„Alle reden über Integration, keiner redet über uns – die Deutschdozent_innen“

die deutschule neukoellnFür alle Flüchtlinge, die nach Neukölln kommen, sind Sprach- und Integrationskurse ein unentbehrliches Kernstück aller Integrationsanstrengungen. Anträge ausfüllen, Arbeit suchen, die Kinder in der Schule unterstützen – ohne Grundkenntnisse der deutschen Sprache läuft so gut wie nichts wirklich rund. Und wer in Deutschland leben möchte, sollte zumindest einige Dinge über die Geschichte, die Kultur und die Rechtsordnung des Landes wissen.

Allein im fußläufigen Bereich der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen C&A-Haus in der Karl-Marx-Straße sind deshalb gut ein halbes Dutzend Angebote für Integrations- und Sprachkurse derzeit in der Datenbank des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge aufgelistet. Doch in Berlin ist das verwirrend vielfältige Angebot teils von fragwürdiger Qualität, wie der Tagesspiegel erst vor einer Woche warnte und bezweifelte, ob Fahrschulen der richtige Platz für Deutschkurse sind. Hinzu kommt: Selbst bei seriösen und anerkannt guten Anbietern wie den Berliner Volkshochschulen und erfahrenen privaten Spra-cheninstituten, verdienen Dozentinnen und Dozenten bei Vollzeitarbeit – je nach Sprachkursträger – netto nur zwischen 800 und 1.200 Euro pro Monat. Bei Renteneintritt mit 67 Jahren sei die Altersarmut damit unausweichlich, beklagen der ver.di Fachbereich 05 und der Landesverband Berlin der GEW sowie die unab-hängige offener brief_kundgebung daz-dozenten berlinInteressenvertretung DaZ-Netzwerk für Lehrkräfte in Integrationskursen einhellig.

Am Mittwoch vergangener Woche trafen sich deshalb Dozenten aus Sprach- und Integrations-kursen gemeinsam mit Sprachlehrbeauftragte an Hochschulen zu einer bundesweiten Kundgebung vom dem Bundesministerium des Innern. Harald Neymanns neymanns_kundgebung daz-dozenten berlin(r.), stellvertretender Pressesprecher im BMI, nahm bei der Gelegenheit einen offenen Brief an Innenminister Thomas de Maizière entgegen. Kernfor-derung des Schreibens: Tarifgebundener Angestell-tenstatus wie für Sprachlehrer an staatlichen Schulen oder bei Freiberuflichkeit ein Honorar von 60 Euro pro Unterrichtseinheit plus eine Beteiligung der auftrag-gebenden podium_dialogforum gewerkschaftsgruen berlin-brandenburgEinrichtungen an den Sozialversiche-rungsabgaben!

Vorgestern Abend lud die Initiative Gewerkschafts-Grün Berlin & Brandenburg im Nachgang in das DGB-Haus ein. „Integration und Spracherwerb“ lautete der Titel des regelmäßig stattfindenden Dialogforums „Gute Arbeit ist Grün“. Aus dem Abgeordnetenhaus waren die Grüne-Politikerinnen Sabine Bangert, Sprecherin für Arbeitsmarkt- und Kulturpolitik, sowie Canan Bayram, Sprecherin für Integration, Migration und Flüchtlinge gekommen. Von der GEW konnte Moderator Armin Schäfer die Lehrerin Maria Greckl begrüßen. Für die Dienst-leistungsgewerkschaft ver.di war Beate Strenge, Sprecherin der Selbstständigen an den Volkshochschulen, gekommen. „Wir brauchen mindestens das Doppelte, um menschenwürdig zu arbeiten: 60 Euro pro Unterrichtseinheit und Zulagen oder als zweite strenge_bangert_dialogforum gewerkschaftsgruen berlin-brandenburgOption die Festanstellung“, wiederholte Beate Strenge (l.) die Forderungen der Dozenten aus Sprach- und Integrationskursen. „Das muss endlich in den Haushalt eingetütet werden!“, forderte sie die Oppositionspolitikerinnen Bangert (M.) und Bayram auf. Maria Greckl, die in so genannten Willkommensklassen unterrichtet, stellte klar: „Ich spreche nur sehr ungern von Willkommensklassen, weil der Begriff etwas beschönigend klingt. Ich sage lieber Sprachlernklassen.“ Inzwischen sei die Zahl der Sprachlernklassen in Berlin auf über 700 gestiegen. Es gebe einen großen Bedarf an Personal, weshalb auch Lehrkräfte eingestellt werden müssten, die keine vollständige Lehrerausbildung haben. Bei der Einrichtung von Sprachlernklassen gebe es zudem Raumprobleme an den Schulen.

Dass die Vermittlung von Deutsch als Zweitsprache eine besondere Fähigkeit ist, die die DaZ-Lehrkräfte selbst erst erlernen müssen, verdeutlichte Beate Strenge an einem einfachen Beispiel: „Es ist eine Kunst, einfach und verständlich zu sprechen. Ich muss ‚kaufen‘ statt ‚anschaffen‘ sagen, wenn ich mit einem Anfänger spreche. ‚Kaufen‘ ist A1-Grundvokabular, während das Verb ‚anschaffen‘ erst zum Wortschatz des anspruchsvollsten Niveaus C2 gehört.“ Lehrerin Maria Greckl (zwischen Schäfer und Bayram) pflichtete der schaefer_greckl_bayram_dialogforum gewerkschaftsgruen berlin-brandenburgDaZ-Dozentin bei und wünschte sich diesen bewussten Umgang mit Sprache auch von jenen Lehrerkollegen, die in Regelklassen mathematisch-technische Fächer wie Physik oder Mathematik unterrichten.

„Das Hilfesystem für Geflüchtete ist unter-dimensioniert und unorganisiert“, kritisierte Sabine Bangert die derzeitigen Angebote in Berlin. „Geflüchtete brauchen fünf Jahre bis sie im Arbeitsmarkt ankommen. Das Sprachniveau B2 ist nach gut zwei Jahren zu schaffen“, zählte die Arbeitsmarkt-politikerin die wichtigsten Eckdaten auf. „Berufliche Aus- und Weiterbildung wird jetzt endlich von der Bundesagentur für Arbeit bedarfsgerecht finanziert“, machte Bangert den Arbeitssuchenden wie den Arbeitgebern gleichermaßen Hoffnung. Auch die IHK habe erkannt, dass beispielsweise Berufsausbilder im Handwerk jetzt wegen des Fachkräftemangels kompetent in der Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache sein müssten. Die Abgeordnete Canan Bayram fragte nach den Arbeitsmarktchancen für Geflüchtete: „Was für Arbeitsplätze entstehen und können Geflüchtete ihre infotisch_dialogforum gewerkschaftsgruen berlin-brandenburgKompetenzen in die neuen Jobs einbringen?“

Viele Fragen konnten am Dienstagabend nur angerissen und nicht beantwortet werden. Auch die Frage des Moderators Armin Schäfer, wann die 5.000 neuen Stellen beim BAMF, die Ende 2015 ausgeschrieben wurden und auf die es bereits 31.000 Bewerbungen gab, endlich besetzt würden, blieb unbeantwortet. Die Berliner Arbeitssenatorin Dilek Kolat stellte allerdings gestern, einen Tag nach dem Dialogforum den neuesten Masterplan Integration der Öffentlichkeit vor. Eine gute Gelegenheit, um sich wieder für bessere Arbeits- und Lehrbedingungen in Integrations- und Sprachkursen und andere Verbesserungen im Hilfesystem für Flüchtinge einzubringen.

=Christian Kölling=

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