„Immer dienstags trifft sich die Neuköllner Kulturszene in einer Telefonzelle aufm Richardplatz“

gruppenbild mitglieder_20 jahre kulturnetzwerk neukoellnMit diesem Bild beschrieb Klaus Dieter Ryrko die Situation anno 1995 in seiner Video-Bot-schaft. Gezeigt wurde der Einspieler zwischen denen zahlreicher anderer Gratulanten am vergangenen Dienstag, als das Kulturnetz-werk Neukölln in der Neuköllner Oper sein 20-jähriges Bestehen feierte.

Ryrko, Programmbereichsleiter bei der VHS Neukölln, saß derweil im Publikum und erlebte einen Abend, der zurückblicken und in die Zukunft schauen ließ. Zunächst aber war es – nach der Begrüßung durch Vor-standsmitglied Auguste Kuschnerow – an Bezirksbürgermeisterin Giffey, dem Jubilar giffey_kramer_kuschnerow_20 jahre kulturnetzwerk neukoellnzu gratulieren, der in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit vor allem als Veranstalter des jährlichen Kunstfestivals 48 Stunden Neukölln in Erscheinung tritt. Für sie sei der Verein jedoch mehr als das, hielt Dr. Franziska Giffey (l., neben Geschäftsführerin Regina Kramer und Auguste Kuschnerow) fest, nämlich: ein „starker Partner für den Bezirk“. Vielen Menschen aus der Krea-tivszene habe das Kulturnetzwerk Neukölln den Weg von einem prekären Arbeits-verhältnis ins geregelte Arbeitsleben geebnet: „Manche von ihnen haben sogar den maier_stenger_kolland_20 jahre kulturnetzwerk neukoellnSprung in den ersten Arbeitsmarkt geschafft.“

Eine „gemeinsame Basis für eine bessere perso-nelle Versorgung zu schaffen“, war auch die Inten-tion der 14 Mitgliedsinstitutionen, die den Verein vor 20 Jahren gründeten. Schon an den Ovationen, die Dorothea Kolland (r.) begleiteten, als sie – lädiert durch einen Fahrradunfall – auf die Bühne humpelte, ließ sich ablesen, welche maßgebliche Rolle die ehemalige Neuköllner Kulturamts-Chefin seinerzeit spielte. Mit „Die Kultur-landschaft des Bezirks ist geprägt von Armut, Ideenreichtum und Solidarität“ beschrieb sie damals den Ist-Zustand dessen, was sich inzwischen zum Aushänge-schild von Neukölln wandelte. Es sei eine Armut gewesen, die von der Bundespolitik gemacht war. „Westberlin war abgehängt“, unterstrich Jürgen Maier (l., neben Mode-rator passage neukoellnThorsten Schlenger), ebenfalls Gründungsmitglied und einst Chef der Neuköllner Oper, ihr Statement. In Ostberlin habe es hingegen ABM-Stellen für Künstler gegeben, führte Kolland aus. Das habe man auch für Neukölln erreichen wollen und deshalb den Dialog mit dem Arbeitsamt angefangen, der „jahrelang ein Weg auf kolland_20 jahre kulturnetzwerk neukoellnganz dünner Schnur“ gewesen sei.

Erreicht wurde das Ziel zwar nicht, aber immerhin konnten – und können noch heute – über das Kulturnetzwerk Neukölln geförderte Arbeitsplätze im administrativen Umfeld der Kreativen eingerichtet werden. So wurde der Verein zu einem „wichtigen kulturpolitischen Instrument“ im Bezirk. Mehr Stabilität würde Dorothea Kolland ihm wünschen, weil die fehlende Planungssicher-heit absolut nervig sei: „Aber auch nicht zu viel, weil das die altenhof_markland_steffens_raemer_malter_20 jahre kulturnetzwerk neukoellnExperimentierfreudig-keit bremsen würde.“

Unter dem Motto „Kapital. Identität. Neukölln.“ stand die anschließende, von Dr. Martin Stef-fens (M.) moderierte Podiumsdiskussion, die die Aussichten für den Bezirk und seine Kulturszene beleuchten sollte. Innerhalb der nächsten 20 Jahre, prognostizierte Andreas Altenhof (l.) von der Neuköllner Oper, werde sich die Einwohnerzahl von derzeit rund 320.000 um 20 Prozent vergrößern. „80 Prozent von ihnen werden einen Migrationshintergrund haben“, vermutete die Künstlerin Bridge Markland (2. v. l.). Auf nur „mindestens 360.000 Einwohner“ einigten sich hingegen Kulturstadtrat Jan-Christopher Rämer (2. v. r.) und Ingo Malter (r.), der raemer_malter_20 jahre kulturnetzwerk neukoellnGeschäftsführer der in Neukölln ansässigen Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land.

„Sozial und ethnisch“, meint letzterer, „wird sich der Bezirk aber nicht so sehr verändern, wie man es sich heute vorstellt.“ Das allerdings sieht Rämer entschie-den anders. Die Zusammensetzung werde sich räumlich und punktuell stark verändern: „Dass wir komplett Zehlendorf werden, dett gloob ick aber nich.“ Dafür, Veränderungen nicht als unabwend-bares altenhof_markland_steffens_20 jahre kulturnetzwerk neukoellnNaturereignis hinzunehmen, plä-diert indes Altenhof: „Wir sind gerade an einem entscheidenden Punkt, wo wir bestimmen, wie sich die Stadt entwickelt.“ Wo wird Kultur künftig überhaupt noch Platz haben? „Es ist die Aufgabe der Politik, Räume zu sichern und nicht alles dem Verwertungsdruck zu opfern“, entgegnete der Kulturstadtrat auf die Frage von Moderator Steffens, der nicht nur das Festival 48 Stunden Neukölln leitet, sondern auch den Kunstverein Neukölln, der kürzlich sein angestammtes Domizil verlassen musste. Dass bei-spielsweise der Neuköllner Oper dieses Schicksal erspart blieb, war allerdings kein Verdienst der Politik: „Wir sind in der Glückssituation, mit dem Passage-Besitzer raemer_20 jahre kulturnetzwerk neukoellnVictor Kopp einen Vermieter zu haben, der die Devise ‚Eigentum verpflichtet‘ ernst nimmt“, ergänzte Altenhof.

„Wofür lohnt es sich zu kämpfen?“, fragte schließlich Martin Steffens in die Runde. Für’s Andersbleiben, fand Ingo Malter und erfuhr von Bridge Markland, die sich zuvor für das bedingungslose Grundeinkommen für Künstler stark gemacht hatte, dass Anderssein das Wesen von Kunst und Kultur sei. „Der größte Fehler wäre es, elitär zu werden“, schloss sich Jan-Christopher Rämer an, bevor er ein Basecap mit Neukölln-Schriftzug aus der Tasche zog: „Die Frage für die Kultur muss sein: Wie krieg ich Anzug und WannaBe-Gangster zusammen?“ Andreas Altenhofs Antwort hob eher praktische Aspekte hervor: Für Solidarität, mehr Kultur und dafür, dass viele einander helfen.

Seit 1995 ist die Kreativszene im Bezirk sprunghaft gewachsen. 52 Mitglieder gehören inzwischen gehören dem Kulturnetzwerk Neukölln e. V. an – zu viele, um Meetings in einer Telefonzelle abzuhalten. Dass es ohnehin keine mehr auf dem Richardplatz gibt, steht auf einem anderen Blatt.

=ensa=

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