Begleitung für Demente, Entlastung für ihre Angehörigen

ev kirchenkreis neukoellnRenate, die selber schon 80 ist, möchte etwas davon zurückgeben, dass es ihr gut geht. Für Ehrenamt sei sie nicht zu alt, findet sie. In Evas Leben tat sich plötzlich eine Lücke auf: Erst wurde sie Witwe, dann zog ein Ther-momix in den Haushalt ihrer Tochter und das Bekochen der Familie durch die Oma wurde unnötig. Auf der Suche nach einer neuen Beschäftigung kam die 76-Jährige zur Diakonie Haltestelle, die seit nunmehr 10 Jahren mit einem ehrenamtlichen Betreuungs- und Entlastungs-angebot für Demenz-Erkrankte und Menschen mit einer Pflegestufe Patienten und deren Angehörige unterstützt.

Samstag wurde das Jubiläum im Tagungshaus des Evangelischen Kirchenkreises Neukölln gefeiert. Ein Mann, der von Anfang an dabei ist und sein Engagement als „echte Herzensangelegenheit“ bezeichnet, weil Demenz alle angehe und die Krankheit nicht länger ein Tabu sein dürfe, konnte nicht am Fest wollersheim_10 jahre diakonie haltestelle neukoellnteilnehmen: Der Sonnabend, ließ er durch Projektleiterin Beate Wollersheim (l.) ausrichten, gehöre schon lange dem älteren Herrn, den er betreue.

Auf 40 Standorte in Berlin und Brandenburg konnte das Angebot inzwischen ausgeweitet werden. Die Zahl der Ehrenamtlichen, die in einem Grundkurs und mit regelmäßigen Schulungen sowie durch Team- und Fallbesprechungen auf ihre Aufgabe eingestellt werden, ist im Laufe der Zeit auf mehr als 500 angewachsen. 30 Hauptamtliche koordinieren die Aktivitäten an den ehrenamtliche diakonie haltestelle neukoellnDiakonie Haltestellen, von denen es jeweils eine für Nord- und Süd-Neukölln gibt. Im vergangenen Jahr kümmerten sich hier 63 Ehrenamtliche um 133 Klienten.

Bei letzteren handele es sich oft um Menschen, die „kaum ertragen können, was ihnen auferlegt wurde“, betonte kennert_10 jahre diakonie haltestelle_neukoellnSuperintendentin Viola Ken-nert (l.) in ihrer Begrüßungs-andacht. Bei der Betreuung durch die Ehrenamtlichen würden sie in ihrer schwierigen Lebenssituation Nächstenliebe erfahren. Schließlich seien die Halte-stellen das, was früher in Dörfern die Brunnen waren: Orte, an denen man sich trifft und wo Zeit zum Reden über die wirklich elementaren Dinge ist: „Die Frage ‚Woher kommst du, wo willst du hin?‘ gibt dabei den Impuls, von der eigenen Biografie zu erzählen.“ Innehalten zu können sei tatsächlich äußerst wichtig bei der Aufgabe, die viel Kraft erfordere, aber ebenfalls viel gebe, bestätigte Beate Wollers-heim. Außer etwa 40 Ehrenamtlichen konnte sie auch Neuköllns Bezirksbürger-meisterin, Katharina Smaldino, die Beauftragte für Menschen mit Behinderung, und wollersheim_giffey_10 jahre diakonie haltestelle_neukoellnSozialstadtrat Bernd Szczepanski bei der Feier begrüßen.

„Wir dürfen und wollen bei allen Problemen rund um das Thema Flüchtlinge diejenigen nicht vergessen, die schon immer hier sind“, sagte Dr. Franziska Giffey (r.), bevor sie den „Friedens- und Freundschaftsbär Rixi“ an das Projekt überreichte. Eines der wichtigen Anliegen sei, zu signalisieren, dass auch ältere Menschen zur Gesellschaft gehören und den Bezirk demenzfreundlicher zu machen. Wie das geschehen soll, ließ Giffey außen vor, keinen Hehl machte sie aber daraus, dass diese Aufgabe – ebenso wie die Flüchtlingsbetreuung und diverse andere – ohne ehrenamtliches Engagement kaum zu bewältigen sei.

Schon heute leben rund 40.000 demenziell Erkrankte in Berlin. Eine Zahl, die vom demographischen Wandel weiter nach oben getrieben werden wird. Die Versorgung der meisten Dementen übernehmen Angehörige – die dadurch häufig selber an ihre Belastungsgrenzen stoßen. Auch das ist ein Ansatzpunkt der Diakonie Halte-stellen und ihrer Ehrenamtlichen, deren Dienste mit einer Aufwandsentschädigung vergütet und  seit dem Inkrafttreten von SGB XI mit wollersheim_10 jahre diakonie haltestelle_neukoellnbis zu 208 Euro monatlich durch die Pflegever-sicherung finanziert werden. Anfangs waren es gerade einmal 460 Euro pro Jahr, was entschie-den schlechtere Rahmenbedingungen zur Folge hatte. Umgekehrt entstand der Effekt, dass Demente durch das Betreuungs- und Entlastungs-angebot möglichst lange in ihrem gewohnten Umfeld bleiben.

Auch Beate Wollersheim, die seit 30 Jahren in dem Bereich tätig ist, hat sich selbstverständlich schon Gedanken über die eigene „Herausforderung des langen Lebens“ gemacht. „Ich hoffe, dass mein Altwerden mir überlassen und nicht in tradierte Altersbilder gepresst wird“, umriss sie ihre Idee. Außerdem wünsche sie sich, dass sie darin begleitet und nicht bevormundet oder dauernd zu irgendetwas aktiviert werden soll. „Die Menschen in meinem Umfeld“, erwartet die Fachbereichsleiterin der Diakonie-Pflege Simeon, „sollen mich dann einfach so nehmen, wie ich bin.“

=ensa= 

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