„Das schwarze Wasser“: Inhaltsschwerer Kulturgenuss mit anschließender Publikumsdiskussion in der Neuköllner Oper

@martin koos.de_das schwarze wasser_neukoellner oper„Ich habe selten so ein anspruchsvolles Stück gesehen“, gestand in akzentfreiem Deutsch ein junger Mann, der nicht im geringsten den Eindruck machte, einer bildungsfernen Schicht anzugehören. „Sie müssen“, fuhr er Sonnabendnacht gegen elf Uhr fort, „die Schwellenangst weiter abbauen, damit noch mehr Menschen zu Ihnen kommen.“ Über zweihundert Zu-schauer hatten zuvor im fast ausverkauften Saal der Neuköllner Oper das Stück „Das schwarze Wasser“ gesehen: Im Musikstück der Brüder Vivan und Ketan Bhatti, das nach dem Schauspiel des Gegenwartsdramatikers Roland Schimmelpfennig entstand, geht es um Integration neukoellner oper_neukoellnund Chancengleichheit in Deutschland.

Rund 50 Besucher waren im Anschluss an die Aufführung zu einer Diskussion mit Eckhardt Barthel und Kazim Erdogan unter dem Titel „Wie wollen wir zusammen leben?“ geblieben. Eckhardt Barthel, heute Vorstand des Trägervereins der Neuköllner Oper, begann seine politische Karriere 1983 u. a. mit Ausländerpoltik im Berliner Abgeordnetenhaus. Er war zuletzt bis 2005 Kulturpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Kazim Erdogan, der 1953 in der Türkei geboren wurde, kam 1974 nach Berlin. Er arbeitet als Psychologe bei den Psychosozialen Diensten des Bezirksamtes Neukölln und organisiert seit Jahrzehnten interkulturelle Arbeit im Bezirk. Als Gründer der Initiative für ein noch besseres Neukölln sowie des Vereines Aufbruch Neukölln hat er ebenso bundesweite Bekanntheit erfahren wie als Initiator @martin koos.de_neukoellner oper_das schwarze wassermehrerer türkischer Männer- und Vätergruppen in Neukölln.

Der Plot von „Das schwarze Wasser“ ist schnell erzählt: Als Jugendliche klettern Frank, Olli und Cynthia in einer Sommernacht über den Zaun eines Freibades und treffen unerwartet auf Murat, Karim und Leyla, mit denen sie spontan eine wilde Party feiern. Frank und Leyla verlieben sich ineinander. Auch Cynthia und Karim beginnen eine kurze Romanze. Zwanzig Jahre später steht Frank kurz vor seiner Wahl zum Innenminister. Cynthia, die seine Ehefrau geworden ist , ist als Oberschuldirektorin tätig. Karim hat es zum Imbissbesitzer gebracht, während die Abiturientin Leyla nur als Kassiererin in einem Supermarkt arbeitet. An einem trüben Novembertag trifft Frank zufällig Leyla und geht auf einen Sprung in ihre Wohnung. Anschließend erleidet der designierte Innenminister, dessen Vater und Großvater ebenfalls Innenminister waren, einen Zusammenbruch. Sechs Journalistinnen und Journalisten einer Zeitungsredaktion recherchieren nach den Gründen seines Schwächeanfalls drei Tage vor der Wahl und kommen dabei @martin koos.de_das schwarze wasser_neuköllner opereinem handfesten Skandal auf die Spur.

Mit viel Fantasie, Experimentierfreude und Impro-visationstalent inszenierte die Neuköllner Oper ein rasantes Stück, in dem Orte und Zeitebenen beständig durcheinander wirbeln. Cynthia und Karim, die von Hrund Ósk Árnadóttir und Magnús Hallur Jónsson gesungen werden, wechselten so zum Beispiel schlagartig aus ihren Rollen als Journalisten in eine andere Szene, die sie als Liebespaar im Schwimmbad vor 20 Jahren zeigt. Wenig später kümmerte sich Oberschuldirektorin Cynthia im veilchenfarbenen Kostüm mit strenger Frisur um ihren Ehemann Frank, verkörpert von Robert Elibay-Hartog, der mit Aktentasche und Trenchcoat als Ministeranwärter erkennbar, nach seinem Schwächeanfall unter starkem Nasen-bluten litt. Ein sechseckiger Konferenztisch der Zeitungsredaktion in der Mitte der Bühne wandelte sich unversehens in ein Schwimmbecken oder das Oberdeck eines Autobusses, in dem Leyla, gespielt von Marielou Jacquard und ihre übrigen Freunde, gesungen von Katarina Morfa und Angelos Samartzis sich vergnügten. Unterstützt und begleitet wurden die schnellen Szenenwechsel vom fünfköpfigen Kammerensemble der Neuköllner Oper, das mit Klavier, Streichern, Bassklarinette und Schlagwerk unter Leitung von Yonathan Cohen die verschiedenartige musikalische Formen vom oratorischen Chor bis hin zur Arie mit Ausdruckselementen experimenteller Musik neuköllner oper_passage-kino neuköllnund Hip-Hop-Klängen spielte.

Nachdem der langanhaltende Schlussapplaus ver-klungen war, wandte sich Eckhardt Barthel an die Opernbesucher: „Wir möchten nach dieser inhalts-schweren Aufführung mit Ihnen im Gespräch bleiben. Wie haben Sie den Inhalt des Stückes gesehen?“ Sein Gesprächspartner Kazim Erdogan zog eine ernüchternde Bilanz: „Integration ist ein Schimpfwort geworden. Wir sollten lieber von Teilhabe, Partizipation oder Inklusion sprechen.“ Grundsätzlich kritisierte der Psychologe, dass die Alteingesessenen nur wenig Interesse für die Kultur und das Leben der Neuhinzugekommenen zeigten: „Ein Schwabe ist mein bester Freund, seit 38 Jahren. Ich mag ihn sehr, aber er hat sich noch nie für die Musik interessiert, die ich aus meiner Heimat kenne.“ Partizipation und Teihabe seien aber keine Einbahnstraße. Alle in Deutschland lebenden Menschen müssten für einander Verantwortung übernehmen, damit ein deutschzertifikat vhs neuköllnWir-Gefühl entstehen könne.

„In Neukölln wird der Grundsatz ‚Leben und leben lassen‘ sehr gepflegt“, wandte ein Mann ein. Mehrere Zuschauer bedauerten, dass Zugezogene zwar viele Sprachkurse besuchen würden, aber keine Sprachpraxis hätten. „Integration ist, wenn man sich auf gleicher Wellenlänge begegnet“, stellte ein 19-jähriger Abiturient fest, der nicht einsehen wollte, warum zwischen Integration und Teilhabe, Partizipation und Inklusion unterschieden werden müsse. „Wie hoch ist hier wohl der Abiturientenanteil? Und wo sind eigentlich die türkisch-stämmigen Deutschen, um deren schlechte Chancen es in der Aufführung ging?“, fragten andere Zuschauer. Andreas Altenhof, der zum dreiköpfigen Direktorium der Oper gehört erklärte: „Kunst kann 40 Jahre nicht vorhandener Integrationspolitik nicht ausgleichen. Unsere Stücke sind nicht immer so avantgardistisch wie heute.“ Mit dem Stück „Tango Türk“ habe die Neuköllner Oper schon deutsch-türkisches Musiktheater für ein breites Publikum aller Nationalitäten auf die Bühne gebracht. Andere Häuser wie die Komische Oper, merkte Altenhof an, würden aber ebenso versuchen, Hemmschwellen abzubauen.

Das Stück „Das schwarze Wasser“ wird noch bis zum 21. Februar in der Neuköllner Oper aufgeführt; Eintritt: 16 – 25 Euro (erm. 9 Euro)
Im Anschluss an die Vorstellungen am 30. Januar sowie 5., 13. und 20. Februar laden Kazim Erdogan und Eckardt Barthel wieder zum Meinungs-austausch unter dem Motto (Wie) wollen wir zusammen leben? ein; Eintritt frei.

=Christian Kölling=

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