Hatun-Sürücü-Preis 2016 für den Mama Afrika e. V., dritter Platz für einen Neuköllner Verein

buttons hatun-sürücü-preis berlinAm 7. Februar 2005 wurde die 23-jährige Hatun Sürücü von einem ihrer Brüder in der Tempelhofer Oberlandstraße an einer Bushaltestelle erschos-sen. Als sogenannter Ehrenmord löste die ent-setzliche Tat an der in Kreuzberg aufgewachsenen Tochter einer kurdisch-sunnitischen Einwanderer-familie aus der ostanatolischen Provinz Erzurum bundesweit eine Debatte über Zwangsehen, türkisch-arabische Parallelgesellschaften und fundamental-muslimische Wertvor-stellungen aus. Die junge Frau, die mit 16 Jahren gegen ihren Willen mit einem Cousin in der Türkei verheiratet worden war, hatte 1999 die Wohnung der Eltern verlassen, um einem westlichen Lebensstil zu folgen. Sie hatte ihr Kopftuch abgelegt, ihren kleinen Sohn alleine aufgezogen, Partys besucht, eine Lehre als Elektro-installateurin erfolgreich abgeschlossen und stand kurz vor Abschluss ihrer Gesellenprüfung. Juristisch ist der Mord noch immer nicht vollständig aufge-arbeitet: Mehr als zehn Jahre nach der Tat wurden zwei ihrer Brüder Ende Januar in der Türkei wegen Mordes angeklagt. Zum Gedenken an diese starke und mutige Frau verlieh die Fraktion der Berliner Grünen am vergangenen Freitag im Festsaal des ramona pop_hatun-sürücü-preis berlinAbgeordnetenhauses zum vierten Mal ihren Hatun-Sürücü-Preis, der seit 2013 jährlich ausgelobt wird.

„Wir sollten lieber von einen Schandverbrechen als von einem Ehrenmord sprechen“, hob die Fraktions-vorsitzende Ramona Pop (l.) hervor, die in ihrer Begrüßungsrede schilderte, wie Hatun Sürücü gegen alle Widerstände ein selbstbestimmtes Leben führte und sich beruflich in einer Männerdomäne behaup-tete. Frauenfeindlichkeit sowie Verbrechen gegen körperliche Unversehrtheit und freie persönliche Entfaltung seien aber weltweit verbreitet und nicht auf bestimmte Regionen oder Personengruppen be-schränkt. „Wir blicken entsetzt nach Köln. Eine Verharmlosung ist nicht angebracht. Wenn Populisten und Populistinnen aber Stimmung gegen Geflüchtete machen, ist das einfach widerlich“, sagte Ramona Pop. Vor gerade einmal 20 Jahren sei über die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe im Deutschen Bundestag eine parlamentarische Debatte geführt worden, „bei der sich mir die Nackenhaare sträubten“, fuhr Pop fort. Das Engagement für Mädchen und Frauen müsse in Berlin weiter gestärkt werden, denn gleiche Rechte und Lebensbedingungen für Frauen und Männer seien auch heutzutage im Alltag nicht selbstverständlich.

Insgesamt hatten sich diesmal 14 Projekte um den Hatun-Sürücü-Preis beworben. Mit dabei auch das Centre Talma GSJ Berlin, das zwar beim Wettbewerb leer 1billion-dance_hatun-sürücü-preis berlinausging, aber im Festsaal des Abgeordneten-hauses mit einer Tanzvorführung begeisterte, die auf eine weltweite One Billion Rising-Dance Demo aufmerksam machte, die am kommenden Sonntag u. a. am Brandenburger Tor stattfinden wird. Meral Al-Mer, Musikerin, Schauspielerin, Journalistin sowie Autorin mit syrischen Wurzeln und in diesem Jahr Mitglied der fünfköpfigen Jury, bekannte: „Mir kommen die Tränen, wenn ich an Hatun Sürücü denke. Es gibt viele Parallelen in ihrem und meinem Leben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig kleine Schritte für große Veränderungen sind.“ In der Jury waren weiterhin Barbara John, bis 2003 Ausländerbeauftragte des Berliner Senats sowie u. a. seit 2009 Vorsitzende des Berliner Diözesanverbandes des Katholischen Deutschen Frauenbundes, Sharon Adler, Herausgeberin des Frauen-Magazins AVIVA Berlin, urkunde 1preis mama afrika_hatun-sürücü-preis berlinsowie die Neuköllner Grünen-Abgeordneten Anja Kofbinger und Dr. Susanna Kahlefeld.

Den mit 500 Euro dotierten 1. Preis vergab die Jury an den Mama Afrika e. V., der bundesweit Informationsveranstaltungen und Aufklärungs-kampagnen zum Thema weibliche Genitalver-stümmelung organisiert. Das Hauptziel des Vereines ist die Überwindung der weiblichen Genitalverstümmelung in afrikanischen Ländern, insbesondere im westafrikanischen Guinea, damit in Zukunft kein Mädchen und keine Frau mehr die körperlichen und seelischen Schäden der weiblichen Genitalverstümmelung erleiden müssen. Ärztinnen, Hebammen und insbesondere Mütter und Großmütter stehen im Mittel-punkt souleymane_tiranke diallo_hatun-sürücü-preis berlinder Arbeit. „Genitalverstümmelung ist ein grau-sames Verbrechen, an dem es nichts Gutes gibt“, erklärten Souleymane und Tiranke Diallo vom Vorstand des Vereines bei der Preisübergabe.

Der 2. Platz ging an den Interkulturellen Mädchentreff, der seit 1996 im Reinickendorfer Kiez sehr niedrig-schwellig mit dem Ziel arbeitet, die Bildungschancen von Mädchen und Frauen zu erhöhen und deren persönliche Entwicklung und Selbständigkeit in allen Lebensbereichen zu fördern. Der 3. Preis afghanisches kulturzentrum_hatun-sürücü-preis berlinwurde an das Afghanische Kom-munikations- und Kulturzentrum (l.) vergeben, das seit fast 30 Jahren einen Großteil der afghanischen Community in Berlin und Branden-burg berät und unterstützt. Der in der Neuköllner Friedelstraße beheimatete Verein engagiert sich im Bereich von Integrations-, Menschenrechts-, Kultur- und Flüchtlingsarbeit.

Zwei andere Neuköllner Projekte, die dabei helfen, Selbstvertrauen aufzubauen und emotionalen Halt zu finden, nämlich der feministische Frauensportverein Lowkick e.V. sowie das Interkulturelle Theaterzentrum Berlin (itz), das sich mit seinem Projekt „Ich bin so froh, dass ich ein Mädchen bin“ beworben hatte, konnten keine Preise erringen. Erfolgreich waren dagegen bereits beim Hatun-Sürücü-Preis 2013 das Madonna-Mädchen-Empowerment-Projekt aus dem Rollbergviertel mit einem dritten Preis sowie beim HSP 2014 das Projekt HEROES mit dem zweiten, sowie der Treff- und Informationsort (TIO) e.V. mit dem dritten Preis.

=Christian Kölling=

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