oder als ehemalige Nazis entlassen wurden, entweder ganz jung oder ganz alt. Der Lateinlehrer war damals 72 Jahre alt“, schildert die Zeitzeugin. Da die Deutsch- und Geschichtsbücher aufgrund der Nazi-Ideologie nun verboten waren, wurden viele Gedichte auswendig gelernt: „Wenn ich einmal nicht schlafen kann, rezitiere ich sie noch heute.“

Im Sommer 1949 machte Anneliese Gergs schließlich das Abitur. Ihr Berufswunsch stand schon lange fest: Lehrerin für Geschichte und Englisch wollte sie werden. 35 Jahre lang übte sie ihren Traumberuf an der Bertha-von-Suttner Oberschule in Reinickendorf aus und unterrichtete dort u. a. den späteren RAF-Terroristen Jan-Carl Raspe. publikum_erzaehlcafe koernerkiez mit anneliese gergs_neukoellnEnde der 1980er Jahre ging die Päda-gogin, die unverheiratet und kinderlos blieb, dann aus gesundheitlichen Gründen in den Vorruhe-stand.koernerkiez_neukoelln

Große Hobbys von ihr waren und sind das Kla-vierspielen und Singen, „und früher bin ich gerne nach Cornwall gereist“, erzählte die treue Ilsenhof-Bewoh-nerin den Besuchern des Erzählcafés im Körnerkiez.  Schon 1951 hatte ihr Faible für England und Schottland begonnen, als sie dort als Erntehelferin und in einem internationalen Camp mitarbeitete. „Eine sehr interessante Sache“, resü-miert Anneliese Gergs. Eine sehr interessante Sache war auch das Teilhaben an der Zeitreise durch ihr Leben.

Das nächste Erzählcafe findet am 14. April von 16 bis 18 Uhr im Neuköllner Leuchtturm (Emser Straße 117) statt. Zu Gast ist dann die 1935 geborene Susanne Werner, die von ihrer Jugend in der Nachkriegszeit in Neukölln berichten wird.

=Reinhold Steinle=

Advertisements

Eine Antwort

  1. Danke für diese Initiative in meinem alten Kiez (1971-1995). Viele Anregungen und Informationen allen Beteiligten und Lesern! Richard

Kommentare sind geschlossen.