Jacky Spelter – Erinnerung an eine Neuköllner Kiezgröße

jacky spelter-filminterkulturelles seniorenprojekt reuterkiez_neukoellnIm Rahmen des Interkulturellen Seniorenprojekts im Reuterkiez hatte die Projektleiterin und Politologin Ursula Bach gestern interessierte Senioren und Seniorinnen zu einer vormittäglichen Filmvorführung im Kiosk am Reuterplatz eingeladen. Um die 20 Gäste sorgten dafür, dass der kleine Raum zur jacky spelter-gedenktafel, sanderstraße neuköllnGänze gefüllt war. Gezeigt wurden zwei Filme über Jacky Spelter, der – bis zu seinem Tod am 12. Mai 2004 – jahrzehntelang in der Sanderstraße im Reuterkiez gelebt hat, wo heute eine Gedenktafel an ihn erinnert.

Jakob Spelter, von allen Jacky genannt, war Deutschlands ältester Rock’n’Roller. Er hat Elvis Presley während dessen Militärzeit in Deutschland persönlich kennen gelernt und stand mit Fats Domino auf der Bühne. Anlässlich eines Auftritts in einem österrreichischen Hotel von Spelter, kam es zu einer Begegnung mit John Lennon, der damals in Österreich mit den Beatles Szenen für den Film „Help“ drehte. Jacky Spelters berufliche Glanzzeit waren die 1950er und 1960er Jahre: 1960 spielte er in erinnerungen an jacky spelter_interkulturelles seniorenprojekt reuterkiez_neukoellnder erfolgreichen TV-Serie „Stahlnetz“ einen Rock’n’Roll-Musiker. Dieses dürfte ihm nicht schwergefallen sein.

Die zuerst im mit Kinderzeichnungen dekorierten Kiosk vorgeführte WDR/ARTE-Produktion aus dem Jahr 1999 war ein emotional berührendes Portrait über Jacky gezeigt. Er, der in guten Zeiten sein Geld freigiebig ausgegeben hatte, wurde schließlich zum Sozialhilfeempfänger, der in einer kleinen Wohnung und trotz diverser Erkrankungen wie erinnerungen an jacky spelter_interkulturelles seniorenprojekt reuterkiez neukoellnDiabetes, Herzinsuffizienz und Bluthochdruck weiter für die Musik lebte. „Solange mich die Leute grüßen und ansprechen, bin ich ‚in‘. Dann fühle ich mich wie der Kaiser von Neukölln“, sagt der Vollblutmusiker, der das Beste aus seiner finanziell misslichen Situation machte, in dem Film.

Gesehen und erkannt werden, war ihm wichtig. Doch das Portrait zeigt auch einen sozial eingestellten Mensch, der sich um andere kümmert, ihnen selbstgemachte Buletten bringt und gern einen Schwatz mit den Nachbarn im Kiez hält. Das Kochen war neben dem Angeln und dem Schach sein liebstes Hobby – natürlich nach der Musik, die immer an erster Stelle für ihn stand. Doch in den letzten Jahren hatten er und seine langjährige Band „Jacky & his Strangers“ im Monat durchschnittlich nur noch einen Auftritt. Wenn es gut lief, waren es gerade mal zwei.

Der anschließend vorgeführte Film zeigte Jacky Spelters Reise nach Graceland, wo sein großes Idol, Elvis Presley begraben liegt. Freunde hatten dem Neuköllner im Jahr 2002 diese Reise ermöglicht. Dort in Memphis konnte er tatsächlich nochmals interkulturelles seniorenprojekt reuterkiez_neukoellnin einem bekannten Club auftreten.

Bernd Wirths (2. v. r.), Initiator des Film-Vormit-tags, war – wie sich beim folgenden Austausch herausstellte – der Einzige der anwesenden Senioren aus dem Reuterkiez, der einst einen Auftritt von „Jacky & his Strangers“ erlebt hatte. Doch die Band, gestand er, war ihm zu laut gewesen und Rock’n’Roll auch nicht seine bevorzugte Musikrichtung, so dass er das Konzert vorzeitig verließ. Auf der Straße, erzählte er, habe er sich jedoch öfter mit Jacky unterhalten, auch „über die früheren Mauerzeiten“. Sehr gut konnten sich aber einige Teilnehmer des Interkulturellen Seniorenprojekts noch an den russischstämmigen Schuhmacher erinnern, der lange seine Werkstatt im Kiez hatte, und dem der Rock’n’Roller im Film eine selbstgemachte Suppe bringt. Eine Frau steuerte zu dem Gespräch bei, dass sich Jackys Wunsch, einmal auf dem Bühne zu sterben, leider nicht erfüllt habe. Nach längerem Leiden und einer Odyssee durch mehrere Krankenhäuser und Reha-Kliniken starb er in einer Einrichtung der Charite. Sein Grab befinde sich auf dem Bergmann-Friedhof, sagte sie: „Gleich auf dem ersten, wenn man vom Südstern her kommt.“

Um am Ende noch einmal Jacky Spelter zu zitieren. Im ARTE-Portrait wurde er gefragt, was er mit einem Lottogewinn machen würde. „Dann würde ich mir die besten Leute zum Spielen holen“, antwortete der Vollblutmusiker.

Am 1. März nimmt das Interkulturelle Seniorenprojekt im Rathaus Schöneberg an einer Führung durch die Ausstellung „Wir waren Nachbarn, 152 Biografien jüdischer Zeitzeugen“ teil. Da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, wird um Anmeldung gebeten: ursula-e-bach[at]gmx.de bzw. Tel. 030 – 611 96 11.

=Reinhold Steinle=

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