Verantwortung durch das Abgeben von Verantwortung

babyklappe_vivantes klinikum neukoellnEs gibt Geschehnisse, bei denen man sich nicht mal vorstellen möchte, sie jemals erleben zu müssen. Ein solcher Vorfall ereignete sich vor drei Wochen:

In der Nacht vom vorletzten auf den letzten Tag des Jahres 2015 fand eine Krankenschwester des Vivantes Klinikums Neukölln in der Baby-klappe des Hauses einen toten Säugling. Die anschließende Obduktion des knapp sieben Pfund schweren Mädchens ergab, dass es voll entwickelt, aber nicht fachgerecht abgenabelt worden war. Zudem stellte sich heraus, dass das Kind schon längere Zeit bevor es in die Babyklappe gelegt wurde, tot gewesen sein muss. „Es bleibt bisher nur zu vermuten, unter welchen Bedingungen das Kind entbunden wurde“, teilte Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke mit. „Unklar ist auch, wie es der Mutter geht und wo sie ist. Umfangreiche Suchaktionen, bei denen auch Spürhunde zum Einsatz anfahrtskizze mutter-kind-zentrum_vivantes klinikum neukoellnkamen, blieben bisher erfolglos.“

Es war das erste Mal seit der Einrichtung der Babyklappe am Mutter-Kind-Zentrum des Vivan-tes Klinikums Neukölln im Jahr 2001, dass jede Hilfe zu spät kam. „Bisher wurden 25 Neugebo-rene dort abgelegt“, teilt Hannes Rehfeldt, Präventionsbeauftragter in der Abteilung Jugend und Gesundheit, mit. Alle Kinder seien gesund gewesen und konnten mit Hilfe des Jugendamtes Neukölln in Familien vermittelt werden. Bundesweit liegt die Zahl der Kinder, deren Mütter die Babyklappe in Anspruch nahmen, bei knapp 1.000; fünf Krankenhäuser in Berlin bieten diese oft lebensrettende Möglichkeit an, der zumeist eine Hausgeburt vorangeht.

Doch auch für Schwangere, die das Wagnis scheuen, bei der Entbindung auf sich allein gestellt zu sein, gibt es Alternativen: einerseits die anonyme Geburt und ande-rerseits die vertrauliche Geburt. Beide Varianten gewährleisten eine medizinisch betreute Entbindung, was die Risiken für Mutter und Kind erheblich reduziert. Welche Klinik die Möglichkeit bietet, ein Baby anonym, d. h. ohne Erfassung ihrer Perso-nalien, kreißsaal mutter-kind-zentrum vivantes neukoelln_foto franziska taffeltzur Welt zu bringen, erfahren Frauen bei Anruf der Telefonnummer 0800 4560 789. Die Kosten, die bei einer ambulanten Klinikgeburt mit mindestens 922 Euro und bei einer Kaiserschnittgeburt im Minimum mit 2.400 Euro anzusetzen sind, tragen die Kranken-häuser. „Auch im Vivantes Klinikum Neukölln besteht die Möglichkeit der anonymen Geburt. Bisher“, so Hannes Rehfeldt, „wurde sie einmal in Anspruch genommen.“ Nicht durchgeführt wurde indes in einem der dortigen Kreißsäle eine vertrauliche Geburt. Bei ihr wird die Identität der Mutter, die sich aus unter-schiedlichsten Gründen zu diesem Schritt gezwungen sah, erfasst und in einem verschlossenen Umschlag aufbewahrt: Ist ein vertraulich entbundenes Kind 16 Jahre alt, kann es so auf Antrag Informationen über die Personalien der Mutter erhalten.

Neukölln sei mit den vielen Angeboten der Präventionskette Gesundes Neukölln gut aufgestellt, um eine gute Entwicklung von Kindern in unserem Bezirk zu unterstützen. „Eine absolute Sicherheit“, bedauert Stadtrat Liecke, „gibt es jedoch nicht, wie der tragische Fall am Ende des vergangenen Jahres zeigt.“ Den besten Schutz für Kinder biete letztlich „eine starke und liebende Familie, die angebotene Unterstützung auch annimmt, wenn es erforderlich ist.“ Babyklappen und anonyme oder vertrauliche Entbindungen sind Möglichkeiten, die Kindern eine Zukunft bieten, deren leibliche Mütter bzw. Eltern Verantwortung zeigen, indem sie eben die abgeben.

=ensa=

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