Wie umweltfreundlich ist Neuköllns Fuhrpark?

april2015_dienstwagen bzbm neukoellnEgal, ob bei der Eröffnung des Festivals 48 Stunden Neukölln im Juni 2011, beim Rixdorfer Weihnachtsmarkt im Dezember 2012 oder zur Pressekonferenz beim Madonna Mädchentreff im April 2015 – eine schwarze Limousine mit dem markanten Kennzeichen B-NK 4000 war in den letzten Jahren immer dabei, wenn Ex-Bezirksbür-germeister Heinz Buschkowsky, seine Nach-folgerin Dr. Franziska Giffey oder – auch ab und an – der stellvertretende Bezirksbürgermeister Falko Liecke dienstlich unterwegs waren. Doch ist die bekannte schwarze Karosse längst nicht das einzige Gefährt im Fuhrpark des Bezirkes Neukölln: 41 Diesel- und neun Benzin-Fahrzeuge, ein Ben-ziner mit Gasanlage sowie 15 Fahrräder und zwei Pedelecs gehörten Ende 2015 zum Fahrzeugbestand des Bezirksamtes. Diese Zahlen sind der Antwort auf eine Kleine Anfrage des Grüne-Bezirksverordneten Matthias Holland zu entnehmen. Er dezember2012_dienstwagen bzbm neukoellnwollte kürzlich wissen, wie umweltfreundlich der Neuköllner Fuhrpark ist.

Elektro-, Hybrid- oder Erdgas-Fahrzeuge? Derzeit Null, musste Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey in ihrer Antwort für das Bezirksamt ein-räumen. Im Ordnungsamt laufe aber gerade eine Ausschreibung für den Abschluss eines neuen Leasingvertrages: Acht Fahrzeuge, davon sechs mit Diesel oder Benzin, sowie zwei Elektro-Fahrzeuge sollten in Zukunft eingesetzt werden. Ab Frühjahr 2016 sei beim Ordnungsamt außerdem der Einsatz einer Fahrradstreife beabsichtigt. Zwei Diensträder müssten dafür zusätzlich beschafft dienstrad bernd szczepanski_bezirksamt neukoellnwerden. Bezirksstadtrat Bernd Szczepanski (r.) sei als einziges Bezirksamtsmitglied „überwiegend mit dem öffentlichen Nahverkehr sowie dem Fahrrad unterwegs“. Gelegentlich, so Giffey in ihrer Antwort weiter, nutze er zudem einen privaten PKW für dienstliche Zwecke. Ebenso bewegten sich die Stadträte Falko Liecke, Thomas Blesing und Jan-Christopher Rämer dienstlich in der Regel mit ihren Privatwagen fort. „Die Bezirksbürgermeisterin nutzt einen BMW 530d xDrive GT, Kraftstoff-verbrauch 6,4 l auf 100 Kilometer, Schadstoffausstoß 169 g CO2 je Kilo-meter, juni2011_dienstwagen bzbm neukoellnAbgasnorm Euro 6″, steht ebenso kurz und bündig in der Antwort. So weit, so gut?

Fahrzeugen, die deutlich über dem EU-Grenzwert von 130g CO2/km liegen, wird im Dienstwagen-Check der Deutschen Umwelthilfe (DUH) schlicht die rote Karte gezeigt. Nur Limousinen wie der Mercedes Benz E250 BlueTEC (Diesel), der mit 5,4 l auf 100 Kilometern mit 118g CO2 je Kilometer deutlich unter dem EU-Limit liegt, und in dem beispielsweise der Bremer Bürgermeister fährt, kommen beim Öko-Test gut weg. Spritfresser der Reihen 5er BMW oder Audi A6 sind dagegen heute immer noch bei Berlins Senatoren, Staatssekretären und Bezirksbürgermeistern weitverbreitet. Nur Franz Schulz schaffte im November 2006 als Bezirksbürgermeister in Friedrichshain-Kreuzberg seinen Dienstwagen ab. Ein Privileg, auf das seine Amtsnachfolgerin Monika Herrmann im Neuköllner Nachbar-bezirk ebenfalls verzichtet.

Nicht nur zur Verbesserung der Neuköllner CO2-Bilanz ist die Umweltfreundlichkeit des Fuhrparkes durchaus ein Thema im Bezirk: Deutschlandweit sind die Belas-tungen mit Feinstaub und Stickoxiden in Häuschen des BLUME-Messnetzes an der Karl-Marx-Straße, der Silbersteinstraße sowie an der Nansenstraße am Reuterplatz berliner luftgütemessnetz_karl-marx-straße neuköllnmit am höchsten. Selbst moderne Euro-6-Diesel stehen in der Kritik, seitdem ADAC und AutoBild herausfanden, dass die Motoren teils deutlich mehr schädliche Stickoxide (NOx) ausstoßen als angegeben und der NOx-Grenzwert von 80 Milligramm (0,08 Gramm) pro Kilometer oft überschritten wird.  .

Die Deutsche Umwelthilfe hebt in ihren Audits lobend Großunternehmen wie Ikea, Bertelsmann oder Allianz hervor, die sich um eine umweltfreundliche Fahrzeugflotte bemühen. Der ökologische Verkehrsclub VCD hat bereits 2010 mit Unterstützung von Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt einen Leitfaden für ein umwelt-freundliches Flottenmanagement erarbeitet, der sich vorwiegend an kleine und mittlere Unternehmen richtet. Ob dieser Leitfaden wohl ebenso für die einzelnen Abteilungen des Bezirksamtes Neukölln nützlich sein könnte, die für Beschaffung, Nutzung und Bewirtschaftung der Fahrzeuge selbst verantwortlich sind?

Die Neuköllner Grünen sind mit der Kleinen Anfrage ihres Bezirksverordneten zumindest nicht unzufrieden. Fragesteller Holland konnte das sogenannte Dienst-radprivileg ins Gespräch bringen, demzufolge Dienstfahrräder seit 2012 steuerrechtlich wie Dienstwagen behandelt werden dürfen. Timm Büchner, langjähriger Sprecher der Klima AG, freut sich über die Anschaffung von Elektro-fahrzeugen, sofern sie konventionelle Fahrzeuge ersetzen und Ökostrom verwendet wird. Mit Fahrrädern, die nicht genutzt werden und nur rumstehen, würde in der Ökobilanz jedoch eher Schaden angerichtet. Georg Kössler, Energie-Referent der Grüne-Fraktion im Bundestag, der am liebsten im neuzugeschnittenen Wahlkreis 3 das Direktmandat für die Ökopartei erringen würde, ist unzufrieden, dass das Bezirksamt und allen voran die Bezirksbürgermeisterin aktiv zur hohen Fein-staubbelastung in Neukölln beitrage. „Aber ich sehe zarten Veränderungswillen. Es solar-tankstelle_maerkisches landbrot neukoellngibt bereits schicke Mittelklassewagen mit Elektro-antrieb. Das wäre bei Außenterminen von Frau Dr. Giffey ein positiver Hingucker“, findet Kössler.

Ein echter Neuköllner Pionier für eine transparente Öko-Bilanz dürfte aber unbestritten die Firma Märki-sches Landbrot sein. Ihr Öko-Audit geht weit über ein umweltfreundliches Fahrzeugflotten-Management mit Erdgasfahrzeugen und Elektro-Autos hinaus. Im Product Carbon Footprint Rechner (PCF)  kann jeder den ökologischen Fußabdruck der Brote aus dem Neu-köllner Industriegebiet ablesen. Dass irgendwann einmal ein ähnlicher Rechner für die Produkte und Leistungen des Bezirkes Neukölln im Netz zu finden ist, bleibt leider vorerst ferne Zukunftsmusik.

=Christian Kölling=

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